Studie: Digitoxin hilft bei Herzinsuffizienz
DIGIT-HF-Studie liefert Nachweis: Wirkstoff aus rotem Fingerhut Digitoxin
verbessert Lebensqualität und senkt Sterblichkeit bei Patienten mit
Herzschwäche wegen reduzierter Pumpfunktion. Forscher der Medizinischen
Hochschule Hannover (MHH) mit renommierten Wilhelm P. Winterstein-Preis
der Deutschen Herzstiftung ausgezeichnet
Der Wirkstoff wird seit 200 Jahren aus den Blättern des roten Fingerhuts
(Digitalis purpurea) gewonnen und zur Behandlung bei Herzschwäche
eingesetzt: die Rede ist von Digitoxin aus der Gruppe der Herzglykoside,
die zur Therapie von Rhythmusstörungen und Herzinsuffizienz eingesetzt
werden. In einem Forschungsprojekt der Medizinischen Hochschule Hannover
(MHH), das auch von der Deutschen Herzstiftung mit gefördert wurde
(Hauptförderer: BMFTR), wurden damit gezielt Patienten mit
fortgeschrittener symptomatischer Herzschwäche behandelt. Die Ergebnisse
der Studie „Digitoxin bei Patienten mit Herzinsuffizienz und reduzierter
Auswurffraktion“ (DIGIT-HF) haben nun den Nachweis erbracht: Eine
Zusatztherapie mit Digitoxin verringert bei Patienten mit einer
fortgeschrittenen Form der Herzschwäche HFrEF (Heart Failure with Reduced
Ejection Fraction) die Sterblichkeit und die Zahl der
Krankenhausaufenthalte wegen Herzinsuffizienz. Bei HFrEF liegt eine
verminderte Pumpfunktion des Herzens und eine unzureichende Entleerung der
linken Herzkammer vor.
Die Ergebnisse der DIGIT-HF-Studie der MHH unter der Leitung der
Kardiologen Oberarzt Prof. Dr. Udo Bavendiek und Prof. Dr. Johann
Bauersachs, Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie der MHH,
sind 2025 hochkarätig im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht
worden (1). Da die Studie neue wichtige Erkenntnisse in der
Herzinsuffizienztherapie liefert, wurde DIGIT-HF von der Deutschen
Herzstiftung auf ihrer Jahreshauptversammlung mit dem renommierten Wilhelm
P. Winterstein-Preis 2026 ausgezeichnet. „In der Versorgung von Patienten
mit Herzschwäche sind die Ergebnisse der DIGIT-HF-Studie von großer
Bedeutung, weil Digitoxin jetzt eine gesicherte weitere Therapieoption für
Patienten mit der fortgeschrittenen Herzschwäche HFrEF darstellt“, betont
der Kardiologe Prof. Dr. Thomas Voigtländer, Vorstandsvorsitzender der
Deutschen Herzstiftung. Infos zur Studie unter https://herzstiftung.de
/digitalis-praeparate-herzschw
Sicherheit und Wirksamkeit bei schwerer Herzschwäche
Zwar gab es bereits vor der DIGIT-HF-Studie Hinweise für den Nutzen von
Digitalis bei Herzschwäche, aber erst dank der Forschung des MHH-
Studienteams ist wissenschaftlich erwiesen, dass Digitoxin einen deutlich
positiven Effekt bei einer HFrEF aufweist. Prof. Bavendiek, der die
Auszeichnung entgegennahm, betont: „Ergebnisse aus zehn Jahren Forschung
mit mehr als 1.200 Teilnehmenden haben die Sicherheit und Wirksamkeit des
Herzglykosides Digitoxin bei Menschen mit HFrEF-Diagnose bestätigt. Wir
hoffen, dass weltweit viele Menschen mit Herzschwäche von dieser
Erkenntnis profitieren werden.“
Die MHH-Forscher konnten zeigen, dass Digitoxin die Sterblichkeit sowie
die Zahl an Krankenhausaufenthalten aufgrund einer Verschlechterung der
Herzinsuffizienz „signifikant um 18 Prozent senken kann“, so Prof.
Bavendiek. „Damit wurde nicht nur der Nutzen des Medikaments für diese
Patientengruppe wissenschaftlich nachgewiesen, sondern wir konnten auch
erstmals zeigen, dass Herzglykoside in der Therapie der Subgruppe der
Herzschwächepatienten mit Vorhofflimmern sicher eingesetzt werden können.“
Bis zur vier Millionen Menschen von Herzschwäche betroffen
Wie wichtig neue Forschungsergebnisse in der Therapie der Herzinsuffizienz
sind, zeigt allein die Zahl der Betroffenen. In Deutschland sind etwa vier
Millionen Menschen von Herzschwäche betroffen. Atemnot, geringe
Belastbarkeit, Wassereinlagerungen bis hin zur Unbeweglichkeit und schwere
Rhythmusstörungen sind die Folge. Die Erkrankung ist die häufigste
Einzeldiagnose für vollstationäre Krankenhauseinweisungen und zählt zu den
häufigsten Todesursachsen. Umso mehr begrüßen Prof. Bavendiek und Prof.
Bauersachs, dass Digitoxin und Digoxin in den neuen Leitlinien zur
Therapie der Herzinsuffizienz, die beim Fachkongress der Europäischen
Gesellschaft für Kardiologie (ESC) vorgestellt wurden, ausführlicher
berücksichtigt werden. „DIGIT-HF ist eine wichtige Grundlage für eine
Evidenz-basierte Therapie mit Digitoxin bei unseren Patienten, da die
Zulassung für Herzinsuffizienz bereits besteht. Durch die Ergebnisse der
Studie ist die Verwendung von Herzglykosiden bei HFrEF in den neuen
Herzinsuffizienz-Leitlinien besser bewertet worden“, so Prof. Bavendiek.
Digitoxin – altes Medikament im neuen Licht
Lange Zeit waren Herzglykoside, zu denen neben dem Wirkstoff Digitoxin
auch Digoxin gehört, für Patienten mit Herzschwäche unentbehrlich. In der
modernen Therapie werden sie inzwischen eher nachrangig eingesetzt. Diese
stützt sich heute vor allem auf diese vier Medikamentengruppen:
- Betablocker: verlangsamen den Herzschlag und entlasten das Herz
- ACE-Hemmer oder verwandte Substanzen: reduzieren den Widerstand in den
Gefäßen
- Mineralokortikoidrezeptor-Anta
Flüssigkeitsansammlungen und ungünstige Umbauprozesse am Herzen
- SGLT2-Hemmer: ursprünglich als Diabetes-Medikamente entwickelt, wirken
sie auch herzschützend
Die MHH-Forscher konnten im Rahmen der DIGIT-HF-Studie jedoch belegen,
dass auch das altbekannte Medikament Digitoxin einen Platz in der modernen
Herztherapie verdient.
Weniger Krankenhausaufenthalte und vorzeitiger Tod
In die DIGIT-HF-Studie waren mehr als 1.200 Patienten mit schwerer
Herzschwäche in etwa 50 Zentren in Deutschland, Österreich und Serbien
eingeschlossen. Sie hatten entweder einen Schweregrad von NYHA III oder IV
mit einer Auswurfleistung (LVEF) unter oder gleich 40 Prozent oder einen
Schweregrad von II und besser, aber mit stärker eingeschränkter
Auswurfleistung (LVEF max. 30 Prozent). Die Patienten wurden von den MHH-
Forschern über einen Zeitraum von rund zehn Jahren untersucht und wurden
bereits optimal mit den modernen Standardmedikamenten behandelt. Die
Hälfte der Teilnehmenden erhielt zusätzlich Digitoxin in niedriger
Dosierung. Die andere Hälfte bekam ein Scheinmedikament (Placebo). Nach
einer mittleren Beobachtungszeit von ca. drei Jahren zeigte sich, dass
Patienten mit HFrEF, die Digitoxin zusätzlich zu ihrer Standardtherapie
erhalten hatten, ein um 18 Prozent geringeres Risiko aufwiesen, wegen
einer Verschlechterung ihrer Herzschwäche ins Krankenhaus zu müssen oder
vorzeitig zu sterben. Dieser kombinierte Endpunkt spiegelt sowohl die
Lebensqualität als auch das Überleben der Patienten wider.
Die positiven Effekte zeigen sich insgesamt gleichermaßen bei allen
Patienten. Besonders Menschen mit schnellerem Herzschlag – über 75 Schläge
pro Minute – oder niedrigem systolischem Blutdruck unter 120 mmHg scheinen
aber besonders von der zusätzlichen Digitoxin-Gabe zu profitierten. Dies
deutet darauf hin, dass auch eine individuelle Patientenauswahl wichtig
für den Therapieerfolg ist.
Verbesserung trotz sehr guter Vorbehandlung der Herzinsuffizienz
Das Besondere an der DIGIT-HF-Studie war, dass der Anteil an kränkeren
Patienten mit fortgeschrittener Herzinsuffizienz (rund 70 Prozent im NYHA-
Stadium III oder IV) wesentlich höher als in vorangegangenen
Herzinsuffizienz-Studien war. Außerdem waren die Patientinnen und
Patienten bereits sehr gut vorbehandelt. Dennoch wurde mit der Digitoxin-
Zusatzbehandlung noch eine Verbesserung erzielt.
Die Therapie mit niedrig dosiertem Digitoxin ist sicher
Während der gesamten Studienlaufzeit gab es keine Hinweise für eine
eingeschränkte Sicherheit unter der Therapie mit Digitoxin, obwohl nur zu
Beginn der Therapie mit Digitoxin eine Dosisanpassung nach Bestimmung der
Digitoxinblutspiegel erfolgte. Das Auftreten von unerwünschten
Nebenwirkungen und schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse war nicht
signifikant unterschiedlich bei Patienten, die mit Digitoxin oder Placebo
behandelt wurden. Dies unterstreicht, dass Digitoxin in niedrigen
Dosierungen einfach und sicher ohne engmaschige Kontrollen der Blutspiegel
angewendet werden kann. In der Regel ist eine einmal jährliche Kontrolle
der Blutspiegel ausreichend, es sei denn, es bestehen Hinweise für
Nebenwirkungen.
Digitoxin auch bei gestörter Nierenfunktion anwendbar
Nach Einschätzung von Winterstein-Preisträger und Studienleiter Prof.
Bavendiek stützt DIGIT-HF damit die Nutzung von Digitoxin in der
Behandlung von Patienten mit HFrEF. Zudem sei Digitoxin – anders als das
Herzglykosid Digoxin – auch bei einer gestörten Nierenfunktion ohne
regelmäßige Spiegelkontrollen anwendbar, wie sie häufig bei
fortgeschrittener Herzschwäche auftrete.
(wi/ne)
Literatur
(1) Bavendiek U et al., Digitoxin in Patients with Heart Failure and
Reduced Ejection Fraction; N Engl J Med. 2025; DOI: 10.1056/NEJMoa2415471
(2) DIGIT-HF: Digitoxin in patients with heart failure and reduced
ejection fraction’ ESC-Kongress, HOT LINE-Sitzung, 29 August 2025.
Service
Mehr Informationen zur DIGIT-HF-Studie: https://herzstiftung.de/digita
praeparate-herzschwaeche
Informationen für Betroffene und Angehörige zum Thema Herzschwäche bietet
die Herzstiftung unter: https://herzstiftung.de/herzsc
Herz-Kreislauf-Forschung nah am Patienten
Dank der finanziellen Unterstützung durch Stifterinnen und Stifter,
Spender und Erblasser kann die Deutsche Herzstiftung gemeinsam mit der von
ihr 1988 gegründeten Deutschen Stiftung für Herzforschung (DSHF)
Forschungsprojekte in einer für die Herz-Kreislauf-Forschung
unverzichtbaren Größenordnung finanzieren. Infos zur Forschung unter
https://herzstiftung.de/herzfo
