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Kindermedikamente gezielt und sicher einsetzen!

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Stiftung Kindergesundheit informiert über den richtigen Umgang mit
Arzneimitteln für kranke Kinder

Macht das Kind einen kranken Eindruck, ist den Eltern schnell angst und
bange: Was hat es bloß? Ist es etwas Schlimmes? Was können wir tun? Gibt
es etwas dagegen in der Apotheke? Oder müssen wir sofort zum Kinderarzt?
In solchen Fällen sofort zu einem Medikament zu greifen ist unnötig und
häufig sogar falsch, betont die Stiftung Kindergesundheit in einer
aktuellen Stellungnahme.

Keine Frage: Viele Krankheiten lassen sich heute mit Medikamenten
wesentlich besser behandeln als noch vor Jahren. Sie machen Schmerzen
erträglich, bekämpfen Keime, heilen oft schwere Leiden. Wenn heute die
Tuberkulose kein Todesurteil mehr darstellt, wenn viele ansteckende
Krankheiten sicherer behandelt werden können oder wenn seelische Störungen
einer Therapie zugänglich geworden sind, so ist das wesentlich den
modernen Arzneimitteln zu verdanken. Wenn ein Medikament von dem Kinder-
und Jugendarzt als notwendig bewertet und dem Kind verschrieben wird,
sollte es entsprechend der Verordnung und für die vorgesehene Dauer
eingesetzt werden.

Bei „Aua“ hilft oft schon Ablenken und Trösten
Aber nicht bei jedem kleinen Wehwehchen sind Medikamente nötig,
unterstreicht die Stiftung Kindergesundheit. Bei Kindern klingen viele
Krankheiten nach einer Weile von selbst ab und lassen sich durch
Beruhigen, Ablenken und Trösten oft gut überwinden.

„Bei harmlosen Beschwerden wie leicht erhöhten Temperaturen sollten Eltern
nicht immer sofort zu Fieberzäpfchen, Säften oder Tropfen greifen, sondern
der Selbstheilung des kindlichen Organismus eine Chance geben und auch
bewährte Hausmittel wie Wadenwickel oder ein Abkühlbad erwägen“, empfiehlt
Prof. Dr. Berthold Koletzko, Vorsitzender der in München ansässigen
Stiftung Kindergesundheit. Bei Kindern, die trotz erhöhter Temperatur
munter sind und normal essen und trinken, müssen keine Maßnahmen ergriffen
werden. Steigt die Temperatur aber über 38,5 Grad an, kann der
Allgemeinzustand eines Kindes beeinträchtigt werden: Es fühlt sich
schlecht, hat Muskel- und Gliederschmerzen, ist appetitlos und quengelig.
„Wenn das Kind so offensichtlich leidet, ist es sinnvoll, das Fieber zu
senken“, so Professor Berthold Koletzko.

„Sollen Medikamente bei Kindern eingesetzt werden, so müssen die Eltern
mehr beachten als Erwachsene bei der Einnahme von Arzneimitteln“, sagt der
Münchner Kinder- und Jugendarzt: „Sie sollten auch bei rezeptfreien
Mitteln vorsichtig sein und sich in Zweifelsfällen lieber an ihre Kinder-
und Jugendarzt wenden“.

Mädchen greifen häufiger zu Medikamenten als Jungen
Aktuelle Daten zeigen, dass für einen beachtlichen Teil der Menschen in
Deutschland das Einnehmen von Medikamenten zur Gewohnheit geworden ist:

•       Die Umsätze für Arzneimittel auf Kassenrezept haben sich seit 2005
von 23,6 auf 53,3 Milliarden Euro mehr als verdoppelt.

•       Die große Kindergesundheitsstudie des Robert Koch Instituts KiGGS
(Welle 2) untersuchte die Einnahme von Medikamenten bei Kindern und
Jugendlichen bis zu 17 Jahren und ermittelte beunruhigende Zahlen: Von
3.462 Kindern und Jugendlichen wendeten 1.292 mindestens ein Präparat in
den letzten sieben Tagen an. Das entspricht einer Häufigkeit von 36,4
Prozent und bedeutet, dass im Durchschnitt jedes dritte Kind und
Jugendliche im Alter von 3 bis 17 Jahren mindestens ein Arzneimittel
und/oder Nahrungsergänzungsmittel in den letzten sieben Tagen angewendet
hatte. Mädchen nahmen mit 38,5 Prozent signifikant häufiger Arzneimittel
oder Nahrungsergänzungsmittel ein als Jungen mit 34,4 Prozent. Verwendet
wurden insgesamt 2.265 Präparate, am häufigsten Mittel gegen Husten und
Schnupfen.

Unter diesen Umständen ist es tröstlich zu wissen, dass viele Medikamente
ausgesprochen harmlos oder manche Präparate sogar ohne eine spezifische
Wirkung sind. Dass sie dem Patienten dennoch häufig nützliche Dienste
erweisen, liegt vermutlich in der sogenannten „Placebo-Wirkung“ dieser
Präparate. Als „Placebo“ bezeichnet die Medizin Scheinmedikamente, die im
Aussehen und Geschmack einem echten Arzneimittel gleichen, aber keine
pharmakologisch wirksamen Substanzen enthalten.

Auch homöopathische Arzneimittel zählen zu den Medikamenten mit nicht
belegbarer Wirksamkeit. Sie wirken nicht über den Placeboeffekt hinaus.
Die meisten Homöopathika müssen von den Patienten selbst bezahlt werden.
Ihr Apothekenumsatz lag 2021 bei immerhin 535 Millionen Euro.

„Rezeptfrei“ heißt nicht immer harmlos!
Weil viele Arzneimittel ohne Rezept erhältlich sind, werden ihre Wirkungen
und Risiken von Eltern häufig unterschätzt, betont die Stiftung
Kindergesundheit. Diese Medikamente werden als OTC-Arzneimittel bezeichnet
(„Over The Counter“). Zu ihnen gehören auch verschiedene Schmerz- und
Fiebermittel, die in Apotheken angeboten werden.

Sie sind keineswegs immer harmlos: So soll Acetylsalicylsäure (ASS,
„Aspirin“) wegen der Gefahr einer zwar seltenen, aber gefährlichen
Komplikation („Reye-Syndrom“) bei Kindern erst ab zwölf Jahren eingesetzt
werden. Andere Schmerzmittel können die Nierenfunktion beeinflussen. Auch
Paracetamol gehört zu den am häufigsten verkauften OTC-Schmerzmitteln in
Deutschland. Bei Überdosierung bzw. zu häufiger Gabe kann der Wirkstoff
schwere Leberschäden verursachen, aber auch Veränderungen des Blutbildes
auslösen.

Es gibt viele Gründe, weshalb Medikamente gerade bei Kindern generell
zurückhaltend eingesetzt werden sollten, sagt die Stiftung
Kindergesundheit:

•       Kinder reagieren anders auf Arzneimittel als Erwachsene: So bauen
Babys und kleine Kinder ein Arzneimittel weniger schnell ab und scheiden
sie auch weniger rasch aus.

•       Der wachsende Organismus von Kindern und Jugendlichen reagiert
unter Umständen in jeder Entwicklungsphase unterschiedlich auf die
Wirkstoffe von Arzneimitteln. Gerade die Funktionen jener Organe, die
entscheidend bei der Aufnahme und Verarbeitung von Medikamenten sind, sind
zunächst unvollständig entwickelt. Diese Effekte sind umso ausgeprägter,
je jünger das Kind ist. Deshalb ist bei Früh- und Neugeborenen die Gefahr
einer Überdosierung besonders hoch. So sind zum Beispiel die Arbeit der
Leber und die Nierenfunktion noch nicht vollständig ausgereift.

•       Ebenfalls noch nicht vollständig gereift ist in sehr jungem Alter
die Barrierefunktion der Haut. Die Folge: Bestimmte Arzneimittel, die auf
der Haut angewendet werden, gelangen durch eine verstärkte Aufnahme
(Resorption) durch die Haut auch in andere Teile des Körpers (Mediziner
sprechen von einer „systemischen Wirkung“.) Beispiele dafür sind
kortisonhaltige Zubereitungen oder jodhaltige Desinfektionsmittel.

•       Es gibt zudem Arzneimittel, die Wachstum und Entwicklung
beeinträchtigen können.

Gewohnheiten der Familie vererben sich leicht
Eltern sind ihren Kindern manchmal auch in Dingen Vorbild, in denen sie es
gar nicht so gern sein möchten, gibt die Stiftung Kindergesundheit zu
bedenken: Nicht nur die Tischsitten werden in der Familie erlernt, sondern
auch die Trinkgewohnheiten und der Umgang mit Medikamenten.

Die Kinder beobachten, wie ihre Eltern ihre Alltagsprobleme zu bewältigen
versuchen. Wenn die Mutter bei jedem Unwohlsein oder jeder Verstimmung zur
Tablette greift oder der Vater zur Flasche, gewinnen die Kinder den
Eindruck, dies sei ganz normal – und machen es später genauso. Viele
Suchtexperten sind überzeugt, dass weder Zigaretten noch Haschisch die
eigentlichen Einstiegsdrogen für härtere Substanzen sind, sondern
Medikamente, die in vielen Familien oft so unbekümmert konsumiert werden.

So können Kindern auch durch den regelmäßigen Einsatz von frei
verkäuflichen Arzneimitteln oder Globuli auf die Einnahme einer Tablette
konditioniert werden. Sie lernen dann nicht ihrem Körper und sich selbst
zuzutrauen, auch allein mit Schmerzen oder negativen Gefühlen fertig zu
werden, ohne etwas einzunehmen. Sie verinnerlichen schon früh: „Ich nehme
eine Tablette, dann geht es mir besser”.

Keine Pillen aus der Hausapotheke der Eltern!
Die Stiftung Kindergesundheit empfiehlt den Eltern bei der
Selbstbehandlung ihres Kindes mit Medikamenten die Beachtung folgende
Punkte:

•       Verwenden Sie nur Präparate, die für Kinder zugelassen sind und
bei denen klare Dosierungshinweise auf dem Beipackzettel stehen.

•       Geben Sie Ihrem Kind niemals Medikamente, die von der Behandlung
eines Erwachsenen übriggeblieben sind.

•       Lassen Sie sich bei der Dosierung des Mittels von einem Arzt oder
einem Apotheker beraten.

•       Halten Sie sich streng an die vorgeschriebene Dosierung und ändern
Sie sie niemals eigenmächtig – viel hilft nicht viel, eher im Gegenteil!

•       Seien Sie sparsam mit Cremes und Salben und wenden sie nie
großflächig an: Wegen der im Bezug zum Körpergewicht weitaus größeren
Hautoberfläche von Babys und kleinen Kindern werden Wirkstoffe, aber auch
potentiell schädliche Hilfsstoffe (z. B. Alkohol oder Phenole) in höherem
Maße aufgenommen als im späteren Alter.

•       Kinder können farbige Dragees, Tabletten oder Arzneisäfte nicht
von Süßigkeiten oder Getränken unterscheiden: Bewahren Sie Arzneimittel
deshalb immer außer der Reichweite von Kinderhänden und kindersicher
verschlossen auf.

„Medikamente als Tabletten oder Dragees für das Kind sollten übrigens auf
keinen Fall als ‚Bonbons‘, ‚Guddi‘ oder ‚Zuckerl‘ bezeichnet werden“,
betont Professor Dr. Berthold Koletzko: „Auch flüssige Medikamente sollten
niemals als ‚Fruchtsaft‘ oder ‚süß‘ angepriesen werden, um sie dem Kind
schmackhaft zu machen! Solche Verharmlosungen erhöhen die Gefahr, dass
unverschlossene Medikamente in einem unbeobachteten Augenblick vom Kind
geschluckt oder getrunken werden“.