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Bei Herzschwäche unterschätzt: seelische Komplikationen

Prof. Dr. med. Karl-Heinz Ladwig, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Herzstiftung und Professor für psychosomatische Medizin, Kllnikum rechts der Isar, Technische Universität München  Foto: Michael Haggenmüller
Prof. Dr. med. Karl-Heinz Ladwig, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Herzstiftung und Professor für psychosomatische Medizin, Kllnikum rechts der Isar, Technische Universität München Foto: Michael Haggenmüller
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Prof. Dr. med. Karl-Heinz Ladwig, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Herzstiftung und Professor für psychosomatische Medizin, Kllnikum rechts der Isar, Technische Universität München  Foto: Michael Haggenmüller
Prof. Dr. med. Karl-Heinz Ladwig, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Herzstiftung und Professor für psychosomatische Medizin, Kllnikum rechts der Isar, Technische Universität München Foto: Michael Haggenmüller

Europäische Psychokardiologie-Experten fordern im klinischen Alltag mehr
Fokus auf seelische Leiden als Folge und Verstärker der Herzinsuffizienz
Das Herz ist ein „Lebensmotor“, der unsere Organe mit lebenswichtigem
Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Schädigt ein Herzinfarkt oder ein
unbehandelter Bluthochdruck den Herzmuskel dauerhaft, so dass er an
Pumpkraft verliert und es kommt zur chronischen Herzschwäche
(Herzinsuffizienz), ist nicht nur das Herz geschädigt, sondern auch andere
Organe wie Gehirn, Nieren und Muskeln nehmen Schaden. Die Herzschwäche mit
bis zu vier Millionen Betroffenen in Deutschland schränkt deren
Lebensqualität allein mit Symptomen wie Luftnot, Abnahme der
Leistungsfähigkeit, Müdigkeit und Wassereinlagerungen in den Beinen massiv
ein (Infos: www.herzstiftung.de/herzschwaeche-therapie). „Patienten mit
Herzinsuffizienz haben aber nicht nur körperliche, sondern meist auch
erhebliche seelische Probleme. Psychosoziale Risikofaktoren wie Depression
sowie soziale Isolation, Einsamkeit und traumatische Effekte aufgrund der
Erkrankung werden häufig nicht ausreichend bei der Behandlung dieser
Patienten berücksichtigt“, berichtet der Experte für Psychokardiologie
Prof. Dr. med. Karl-Heinz Ladwig vom Wissenschaftlichen Beirat der
Deutschen Herzstiftung. Dass eine medizinische Versorgung von Patienten
mit chronischer Herzinsuffizienz gerade auch diese psychosozialen Faktoren
viel mehr in die Therapie integrieren muss, fordern zwölf europäische
hochrangige Wissenschaftlicher/innen u. a. mit psychokardiologischer
Expertise, unter ihnen Ladwig, der Professor für psychosomatische Medizin
am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München ist.
Ladwig und seine Kollegen/innen haben im Auftrag der Europäischen
Gesellschaft für präventive Kardiologie (European Association of
Preventive Cardiology) in einem Positionspapier den wissenschaftlichen
Stand und die klinische Bedeutung psychosozialer Fragen für das
Krankheitsbild Herzinsuffizienz erarbeitet. Ihre Ergebnisse haben sie im
renommierten Fachjournal „European Journal of Preventive Cardiology“
(EJPC) publiziert https://doi.org/10.1093/eurjpc/zwac006 (1).

Depression und Einsamkeit zu wenig im klinischen Alltag berücksichtigt
Psychosoziale Risikofaktoren wie die Depression sind für das Entstehen und
den Verlauf der Herzinsuffizienz von Bedeutung, werden aber in der
Kardiologie noch unterschätzt. „Insbesondere die Depression und soziale
Isolation/Einsamkeit sind als Faktoren, die eine Herzinsuffizienz
begünstigen, durch zahlreiche Studien belegt. Sie werden aber im
klinischen Alltag ungenügend berücksichtigt“, gibt Prof. Ladwig zu
bedenken. „Häufig nimmt die Herzschwäche einen schwerwiegenden
Krankheitsverlauf. Das fördert bei den Patienten wiederum Episoden von
Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die erheblich belasten.“ Auf die
seelischen Komplikationen der Herzinsuffizienz zu achten und die Patienten
psychologisch zu betreuen, so Ladwig, sollte daher fester Bestandteil der
Therapie sein. Die Autoren und Autorinnen des Positionspapiers weisen
außerdem darauf hin, dass die Depression und andere psychosoziale
Stressfaktoren über verschiedene biologische Vermittlungswege (u. a.
Ausschüttung von Hormonen und neuro-endokrinen Entzündungsstoffen) zu
einer weiteren Verschlechterung der Herzinsuffizienz beitragen können.

Nachlassende Selbstfürsorge: Telemedizin und neuere Gesprächstechniken
nutzen
Auf die Psyche der meist schwer chronisch kranken Patienten kann sich der
Krankheitsprozess traumatisch auswirken. Das liegt daran, dass sich bei
der Herzinsuffizienz die Herzfunktion unvorhersehbar und rasch
lebensbedrohlich – bis hin zur Krankenhauseinweisung - verschlechtern kann
(Dekompensation). „Dieser unsicheren Situation begegnen Patienten häufig
mit einem Ohnmachtsgefühl, sie beginnen, die Krankheitsrealität zu
verleugnen. Das wiederum erschwert die Mitarbeit der Patienten deutlich“,
berichtet Ladwig. Allerdings könne dieses selbstschädigende Verhalten der
Patienten durch neue erfolgversprechende psychologische Gesprächstechniken
deutlich verbessert werden. Die Experten des Positionspapiers ermutigen
dazu, auch telemedizinische Betreuungskonzepte zu nutzen, die aber die
wichtige persönliche Begegnung von Patient/in und Arzt bzw. Ärztin nicht
ersetzen soll. Infos zur Telemedizin bei Herzschwäche sind abrufbar unter
www.herzstiftung.de/herzinsuffizienz-telemedizin

Option zu Antidepressiva: kognitive Verhaltenstherapie kombiniert mit
Bewegung
Klassische psychotherapeutische Behandlungskonzepte zeigen ebenso wie eine
Psychopharmaka-Therapie keine oder allenfalls mäßige Erfolge. Besser
wirksam sind den Wissenschaftlern zufolge Interventionen, die körperliche
Bewegungsprogramme mit kognitiver Verhaltenstherapie kombinieren. „Damit
lassen sich im Gespräch mit dem Verhaltenstherapeuten negative Denkmuster
und Defizite in der Wahrnehmung abbauen. Körperliches Training verbessert
die Durchblutung in Gehirn und Muskulatur und stärkt die körperliche und
geistige Leistungsfähigkeit der Patienten“, erklärt Ladwig. All das
kombiniert wirke sich günstig auf die Depression und ihre Symptome wie
verminderte Konzentrationsfähigkeit und Schlaflosigkeit aus.
„Zur Behandlung einer schwerwiegenden andauernden Depression sollte ein
Psychiater oder Psychosomatiker hinzugezogen werden.“ Das gilt Ladwig
zufolge ganz besonders auch für die vielen Patienten mit Herzinsuffizienz,
die einen implantierbaren Defibrillator (ICD) zum  Verhindern eines
plötzlichen Herztods durch bösartige Herzrhythmusstörungen
(Kammerflimmern) oder im fortgeschrittenen Verlauf auch ein Linksherz-
Unterstützungs-System (LVAD) benötigen. „Die psychologische Unterstützung
dieser Patienten und ihrer Angehörigen muss integraler Bestandteil des
langfristigen Behandlungsplans werden“, so die Forderung von Ladwig und
den Mitautoren/innen des Positionspapiers. Darüber hinaus sollte schon zu
einem frühen Zeitpunkt die Möglichkeit einer stationären oder ambulanten
palliativen Versorgung mit Patienten, betreuenden Angehörigen und dem
medizinisch-pflegerischen Personal besprochen werden.

(1) Literatur:

Ladwig KH et al., Mental Health-Related Risk Factors and Interventions in
Patients with Heart Failure. A Position Paper endorsed by the European
Association of Preventive Cardiology (EAPC), European Journal of
Preventive Cardiology, 2022;, zwac006,
https://doi.org/10.1093/eurjpc/zwac006

Tipp für Patienten und Angehörige: Der Ratgeber „Das schwache Herz“ (180
S.) kann kostenfrei per Tel. unter 069 955128-400 oder unter
www.herzstiftung.de/bestellung angefordert werden. Leicht verständlich
informieren Herzexperten über Ursachen, Vorbeugung sowie über aktuelle
Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten der Herzschwäche.

Weitere Infos zur Diagnose und Therapie der Herzschwäche unter
www.herzstiftung.de/herzschwaeche-therapie

Infos zur Telemedizin bei Herzschwäche:
www.herzstiftung.de/herzinsuffizienz-telemedizin