Erhalt kognitiver Fähigkeiten wird künftig für therapeutischen Fortschritt entscheidend sein
Sinkende kardiovaskuläre Sterblichkeit mit längerer Überlebenszeit von
Menschen mit Diabetes verändert klinisch leitende Prinzipien
Mit zunehmendem Blick auf individualisierte Zielwerte und der Evidenz von
GLP-1-Rezeptoragonisten und SGLT2-Hemmern konnte ein Paradigmenwechsel in
der klinischen Diabetologie eingeläutet werden, der über die
Blutzuckerkontrolle hinaus geht. Im therapeutischen Fokus liegt der
kardioprotektive Nutzen, der das Überleben bei Diabetes verbessern kann.
Dazu passt, dass die kardiovaskuläre Sterblichkeit im letzten Jahrzehnt
gesunken ist. „Allerdings steigt die Häufigkeit demenzieller
Erkrankungen“, sagt Prof. Dr. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe aus Düsseldorf,
Vorsitzender der Stiftung DHG (Diabetes I Herz I Gefäße). Und dieser Trend
lasse sich nicht mit demografischer Alterung allein begründen. Einerseits
können sich metabolische und inflammatorische Schädigungen durch Diabetes
auch bei verlängertem kardiovaskulärem Überleben als Neurodegeneration
manifestieren. Anderseits habe die Berücksichtigung gehirnspezifischer
Risiken mit Konzentration auf vermeidbare Folgen für Herz und Nieren
zurückliegend kaum stattgefunden. Diese Meinung teilt Prof. Dr. Joachim
Röther aus Hamburg, Neurologe im Team der Stiftung DHG.
Metabolische Störungen fördern zerebrale Mikroangiopathie
Aktuell leben etwa 55 Mio. Menschen weltweit und ca. 1,8 Mio. Menschen in
Deutschland mit einer Demenz, wobei der überwiegende Anteil (60 bis 80%)
von der Alzheimer-Krankheit betroffen ist. Erwartet wird, dass die Zahl
der Demenzfälle bis 2050 global auf über 139 Mio. steigt. „In der
neurologischen Praxis sehen wir Diabetespatienten mit vaskulärer Demenz,
aber auch mit Mischformen der Alzheimer-Krankheit. Das Geschehen ist
komplex und multifaktoriell“, erklärt Prof. Dr. Joachim Röther. Zentrale
Merkmale seien die extrazelluläre Akkumulation von ß-Amyloid-Plaques,
intrazelluläre Bildung neurofibrillärer Bündel, so genannte Tangels aus
hyperphosphoryliertem Tau-Protein, Verlust von Synapsen, neuronaler
Zelluntergang und neuroinflammatorische Prozesse. Abgesehen von der
zerebralen Amyloidangiopathie (ß-Amyloid-Ablagerung in Hirngefäßen) und
der Insuffizienz des glymphatischen Systems spielen metabolische Störungen
wie z.B. Insulinresistenz in der Ätiologie von Demenzerkrankungen eine
Rolle. „Neben verminderter Produktion vasodilatierender Substanzen und
erhöhter Permeabilität mit Störungen der Blut-Hirn-Schranke begünstigt die
endotheliale Dysfunktion der kleinen Blutgefäße entzündliche Prozesse im
Hirngewebe, wodurch die Entstehung von Atherosklerose und zerebraler
Mikroangiopathie begünstigt wird“, ergänzt Röther.
Alzheimer-Demenz mit neuer Antikörpertherapie verzögern
Große Hoffnungen, den Krankheitsverlauf bei Alzheimer-Demenz verlangsamen
zu können, werden seit einiger Zeit mit der gezielten Immuntherapie gegen
ß-Amyloid geweckt. Die Therapie mit monoklonalen Antikörpern (u.a.
Lecanemab, Donanemab) ist im Anfangsstadium der Alzheimer-Demenz
zugelassen und führt dazu, dass das schädliche Amyloid gebunden und
abtransportiert wird. „Auch für Menschen mit Diabetes und Alzheimer-Demenz
mit leichten kognitiven Störungen kommt die Therapie infrage“, sagt
Neurologe Prof. Dr. Joachim Röther. Zwar seien die Effekte, den
Krankheitsprozess klinisch relevant verzögern zu können, in den Studien
nur moderat (Verzögerung des kognitiven Abbaus um 27 bis 30%) gewesen und
die Therapie berge Risiken wie ein Gehirn-Ödem und intrazerebrale
Blutungen. „Die Behandlung mit neuen Antikörpern markiert aber den Beginn
einer Ära, die nicht nur Symptome adressiert, sondern
krankheitsmodifizierend eingreift. Genau solche Therapien, die den
pathologischen Prozess direkt beeinflussen, werden gebraucht“, betont
Röther. Daran würden auch die Stellungnahmen von G-BA und Cochrane zur
neuen Antikörpertherapie nichts ändern. Die strenge fachärztliche Auswahl
geeigneter Patienten vor Einleitung der Therapie ist jedoch eine zwingende
Voraussetzung für ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis. Die Behandlung
muss von erfahrenen Neurologen engmaschig überwacht werden.
Aus Sicht der Stiftung DHG wird sich in absehbarer Zeit das Verständnis
der klinisch leitenden Prinzipien in der Diabetologie grundlegend ändern.
„Die Senkung des kardiovaskulären Risikos allein wird nicht mehr
ausreichen“, prognostiziert Prof. Dr. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe. Mit Fokus
auf Prävention, Diagnostik und Therapie demenzieller Erkrankungen werde
der Erhalt kognitiver Fähigkeiten künftig für den therapeutischen
Fortschritt bei verlängerter Lebenszeit von Patienten entscheidend sein.
Die Stiftung DHG (Diabetes I Herz I Gefäße) wurde 1999 mit dem Auftrag
gegründet, zum Krankheitsverständnis beizutragen, Menschen über das Herz-
und Gefäßrisiko aufzuklären und den Dialog zwischen behandelnden Ärzten
über Fachgrenzen hinaus zu fördern. Fünf Endokrinologen/ Diabetologen,
sechs Kardiologen und vier Neurologen gehören zum Vorstand. Das Team der
gemeinnützigen Stiftung engagiert sich ehrenamtlich und hält an den
Prinzipien Wissenschaftlichkeit, Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit fest.
Ziel der Stiftung ist es auch, Forschung voranzubringen und die Versorgung
zu verbessern.
Quellen:
(1) Magliano DJ, Morton JI, Chen L, et al. Trends in cause-specific
mortality among people with and without diabetes in high-income settings:
a multinational, population-based study. Lancet Diabetes Endocrinol. 2026
May;14(5):380-389; doi: 10.1016/S2213-8587(25)00398-5
(2) Röther J, Seidel G, Wollmer A. Die Alzheimer-Krankheit - was bringt
die neue Antikörpertherapie ? Hamburger Ärzteblatt.10I2025:13-17
(3) G-BA. Nutzenbewertungsverfahren zum Wirkstoff Lecanemab. 19.02.2026.
https://www.g-ba.de/bewertungs
Zugriff am 02.08.2026)
(4) Nonino F, Minozzi S, Sambati L, et al. Amyloid‐beta‐targeting
monoclonal antibodies for people with mild cognitive impairment or mild
dementia due to Alzheimer’s disease. Cochrane Database of Systematic
Reviews 2026; 4; doi: 10.1002/14651858.CD016297
https://www.cochranelibrary.co
