Welt-Sepsis-Tag: DGAI fordert mehr Aufklärung und bessere Früherkennung
Eine Sepsis ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Unbehandelt kann
sie innerhalb kurzer Zeit zu lebensbedrohlichen Organdysfunktionen bis hin
zum septischen Schock führen. Eine rasche Diagnostik und Behandlung sind
deshalb entscheidend. Doch noch immer wird die lebensbedrohliche
Erkrankung häufig zu spät erkannt. Zum Welt-Sepsis-Tag am 13. September
fordert die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin
e.V. (DGAI) deshalb, die Früherkennung konsequent zu stärken: durch mehr
Wissen über Warnzeichen in der Bevölkerung, eine kontinuierliche
Sensibilisierung aller, die in der Gesundheitsversorgung tätig sind, und
den gezielten Einsatz neuer digitaler Möglichkeiten.
„Bei Herzinfarkt und Schlaganfall ist heute weithin bekannt, dass
schnelles Handeln entscheidend ist. Dieses Bewusstsein brauchen wir auch
für die Sepsis“, sagt Prof. Dr. Thorsten Brenner, Sprecher der Sektion
Intensivmedizin und des Arbeitskreises Intensivmedizin der DGAI sowie
Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am
Universitätsklinikum Essen. Er fordert: „Die Frage ‚Könnte es eine Sepsis
sein?‘ müssen wir viel stärker verankern – sowohl in der Bevölkerung als
auch bei allen Beteiligten in der Gesundheitsversorgung.“
Eine Sepsis ist eine lebensbedrohliche Komplikation einer Infektion: Die
körpereigene Abwehrreaktion gerät außer Kontrolle und beginnt,
lebenswichtige Organe zu schädigen. Das Tückische: Sie kann sich zunächst
mit sehr unterschiedlichen und unspezifischen Beschwerden bemerkbar
machen. Warnzeichen sind insbesondere eine plötzliche Verschlechterung des
Allgemeinzustands, Verwirrtheit, Atemnot oder auffällig schnelle Atmung,
Kreislaufprobleme, ein außergewöhnlich starkes Krankheitsgefühl sowie
Fieber oder Untertemperatur. Treten solche Symptome im Zusammenhang mit
einer Infektion auf, sollte auch an eine Sepsis gedacht und umgehend
medizinische Hilfe gesucht werden. Denn je früher die Erkrankung erkannt
wird, desto schneller können Diagnostik und Behandlung beginnen.
Früherkennung gehört in Aus-, Fort- und Weiterbildung
Mehr Wissen über Sepsis brauche es aber nicht nur in der Bevölkerung. Auch
Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte und weitere im Gesundheitswesen Tätige
müssten für das Krankheitsbild kontinuierlich sensibilisiert werden. „Das
gehört in die Ausbildung, in die Fort- und Weiterbildung“, betont DGAI-
Präsident Prof. Dr. Gernot Marx, Direktor der Klinik für Operative
Intensivmedizin und Intermediate Care am Universitätsklinikum Aachen. „Es
reicht nicht, das einmalig zu lehren. Wir müssen das Wissen kontinuierlich
wiederholen, damit es tief verankert ist.“
Wie viel das bewirken kann, erlebt Prof. Marx im Klinikalltag.
Mitarbeitende, die zeitweise auf einer Intensivstation tätig waren und
anschließend auf andere Stationen zurückkehrten, hätten häufig ein
geschärftes Bewusstsein für mögliche Sepsisverläufe und könnten früher
reagieren. Aus Sicht der DGAI muss das Wissen über Sepsis deshalb weit
über die Intensivstation hinaus in allen Bereichen der Versorgung präsent
sein.
Digitale Frühwarnsysteme können wertvolle Zeit gewinnen
Zusätzliche Chancen eröffnet die Digitalisierung. Algorithmen können
routinemäßig erhobene Patientendaten analysieren und Behandlungsteams
frühzeitig auf Veränderungen aufmerksam machen, die auf eine sich
entwickelnde Sepsis hindeuten.
„Es gibt bereits Algorithmen, die auf Basis von Standardparametern
frühzeitig auf eine drohende Sepsis hinweisen können – teilweise mehrere
Stunden, bevor klinische Zeichen auftreten“, erklärt DGAI-Präsident Marx.
Solche Systeme könnten Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte bei der
Früherkennung unterstützen. „Wenn wir diese Technologien in die
Routineversorgung überführen, können wir viele Leben retten.“ Dabei sollen
die digitalen Systeme die klinische Beurteilung nicht ersetzen. Ihr
Potenzial liegt vielmehr darin, große Mengen ohnehin vorhandener Daten
kontinuierlich auszuwerten und Behandlungsteams frühzeitig auf kritische
Entwicklungen hinzuweisen – und damit möglicherweise wertvolle Zeit für
Diagnostik und Therapie zu gewinnen.
Sepsis verhindern, bevor sie entsteht
Doch der Kampf gegen Sepsis beginnt nicht erst mit der Früherkennung.
Jeder Sepsis geht eine Infektion voraus. Mit dem umgangssprachlichen
Begriff „Blutvergiftung“ verbinden viele Menschen dagegen noch immer die
Vorstellung einer entzündeten Wunde und eines roten Streifens auf der
Haut, der in Richtung des Herzens zieht. „Eine Sepsis kann jedoch aus ganz
unterschiedlichen Infektionen hervorgehen“, erklärt Brenner. Prävention
und Aufklärung müssten deshalb ebenso zusammengedacht werden wie
Früherkennung und schnelle Behandlung.
Dazu gehört auch ein ausreichender Impfschutz: Impfungen können bestimmte
Infektionskrankheiten verhindern oder das Risiko schwerer Verläufe
reduzieren und damit zugleich das Risiko einer daraus entstehenden Sepsis
senken. Das gilt beispielsweise für Impfungen gegen Influenza,
Pneumokokken oder – für die jeweils empfohlenen Personengruppen – RSV.
Auch bei der Therapie sieht die DGAI große Entwicklungspotenziale. Sepsis
ist kein einheitliches Krankheitsbild: Ursache, betroffene Organe und die
individuelle Reaktion des Körpers können sich erheblich unterscheiden. Die
Forschung müsse deshalb stärker darauf abzielen, unterschiedliche
Krankheitsverläufe besser zu verstehen und Behandlungen künftig gezielter
auf die einzelnen Patientinnen und Patienten abzustimmen.
„Sepsis wird bereits heute am Infektionsfokus, am Erreger, an den
Organfunktionsstörungen und an individuellen Risikofaktoren ausgerichtet
behandelt“, sagt Brenner. „Das kann aber nicht der Endpunkt sein. Unser
Ziel muss es sein, besser zu erkennen, welche Patientengruppen von
spezifischen Therapieansätzen profitieren.“
Für die DGAI ist deshalb die gesamte Kette entscheidend: Infektionen
möglichst verhindern, Warnzeichen frühzeitig wahrnehmen, eine mögliche
Sepsis früh erkennen und unverzüglich behandeln – und zugleich Diagnostik
und Therapie weiterentwickeln. „Dass in Deutschland noch immer etwa 85.000
Menschen pro Jahr an oder mit einer Sepsis sterben, dürfen wir nicht
einfach hinnehmen. Prävention, moderne Diagnostik und medizinischer
Fortschritt geben uns Möglichkeiten, diese erschreckende Zahl zu senken.
Diese Möglichkeiten müssen wir konsequent nutzen“, betont DGAI-Präsident
Prof. Marx.
Originalpublikation:
https://www.dgai.de/aktuelles-
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