Ein reicher Schatz, der endlich gehoben werden muss: DDG fordert Zusammenführung der bundesweiten DMP-Diabetes-Daten
Wirkung und Sicherheit eines einzelnen Medikaments können recht gut in
klinischen Studien untersucht werden. Nahezu unmöglich ist es dagegen, die
facettenreiche Behandlung chronischer Erkrankungen, wie die des Diabetes
mellitus, unter kontrollierten oder gar doppelblinden Studien zu
evaluieren. Zu vielfältig sind die Voraussetzungen, die die Erkrankten mit
sich bringen, und zu komplex ist die Therapie, die sich aus vielen, zum
Teil nicht-medikamentösen Interventionen zusammensetzt. Im Rahmen einer
Studie können diese nur schwer voneinander getrennt betrachtet werden.
Umso wichtiger wäre es, die umfangreichen, im Behandlungsalltag ohnehin
anfallenden Daten, aus den Disease-Management-Programmen (DMP)
zusammenzuführen und auszuwerten. Bereits seit mehreren Jahren fordert die
Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), diesen bislang weitgehend
ignorierten Datenschatz zu heben. Apelle zur freiwilligen Zusammenführung
der bereits erhobenen Daten zeigten bislang keine Wirkung. Daher fordert
der DDG-Vorstand den Gesetzgeber dazu auf, die Verpflichtung zur
Zusammenführung der Dokumentationsdaten in den DMP-Anforderungen
festzuschreiben.
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Disease-Management-Programme (DMP) sind strukturierte
Behandlungsprogramme, die Menschen mit einer chronischen Erkrankung bei
der Therapie und Behandlung unterstützen. Hier soll ein koordiniertes
Vorgehen ermöglichen, dass erkrankte Personen über Einrichtungsgrenzen
hinweg auf dem aktuellen medizinischen Forschungsstand behandelt werden–
so können Komplikationen und Folgeerkrankungen vermieden werden. Für
Menschen mit Diabetes mellitus existieren solche Programme seit 2003;
mittlerweile sind rund fünf Millionen Betroffene – über 4,7 Millionen
Menschen mit Typ-2-Diabetes, sowie 267.000 Menschen mit Typ-1-Diabetes –
bundesweit in diese Programme eingeschrieben. „Bis heute ist es in den
meisten Bundesländern jedoch nicht gelungen, die im Rahmen der DMP
erhobenen Daten gezielt zusammenzuführen und auszuwerten“, sagt Dr. med.
Matthias Kaltheuner, Diabetologe aus Leverkusen.
Das sei umso weniger verständlich, als die Voraussetzungen hierfür gar
nicht besser sein könnten: Im Rahmen der DMP werden die Patienten
regelmäßig untersucht und wichtige Parameter, teilweise mehrmals im Jahr,
erfasst und festgehalten. Hierzu zählen der Blutzucker- und HbA1c-Wert,
der Blutdruck, die Nierenfunktion und auch der bei dieser Erkrankung so
wichtige Zustand der Augen und Füße. „Diese Daten werden seit Beginn der
DMP-Verträge in allen 17 kassenärztlichen Vereinigungen bundesweit erhoben
und liegen im gleichen Dateiformat vor“, betont Kaltheuner. Die für eine
bundesweite Analyse erforderliche Standardisierung sei daher seit vielen
Jahren gewährleistet, und auch die Analysekompetenz werde im
Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Köln bereits
vorgehalten. „Es wäre daher in kurzer Zeit und mit geringem Aufwand
möglich, die DMP-Dokumentationen in einer Art nationalem Diabetesregister
zusammenzuführen und auszuwerten“, erklärt der Diabetologe.
Aus den Daten, die bislang weitgehend ungenutzt bei den kassenärztlichen
Vereinigungen (KV) liegen, ließen sich wertvolle Informationen zum
eventuellen Nutzen der DMPs und zur Versorgungsqualität von Menschen mit
Diabetes herausfiltern. „Insbesondere für Längsschnittuntersuchungen sind
die Daten hervorragend geeignet, da die Patientinnen und Patienten in den
DMP über Jahre hinweg begleitet werden“, sagt Dr. Dorothea Reichert,
niedergelassene Diabetologin in Landau und DDG-Vorstandsmitglied. Damit
ließen sich primär medizinische Fragen, wie die nach dem Einfluss von
Komorbiditäten oder des Alters auf den Krankheitsverlauf, beantworten.
Aber auch gesundheitspolitische Fragestellungen, wie beispielsweise welche
Betroffenen mit Diabetes in hausärztlicher Betreuung von einer
frühzeitigen Überweisung in spezialisierten Zentren profitieren oder
Schnittstellen besser ineinandergreifen können, ließen sich klären.
Ausführlich analysiert und publiziert wurden die DMP-Daten bislang nur in
der KV-Bereichen Nordrhein und Westfalen-Lippe. Niedersachsen und Baden-
Württemberg stehen zumindest in den Startlöchern. „Im Grunde ist aber seit
Jahren kein wesentlicher Fortschritt zu erkennen“, sagt Kaltheuner. Der
DDG-Vorstand appelliert daher an die betroffenen Institutionen sowie den
Gesetzgeber, die Zusammenführung der Dokumentationen verpflichtend in den
DMP-Anforderungskatalog aufzunehmen. Die Erhebung der DMP-Daten habe
bisher mindestens 1,5 Milliarden Euro gekostet, so die DDG-Experten. Diese
nun zu zentralisieren, zu analysieren und in einem Gesamtbericht
darzustellen, schlage mit verhältnismäßig geringen Kosten zu Buche. Derart
günstig seien wichtige medizinische und gesundheitspolitische
Erkenntnisse, die Millionen von schwer betroffenen Menschen zugutekommen,
nicht oft zu haben.
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Über die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG):
Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) ist mit mehr als 9200 Mitgliedern
eine der großen medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften in
Deutschland. Sie unterstützt Wissenschaft und Forschung, engagiert sich in
Fort- und Weiterbildung, zertifiziert Behandlungseinrichtungen und
entwickelt Leitlinien. Ziel ist eine wirksamere Prävention und Behandlung
der Volkskrankheit Diabetes, von der mehr als acht Millionen Menschen in
Deutschland betroffen sind. Zu diesem Zweck unternimmt sie auch
umfangreiche gesundheitspolitische Aktivitäten.
