Hodgkin Lymphom: Selbstisolation und Gesichtsmasken reduzieren Infektionen während der Chemotherapie
Die Lockdown-Maßnahmen während der ersten Monate der Covid-19-Pandemie
haben zu einer deutlichen Verringerung von akuten Infektionen bei Hodgkin
Patient:innen während der Chemotherapie geführt. Dies zeigt eine
Auswertung der Therapiestudie HD21 der Deutschen Hodgkin Studiengruppe
(GHSG) an der Uniklinik Köln, deren Ergebnisse kürzlich im Fachjournal
Infection (2022; DOI: 10.1007/s15010-022-01765-3) veröffentlicht wurden.
In der GHSG HD21-Studie erhielten neu diagnostizierte Patient:innen mit
einem fortgeschrittenen Hodgkin Lymphom als Standardbehandlung eine
Chemotherapie mit dem Therapieregime eBEACOPP (dosiseskaliertes Bleomycin,
Etoposid, Adriamycin, Cyclophosphamid, Vincristin, Procarbazin und
Prednison). Diese wirksame und zugleich intensive Therapie ist allerdings
mit einem erhöhten Infektionsrisiko für Virus- und Pilzinfektionen
verbunden – was für die Jahre 2017 bis 2019 auch entsprechend dokumentiert
wurde. Mit dem Auftreten der Covid-19-Pandemie und den damit verbundenen
Maßnahmen der sozialen Distanz, dem Tragen von Gesichtsmasken und eines
umfassenderen Lockdowns stellte sich die Frage, ob diese Interventionen
auch einen Einfluss auf das Auftreten therapiebedingter Infektionen bei
Studienpatient:innen haben.
Für den Zeitraum 07/2016 bis 08/2020 wurden 911 Chemotherapie-Zyklen von
insgesamt 313 erwachsenen Hodgkin-Patient:innen ausgewertet, die mit 4 bis
6 Zyklen eBEACOPP behandelt worden waren. Im Ergebnis zeigte sich durch
den Covid-19-Lockdown (03/2020 – 06/2020) ein signifikanter Rückgang
auftretender Infektionen begleitend zur Chemotherapie: Während im Zeitraum
2017-2019 bei 131 (19,6 %) von ingesamt 670 Zyklen eine Infektion auftrat,
war dies während des COVID-19-Lockdowns nur bei 30 (12,6 %) von 239 Zyklen
der Fall [OR 0,574 (95% CI 0,354-0,930), P = 0,024]. Der stärkste Effekt
zeigte sich bei den nicht näher spezifizierten Infektionen: Hier standen
39 Zyklen (5,8 %) mit Infektionen (Zeitraum 2017-2019) nur 5 Zyklen (2,1
%) mit Infektionen (Covid-19-Lockdown) gegenüber. Schaut man sich die
Anzahl der behandelten Patienten an, so ergab die Analyse, dass in den
Jahren 2017-2019 insgesamt 99 (43,2 %) von 229 Patienten an einer
Infektion erkrankten, während im Lockdown nur bei 20 (24,1 %) von 83
Patienten eine Infektion auftrat (P = 0,0023).
Die Autoren schlussfolgern, dass der signifikante Rückgang der Infektionen
im Rahmen des Covid-19-Lockdowns das Potenzial möglicher Schutzmaßnahmen
wie soziale Distanz und das Tragen von Gesichtsmasken zeigt:
„Patient:innen, die sich während der intensiven Chemotherapie vor
Infektionen schützen wollen, haben jetzt zum ersten Mal Daten, die
belegen, dass dies durch einfache Maßnahmen möglich ist – Erkrankte können
damit eine eigene, informierte Entscheidung treffen“, fasst Prof. Dr. med.
Peter Borchmann von der Uniklinik Köln die Bedeutung dieser Ergebnisse
zusammen.
