ACS Pathfinder als Medizinprodukt zugelassen: Algorithmus unterstützt Herzinfarkt-Diagnose
Ein am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) entwickelter
Algorithmus berechnet die individuelle Wahrscheinlichkeit für einen
Herzinfarkt. Jetzt ist der ACS Pathfinder als Medizinprodukt der Klasse
IIb CE-zertifiziert. Eine vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-
Forschung (DZHK) finanzierte Studie untersucht als Nächstes den Einsatz im
klinischen Alltag.
Brustschmerzen gehören zu den häufigen Gründen, warum Menschen in eine
Notaufnahme kommen. Dahinter kann ein Herzinfarkt stecken, häufig haben
die Beschwerden aber andere Ursachen, etwa Sodbrennen, Erkrankungen der
Lunge oder Beschwerden der Wirbelsäule und Muskulatur.
Die Herausforderung besteht darin, einen Herzinfarkt möglichst schnell und
zugleich sicher auszuschließen. Je früher das gelingt, desto eher können
Patientinnen und Patienten die Notaufnahme wieder verlassen.
Der ACS Pathfinder soll Ärztinnen und Ärzte bei dieser Entscheidung
unterstützen. Die webbasierte Anwendung nutzt maschinelles Lernen und
kombiniert den Herzmarker Troponin mit klinischen Informationen wie Alter,
Herzfrequenz oder EKG-Befunden. Daraus berechnet sie die individuelle
Wahrscheinlichkeit für einen Herzinfarkt. Vorarbeiten zu dem Verfahren
wurden auch vom DZHK unterstützt. Grundlage für die Entwicklung und
Validierung waren Daten von mehr als 27.000 Patientinnen und Patienten aus
neun Ländern.
Kein Infarkt – schneller aus dem Krankenhaus
In bisherigen Untersuchungen konnte mit dem ACS Pathfinder bereits nach
einer einzigen Troponinmessung bei deutlich mehr Menschen ein Herzinfarkt
sicher ausgeschlossen werden: im Mittel bei 36 Prozent gegenüber 14
Prozent mit dem etablierten Vergleichsverfahren.
„Damit könnten künftig deutlich mehr Patientinnen und Patienten schon früh
Gewissheit bekommen und die Notaufnahme wieder verlassen. Für sie bedeutet
das weniger weitere Untersuchungen und kürzere Wartezeiten“, sagt Prof.
Johannes Neumann vom UKE, Miterfinder und Co-Studienleiter. Gleichzeitig
könnten Kliniken Kosten sparen und das medizinische Personal hätte mehr
Zeit für die Patientinnen und Patienten, die dringend behandelt werden
müssen.
DZHK-Studie prüft Einsatz in der Notaufnahme
Ob sich der Ansatz auch im klinischen Alltag bewährt, untersucht die vom
DZHK finanzierte Studie CHASE-MI-DZHK33. 658 Patientinnen und Patienten
mit klinischem Verdacht auf einen Herzinfarkt werden in Notaufnahmen von
sechs teilnehmenden Zentren nach dem Zufallsprinzip entweder nach dem
bisherigen Standard oder zusätzlich mithilfe des ACS Pathfinder
untersucht. Dabei prüfen die Forschenden, wie viele Menschen bereits nach
einer ersten Troponinmessung aus der Notaufnahme sicher entlassen werden
können.
„Diese Studienergebnisse sind wichtig, um die Effizienz und Sicherheit und
damit letztlich den Nutzen von ACS Pathfinder im realen klinischen Einsatz
zu untersuchen“, sagt Prof. Raphael Twerenbold vom UKE ebenso Miterfinder
und Co-Studienleiter. Der Start ist für Ende 2026 geplant.
Für die Weiterentwicklung zur klinischen Anwendung gründeten die
Forschenden 2023 die ART-EMIS Hamburg GmbH, ein Spin-off des UKE. Der ACS
Pathfinder ist nun als Medizinprodukt der Klasse IIb CE-zertifiziert. Im
September 2026 wurde zudem ein europäisches Patent erteilt.
