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Ein zweites Leben – Rostocker Ärzte bringen „stehendes“ Herz eines 38-Jährigen wieder zum Schlagen

Die Professoren Hüseyin Ince und Alper Öner (v.l.) leiten das Herzzentrum der Universitätsmedizin Rostock  Thomas Rahr  Universität Rostock
Die Professoren Hüseyin Ince und Alper Öner (v.l.) leiten das Herzzentrum der Universitätsmedizin Rostock Thomas Rahr Universität Rostock
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Die Professoren Hüseyin Ince und Alper Öner (v.l.) leiten das Herzzentrum der Universitätsmedizin Rostock  Thomas Rahr  Universität Rostock
Die Professoren Hüseyin Ince und Alper Öner (v.l.) leiten das Herzzentrum der Universitätsmedizin Rostock Thomas Rahr Universität Rostock

Durch die umsichtige ärztliche Notfallversorgung und den Einsatz
modernster Medizintechnik der Universitätsmedizin Rostock konnte das Leben
eines 38-jährigen Rostockers gerettet werden. Nach einem Herzstillstand
konnte sein Herz ohne Folgeschäden wieder zum Schlagen gebracht werden.

Es ist der letzte Januartag 2022. Gemeinsam mit einem Kollegen ist der
38-jährige Kranmonteur in 36 Metern Höhe auf den Turm eines Krans
gestiegen. Plötzlich spürt er einen stechenden Schmerz in der Brust. Sein
Gesicht verfärbt sich aschgrau. Auf der Stirn werden Schweißperlen
sichtbar. Sein Kollege fragt, ob alles in Ordnung sei. „Es geht gleich
wieder“, sagt der Rostocker. Und erzählt, dass er vor drei Tagen schon
einmal ähnliche Symptome hatte. Dachte an Verspannungen. Der Kollege
erkennt, dass er sofort dringend Hilfe braucht und fragt ihn noch schnell,
ob er die zehn Meter Abstieg bis ins Kran-Plateau alleine schafft. Das
gelingt. Der Kollege ruft den Notdienst.
Schnell sind die Höhenretter der Rostocker Feuerwehr mit einer
Spezialausrüstung vor Ort und bringen den Mann mit dem Rettungswagen ins
Herzzentrum der Universitätsmedizin Rostock. Hier erkennen die handelnden
Ärztinnen und Ärzte sofort den Ernst der Lage. Der Patient ist in einem
extrem schlechten Zustand – ein kardiologischer Schock: kreideweis, mit
niedrigem Blutdruck und klassischen Veränderungen im EKG, nicht
ansprechbar.

Dem Tod näher als dem Leben
„Bei dem Patienten zeigte sich bei der Untersuchung im Herzkatheter-Labor,
dass der so genannte Hauptstamm, also das Gefäß, das in der Regel 75
Prozent der Herzmuskulatur mit Blut versorgt, verschlossen war“, sagt
Professor Alper Öner, der gemeinsam mit Professor Hüseyin Ince das
Herzzentrum der Rostocker Unimedizin leitet. Für die beiden Experten, die
im Fachgebiet der Herzmedizin international einen Namen haben, grenzt es
an ein Wunder, den Patienten überhaupt lebend im Krankenhaus zu empfangen.
„Patienten mit diesem Befund sind meist schon vor Ort tot“, sagt Professor
Ince. Selbst diejenigen, die mit diesem Befund noch im Krankenhaus
aufgenommen werden, hätten eine extrem niedrige Überlebenschance. „Das
liegt daran, dass das Herz ein Muskel ist, der auf permanente
sauerstoffreiche Blutzufuhr angewiesen ist“, betont Professor Öner, der
bei der Behandlung Regie führte. „Bei einem Hauptstammverschluss wie in
diesem Fall ist man dem Tod näher als dem Leben“.
Unbestechlich signalisierte der Ultraschall den Ärzten, dass das Herz des
38-Jährigen „stand“ und somit das Leben des Familienvaters von drei
Kindern noch weniger als am seidenen Faden hing. Denn, der Befund
bedeutete auch, dass kaum noch Blut in den Kreislauf gepumpt werden
konnte. Allen beteiligten Spezialisten um Oberarzt Stephan Valenta war
klar, dass sich, selbst wenn mit Hilfe eines Stents das Gefäß geöffnet
werden würde, das Herz nicht erholen, sprich: pumpen würde.

Technik hilft heilen
Für Professor Öner gibt es in solchen Grenzsituationen nur die Devise:
„Alles was möglich ist, tun. Technik hilft heilen“. Die Technik, die hier
hilft, sind Herz-Lungen-Maschinen. Diese verwenden Herzchirurgen für die
offene Herz-OP: Mit Hilfe von großen Schläuchen, im Durchmesser zwei
Zentimeter, wird das Blut aus dem Körper gezogen, mit Sauerstoff
angereichert und wieder in den Körper zurückgeführt.
Doch diese Maschine alleine hätte dem Patienten nicht das Leben gerettet,
„weil sie nicht die Eigenschaft hat, das angegriffene Herz zu entlasten“,
erklärt Professor Öner. Da konnte nur eine weitere Maschine, die so
genannte Impella, unterstützen. Diese minimalinvasive, temporäre Herzpumpe
arbeitet mit Echtzeit-Intelligenz und ermöglicht eine bessere Erholung des
Herzens. Sie schafft es, zwei bis dreieinhalb Liter Blut in der Minute zu
pumpen und reduziert dadurch die Last, die das Herz sonst bewältigen muss.
Denn wichtig ist, dass die Heilungskräfte des Körpers, die nötige Zeit
bekommen, um aktiviert zu werden. „Hier geht es um Sekunden, Minuten, oft
aber auch Stunden, die für die körpereigenen Heilungskräfte benötigt
werden“, verdeutlicht Professor Öner.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit rettet Leben
Das Implantieren dieser Technik durch Kardiologen ist das eine; das andere
das Führen und Bedienen der lebensrettenden Maschinen, das einen sehr
hohen Spezialisierungsgrad der beteiligten Teams voraussetzt.
Beispielsweise von der Anästhesiologie und Intensivtherapie um Professor
Daniel Reuter sowie der Abteilung für Pneumologie mit Professor Johann
Christian Virchow an der Spitze und Professor Pascal Dohmen aus der
Herzchirurgie.
Und genau das sei es, was die Unimedizin in Rostock auszeichne, die
interdisziplinäre Zusammenarbeit aller Fachbereiche, unterstreicht der
Dekan der Medizinischen Fakultät, Professor Emil Reisinger. „Wir setzen in
Rostock auf den Schwerpunkt Medizintechnik und forschen gemeinsam mit den
technischen Fakultäten der Universität Rostock an Neuentwicklungen
hochtechnischer Geräte, die den Patienten zugutekommen“.
Die Professoren Ince und Öner danken dem Vorstand, dass beide
Herzmaschinen in ihrem Herzzentrum verfügbar sind. Denn: Die Kosten sind
hoch und werden oft nicht durch das Vergütungssystem der Krankenkassen
vollständig abgedeckt.

Hören Sie auf Ihr Herz!
Gegenwärtig befindet sich der Patient in der Reha, er fühle sich gut,
könne kurze Strecken gehen und Treppen steigen. Die Ehefrau des Patienten
ist sich sicher: „Die Technik funktioniert nur, wenn großartige Menschen
dahinterstehen.“ Sie sei dem Herzzentrum der Universitätsmedizin Rostock
unendlich dankbar für die großartige Leistung, die ihrem Mann ein zweites
Leben ermögliche. Besonders glücklich sei sie, dass er keine geistigen
Schäden davongetragen habe. Und er habe einen anderen Lebensstil
anvisiert, er wolle nicht mehr rauchen und sich in Zukunft gesünder
ernähren.
Dass sich das Herz des Patienten gut erholt habe, „grenzt fast an ein
Wunder“, betont Professor Ince und zeigt sich, wie er sagt, „ein bisschen
stolz“ auf das, was das Rostocker Herzzentrum geleistet habe. „Der Patient
hat keinen Herzschaden genommen. Weder beim Sport, noch beim Arbeiten oder
Feiern wird er eingeschränkt sein.“ Die Krankheit werde ihn zwar
begleiten, „aber wir halten sie in Schach“, sind sich die Professoren Öner
und Ince einig. Ihre Botschaft an ihn: „Hören Sie auf Ihr Herz!“

Uni-Rektor Professor Wolfgang Schareck, selbst Mediziner, sagt: „Dank und
Glückwunsch diesem Team und dem Patienten alles erdenklich Gute!“ Der
Wissenschafts- und Forschungsschwerpunkt der beiden Rostocker Kardiologen
Professor Öner und Ince in enger Zusammenarbeit mit dem Institut für
Implantat-Technologie und Biomaterialien, geführt durch Professor Klaus-
Peter Schmitz, liegt auf dem Gebiet der Medizintechnik. Die wunderbare
Lebensrettung eines jungen Familienvaters, bei dem es gelang, mit
spezialisierter ärztlicher Notfallversorgung und dem Einsatz modernster
Medizintechnik ein Herz ohne bleibende Schäden wieder zum Schlagen zu
bringen, zeigt, dass der beschrittene Weg der richtige ist. Text: Wolfgang
Thiel