Post-COVID: Eine Verbesserung der Symptome bedeutet keine vollständige Genesung
Ergebnisse des Forschungsprojekts PCS-Journey der
Universitätsmedizin Göttingen zeigen: Die Beschwerden des Post-COVID-
Syndroms bessern sich bei vielen Betroffenen im Zeitverlauf – gleichzeitig
bleiben Symptome wie Fatigue bei einem relevanten Teil der Erkrankten
langfristig bestehen. Die individuellen Krankheitsverläufe unterscheiden
sich erheblich.
Wie entwickelt sich das Post-COVID-Syndrom über die Zeit? Dieser Frage ist
das Forschungsprojekt PCS-Journey („Unraveling the Post COVID syndrome
journey“) unter Leitung von Dr. Dominik Schröder nachgegangen. Schröder
ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeinmedizin an der
Universitätsmedizin Göttingen.
Das von ihm geleitete Projekt PCS-Journey ist Teil der Plattform LongCARE,
die vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert und von der TMF –
Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische
Forschung (TMF e.V.) koordiniert wird. Die Plattform bündelt
Forschungsaktivitäten zu den Folgen von COVID-19 und legt ihren Fokus auf
den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse.
PCS-Journey: Zentrale Erkenntnisse
In einer systematischen Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse wurden im
Projekt PCS-Journey 94 internationale Längsschnittstudien mit insgesamt
mehr als 20.000 Erwachsenen ausgewertet. Im Fokus standen vier besonders
häufige und belastende Symptombereiche: Fatigue, Atemnot, depressive
Symptome und Schlafprobleme. Zusätzlich untersuchte das Projekt die
Entwicklung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität.
Über alle untersuchten Symptombereiche hinweg zeigte sich im Durchschnitt
eine Verbesserung. Die deutlichsten Veränderungen traten innerhalb der
ersten sechs Monate auf. Insbesondere zwischen der 14. und 26. Woche nahm
die Häufigkeit von Fatigue, Atemnot, depressiven Symptomen und
Schlafproblemen signifikant ab. Auch die Schwere der Beschwerden
verringerte sich vor allem in den ersten Wochen und Monaten.
Eine Verbesserung der Symptome bedeutet jedoch nicht automatisch eine
vollständige Genesung. Insbesondere Fatigue blieb bei einem relevanten
Anteil der Betroffenen auch über sechs Monate hinaus bestehen. Zudem
zeigen die einzelnen Studien deutliche Unterschiede in den
Krankheitsverläufen. Während sich manche Menschen vergleichsweise schnell
erholen, leiden andere langfristig unter ihren Beschwerden.
„Unsere Ergebnisse zeigen einen positiven Trend, aber sie erzählen nicht
die Geschichte einer einheitlichen Genesung. Eine durchschnittliche
Verbesserung darf nicht mit vollständiger Genesung gleichgesetzt werden.
Gerade bei Fatigue sehen wir, dass Beschwerden bei einem Teil der
Betroffenen langfristig bestehen bleiben. Für die Versorgung bedeutet das:
Prognosen müssen realistisch und individuell sein und auch die
langfristigen Einschränkungen berücksichtigen“, sagt Dr. Dominik Schröder.
Lebensqualität verbessert sich – trotz fortbestehender Beschwerden
Ein weiteres wichtiges Ergebnis betrifft die gesundheitsbezogene
Lebensqualität. Sie verbesserte sich über alle untersuchten Zeiträume
hinweg, obwohl einzelne Symptome teilweise weiterhin bestanden.
Möglicherweise entwickeln Betroffene im Verlauf Bewältigungsstrategien
oder passen ihren Alltag an die Erkrankung an. Ob dies tatsächlich die
Ursache für die Verbesserung der Lebensqualität ist, lässt sich aus den
vorliegenden Daten allerdings nicht eindeutig ableiten. „Für die Bewertung
des Krankheitsverlaufs ist ein umfassender Blick erforderlich. Es ist
nicht allein die Frage, ob ein Symptom noch vorhanden ist, entscheidend“,
so Dr. Dominik Schröder. „Ebenso wichtig sind Alltagsbewältigung,
Selbstständigkeit, soziale Teilhabe und Lebensqualität.“
Dies wurde im Projekt durch die Einbindung von Menschen mit Post-COVID in
einem Bürgerbeirat besonders berücksichtigt. Die Betroffenen beteiligten
sich unter anderem an der Auswahl und Priorisierung relevanter Endpunkte
sowie an der patientenverständlichen Aufbereitung der Ergebnisse.
Keine eindeutigen Prognosefaktoren identifiziert
Weniger eindeutig sind die Ergebnisse zu möglichen Faktoren, die den
weiteren Krankheitsverlauf beeinflussen. Untersucht wurden unter anderem
Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen und die Schwere der ursprünglichen
COVID-19-Erkrankung. Aufgrund unterschiedlicher Erhebungsmethoden und
teils fehlender Angaben konnte jedoch kein einzelner Faktor belastbar als
entscheidender Einflussfaktor für eine Verbesserung, Verschlechterung oder
anhaltende Beschwerden identifiziert werden.
Die Ergebnisse unterstreichen damit den Bedarf an methodisch
vergleichbaren und hochwertigen Langzeitstudien. Einheitliche Definitionen
des Post-COVID-Syndroms, Nutzung validierter Messinstrumente, klar
definierte Ausgangszeitpunkte und längere Nachbeobachtungszeiträume
könnten künftig dazu beitragen, individuelle Krankheitsverläufe besser
vorherzusagen.
Bedeutung für Versorgung und Rehabilitation
Für die medizinische Versorgung sprechen die Ergebnisse für eine
individuell angepasste und gegebenenfalls längerfristige Begleitung von
Menschen mit Post-COVID. Regelmäßig sollten dabei nicht nur einzelne
Symptome, sondern auch Funktionsfähigkeit, Alltagsbewältigung und
Lebensqualität berücksichtigt werden.
Auch für die Rehabilitation ergeben sich wichtige Impulse: Der Erfolg
einer Behandlung sollte nicht ausschließlich daran gemessen werden, ob
Symptome vollständig verschwinden. Verbesserungen der Selbstständigkeit,
der sozialen Teilhabe oder der Lebensqualität können ebenso relevante
Therapieziele sein.
PCS-Journey hat nicht die Wirksamkeit einzelner Therapien untersucht. Die
Ergebnisse erlauben daher keine Empfehlung für eine bestimmte Behandlung.
Sie liefern vielmehr wichtige Vergleichswerte für künftige
Interventionsstudien: Verbessert sich der Zustand von Betroffenen im
Zeitverlauf, muss eine zusätzliche Verbesserung durch eine Therapie
sorgfältig vom natürlichen Krankheitsverlauf unterschieden werden.
„Die Ergebnisse von PCS-Journey zeigen, wie wichtig es ist, Long COVID
nicht nur anhand einzelner Symptome zu betrachten. Für Betroffene zählt
letztlich, ob sie ihren Alltag wieder bewältigen, selbstständig leben,
erwerbsfähig sein und am gesellschaftlichen Leben teilhaben können“, sagt
Sebastian Semler, Projektleiter von LongCARE und Geschäftsführer der TMF
e.V. „LongCARE schafft den Rahmen, wissenschaftliche Erkenntnisse wie
diese aus unterschiedlichen Studien und Projekten zusammenzuführen und für
die Versorgung nutzbar zu machen – mit der Perspektive der Betroffenen im
Zentrum.“
Ansprechpartnerin für die Presse:
Isabel Merchan, Tel.: +49 30 2200 24769, E-Mail:
Über das Koordinationsprojekt LongCARE
LongCARE umfasst 30 Projekte des Förderschwerpunkts Long COVID des
Bundesministeriums für Gesundheit. Ihr Ziel ist die Erforschung von Long
COVID und die Verbesserung der Versorgung. LongCARE bietet den eigenen
Projekten sowie Projekten anderer Förderzusammenhänge eine Plattform für
den Wissenstransfer. Koordiniert wird LongCARE von der TMF – Technologie-
und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung (TMF e.V.)
in Kooperation mit dem Netzwerk Universitätsmedizin (NUM) und der
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen
Fachgesellschaften (AWMF).
Über die TMF e.V.
Die TMF – Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte
medizinische Forschung e.V. steht für Forschung, Vernetzung und
Digitalisierung in der Medizin. Sie ist die Dachorganisation der
medizinischen Verbundforschung in Deutschland, im Rahmen derer
Spitzenforscherinnen und -forscher Wissen austauschen, gemeinsam Ideen und
Konzepte entwickeln und so die Zukunft der medizinischen Forschung im
digitalen Zeitalter gestalten.
