Pflege On-Demand: Mit Telerobotik gegen den Pflegenotstand
Routineaufgaben in der Pflege können im Forschungsprojekt TELESKOOP vom
Telerobotik-Hersteller Devanthro, der Charité Berlin und dem FZI
Forschungszentrum Informatik künftig aus der Ferne erledigt werden.
Mittels intuitiver Virtual Reality-Steuerung steuern die Pfleger*innen
Teleroboter. Dies ermöglicht den stetig steigenden Pflegebedarf besser zu
decken und entlastet die Pflegekräfte im Alltag, ohne dass auf persönliche
Bedürfnisse und das Menschliche verzichtet wird.
Karlsruhe, 18.02.2022 – Wie begegnet man dem fortschreitenden
Pflegenotstand? Zum Beispiel mit menschenähnlichen Telerobotiksystemen –
sogenannten Robodies. So lautet die Antwort des Forschungsprojekts
„Roboter-Helfer in den eigenen vier Wänden – ermöglicht durch Telepräsenz
und kooperative Regelung“ (TELESKOOP) vom Münchner Telerobotik-Start-up
Devanthro - the Robody Company, der Charité Berlin und dem FZI
Forschungszentrum Informatik in Karlsruhe. Verfolgt wird hierbei jedoch
kein KI-gestützter Ansatz mit autonom agierenden Pflegerobotern,
stattdessen basiert das Forschungsprojekt TELESKOOP auf „Shared
Control“-Methoden. Pflegekräfte übernehmen mittels eines intuitiven, auf
Augmented-Reality-Technologien aufbauenden Interfaces die Kontrolle eines
Robodies, der vor Ort bei den Patient*innen verfügbar ist. So ist die
Pflege auf Abruf verfügbar – ohne Reise- oder Wartezeiten und individuell
auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt. Gleichzeitig soll dadurch
das Pflegepersonal physisch und psychisch im Arbeitsalltag entlastet
werden.
Fernsteuerung mit immersiver VR-Technologie
Die Robodies genannten Pflege-Telerobotiksysteme stammen von Devanthro,
die zugleich die Führung des Projekts übernehmen. Unterstützt wird das
Start-up bei der Entwicklung vom FZI, dass auf langjährige
Forschungserfahrung in den Bereichen Robotik, Medizin und Geriatrie
zurückblicken kann. Der Fokus des Teams um Dr.-Ing. Stefan Schwab am FZI
liegt dabei auf der Entwicklung von neuartigen Methoden der Mensch-
Maschine-Kooperation zur intuitiven Steuerung robotischer Systeme.
Präzision und Sicherheit der äußerst leistungsstarken mechanischen Systeme
stehen dabei an erster Stelle.
„Mit diesem telemedizinischen Ansatz ermöglichen wir nicht nur
Flexibilität, sondern können auch den persönlichen und vertrauensvollen
Austausch zwischen der pflegebedürftigen Person und dem Pflegepersonal
bewahren“, ist Schwab überzeugt und ergänzt, dass dieser Ansatz die
jeweiligen Stärken von Mensch und Maschine optimal kombiniert.
Der Ansatz der Telebetreuung ist grundsätzlich nicht neu. Jedoch wurden
hierfür in der Regel Joysticks und Bildschirme genutzt, was sich aufgrund
der Umständlichkeit der Steuerung nicht am Markt durchsetzen konnte.
Robodies werden hingegen mit etablierter VR-Technologie gesteuert und
ermöglichen so ein immersives Eintauchen in die Pflegesituation vor Ort
und nicht nur eine deutlich höhere Geschicklichkeit in der Steuerung der
Robodies, sondern auch ein besseres Situationsbewusstsein. Dies ermöglicht
die Durchführung von körpernahen Aufgaben mit den leistungsstarken
Robotiksystemen, die vollautomatisierte Systeme aufgrund ihrer Komplexität
und teils mangelnden Feingefühl nicht übernehmen können.
Gemeinsame Weiterentwicklung mit den Patient*innen
Während des Forschungszeitraums kommen die Robodies bei Patient*innen zum
Einsatz, die zu Hause wohnen und ambulant pflegebedürftig sind. Diese
Personen brauchen zum Beispiel Unterstützung bei der Körperpflege, Hygiene
und bei Alltagsaufgaben aufgrund körperlicher oder kognitiver
Einschränkungen. Der Praxiseinsatz dieser körpernahen Aufgaben wird von
der Forschungsgruppe Geriatrie der Charité Berlin mit überwacht und
unterstützt. Hauptaugenmerk liegt dabei auch in der Erfassung von
Bedürfnissen der Patient*innen und Pflegenden beim Einsatz der Robodies,
die direkt in die weitere Entwicklung einfließen sollen.
Das Forschungsprojekt ist im Oktober 2021 gestartet und wird für die
kommenden drei Jahre vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im
Rahmen der Förderung „START-interaktiv“ mit knapp 635.000€ gefördert.
Derzeit werden Interviews mit Betroffenen geführt, um relevante
Anwendungsfälle für die Robodies zu erheben. Auf dieser Basis sollen dann
die konkreten Anforderungen an die Hardware der nächsten Robody-Generation
und die zu entwickelnde Software aufgestellt werden.
Über das FZI Forschungszentrum Informatik
Das FZI Forschungszentrum Informatik mit Hauptsitz in Karlsruhe und
Außenstelle in Berlin ist eine gemeinnützige Einrichtung für Informatik-
Anwendungsforschung und Technologietransfer. Es bringt die neuesten
wissenschaftlichen Erkenntnisse der Informationstechnologie in Unternehmen
und öffentliche Einrichtungen und qualifiziert junge Menschen für eine
akademische und wirtschaftliche Karriere oder den Sprung in die
Selbstständigkeit. Betreut von Professoren verschiedener Fakultäten
entwickeln die Forschungsgruppen am FZI interdisziplinär für ihre
Auftraggeber Konzepte, Software-, Hardware- und Systemlösungen und setzen
die gefundenen Lösungen prototypisch um. Mit dem FZI House of Living Labs
steht eine einzigartige Forschungsumgebung für die Anwendungsforschung
bereit. Das FZI ist Innovationspartner des Karlsruher Instituts für
Technologie (KIT).
Über die Devanthro GmbH
Devanthro ist ein Pionier der vom Menschen inspirierten Robotik und eines
der wenigen deutschen Robotik-Unternehmen mit Fokus auf Pflege zu Hause.
Seit der Gründung im Jahr 2018 hat Devanthro mehrere Generationen von bio-
inspirierten Robotern entwickelt, darunter die Humanoiden Roboy 2.0 und
Roboy 3.0. Diese werden heute in weltbekannten wissenschaftlichen
Einrichtungen wie der University of Oxford zur Forschung in den Bereichen
Robotik, Neurowissenschaften und Biomedizintechnik eingesetzt.
Seit 2020 entwickelt Devanthro an einer Revolution der Robotik: Nicht
autonome Roboter, sondern Teleroboter. Diese “Robodies” sind robotische
Körper, die von überall auf der Welt ferngesteuert werden können. Durch
den Einsatz von VR-Technologie ist das so intuitiv, dass es selbst Laien
im Handumdrehen lernen.
Devanthros Vision ist es, mit den Robodies älteren Menschen eine
zugängliche und menschliche Pflege, die rund um die Uhr abrufbar ist, zu
ermöglichen. Anstatt von Sorgen um die Gesundheit, komplizierten Abläufen,
Einsamkeit und Langeweile geprägten Tagen, ermöglicht Devanthro so einen
aktiven Tagesablauf, in den Angehörige und Pflegekräfte unkompliziert
eingebunden werden können. Da die Robodies zudem im Notfall automatisch
rund um die Uhr verfügbar sind, haben Angehörige und ihre Liebsten die
Sicherheit, dass jederzeit jemand da ist, um das Alter mit Gelassenheit zu
erleben.
Über die Forschungsgruppe Geriatrie der Charité - Universitätsmedizin
Berlin
Die interdisziplinär zusammengesetzte Forschungsgruppe Geriatrie der
Charité - Universitätsmedizin Berlin CFGG) forscht seit 1990 zu
unterschiedlichsten Themen assistiver Technologien in der
Gesundheitsversorgung zur Unterstützung von geriatrischen Patienten und
medizinischem Personal. Ziel ist hierbei die Entwicklung innovativer
Technologien für die Schaffung integrierter und intelligenter Lebenswelten
zur Erhaltung von Gesundheit und Selbstbestimmtheit im Prozess des
Alterns. Die Schwerpunkte der CFGG liegen in der Anforderungserhebungen
und Nutzerintegration im Sinne der allgemeinen Usability-Forschung unter
Berücksichtigung des User-Centered Designs nach DIN EN ISO 9241-210 sowie
in der Durchführung (klinischer) Studien. Zudem werden durch die CFGG
Fragestellungen bezüglich ethischer, rechtlicher und sozialer
Implikationen (ELSI) adressiert. In zwei bereits abgeschlossenen Robotik-
Projekten hat die CFGG erfolgreich mit dem FZI zusammengearbeitet.
