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Bevölkerungsweites Screening auf Typ-1-Diabetes? DDG bewertet Nutzen und Risiken

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Die Früherkennung von Typ-1-Diabetes durch ein Inselautoantikörper-
Screening eröffnet neue Perspektiven für Prävention, Forschung und
Versorgung, denn jährlich erkranken rund 4000 Kinder und Jugendliche neu
an dieser Autoimmunerkrankung. Ein Bluttest auf Inselautoantikörper kann
frühe Stadien sichtbar machen. Die DDG sieht hierin ein wissenschaftlich
hoch relevantes Entwicklungsfeld mit großem Potenzial für die Zukunft.
Zugleich gilt für eine wissenschaftliche Fachgesellschaft der Grundsatz,
dass eine breite Implementierung stets auf belastbarer Evidenz basieren
muss.



Daher diskutiert die DDG in ihrem Positionspapier offen verschiedene
Aspekte von Nutzen, Risiken, Ethik und Gesundheitsökonomie, um künftig
eine fundierte Entscheidungsgrundlage für den möglichen Einsatz eines
bevölkerungsweiten Screenings zu schaffen. Ziel ist die Verbindung
wissenschaftlicher Sorgfalt mit der Offenheit für Innovation und die
Einordnung in die heutige Studienlage.

Typ-1-Diabetes entsteht, wenn das Immunsystem insulinbildende Betazellen
angreift. Inselautoantikörper können diesen Prozess anzeigen, bevor
klassische Symptome wie Durst, Gewichtsverlust oder häufiges Wasserlassen
auftreten. Eine Auswertung der Fr1da-Studie zur Früherkennung eines
Typ-1-Diabetes im Fachjournal JAMA zeigt auf, dass sich unter den 220.476
Kindern 590 in einem frühen Diabetes-Stadium befanden. Die Häufigkeit lag
angepasst bei 0,30 Prozent. Innerhalb von 5 Jahren entwickelte jedes
dritte dieser betroffenen Kinder einen klinischen Typ-1-Diabetes. „Das
zeigt uns, dass Diabetes-Früherkennung wissenschaftlich zwar möglich ist.
Ein positives Ergebnis beantwortet aber nicht, wann genau ein Kind
erkrankt“, ordnet DDG Mediensprecher Professor Dr. med. Baptist Gallwitz
diese Ergebnisse ein. „Für ein populationsweites Screening fehlt uns
derzeit noch die Grundlage.“ In einem Positionspapier der DDG haben
führende Diabetologinnen und Diabetologen zu diesem Thema die Vor- und
Nachteile dieses Screenings diskutiert.

Der Nutzen eines Screenings entsteht durch ein mehrstufiges Verfahren und
Nachsorge
Die Fr1da-Studie bietet eine Früherkennungsuntersuchung auf Typ-1-Diabetes
im Kindesalter an. Dabei werden Inselautoantikörper im Blut bestimmt. Bei
einem positiven Screening-Befund erfolgen Bestätigungsuntersuchungen.
Bestätigt sich ein frühes Stadium des Typ-1-Diabetes, erhalten die
Familien Beratung, Stoffwechseluntersuchungen und eine strukturierte
Nachsorge an spezialisierten Diabeteszentren.

Wie schnell ein frühes Stadium in einen klinisch manifesten Typ-1-Diabetes
übergeht, ist unterschiedlich. Aktuelle Daten aus dem populationsbezogenen
Fr1da-Screening zeigen innerhalb von 5 Jahren eine Progression bei 29,5
Prozent der Kinder im Stadium 1 und bei 47,6 Prozent der Kinder im Stadium
2. Das individuelle Erkrankungsrisiko hängt unter anderem vom Alter, vom
Autoantikörper-Profil und von metabolischen Veränderungen ab.

Die Zeit bis zur Erkrankung schwankt ebenfalls stark: Im Mittel beträgt
sie 8,6 Jahre, möglich sind jedoch Verläufe von weniger als einem Jahr bis
zu mehr als 20 Jahren. Ein Screening ist daher nicht als einzelner
Bluttest zu verstehen, sondern als Teil eines strukturierten
Versorgungspfades. Dazu gehören eine verständliche Beratung der Familien,
regelmäßige Kontrollintervalle und spezialisierte Ansprechpartnerinnen und
Ansprechpartner.

So kann im Anschluss an den Test durch eine enge Begleitung des positiv
getesteten Kindes ein gefährlicher Einstieg in den Diabetes vermieden
werden. Eine besondere Rolle spielt bei der Manifestation der Erkrankung
die diabetische Ketoazidose – eine potenziell lebensgefährliche
Stoffwechselentgleisung, bei der das Blut durch die vermehrte Bildung
sogenannter Ketonkörper übersäuert. Studien zeigen, dass die Ketoazidose-
Rate bei engmaschiger Nachbetreuung bei höchstens 5 Prozent liegt. Bei
unerkanntem Diabetes liegt diese Rate in Deutschland dagegen bei etwa 20
bis 25 Prozent – also bei jedem vierten bis fünften Kind.“

Zwar ist eine Diabetes-Vorbeugung durch die Früherkennung bisher nicht
möglich, der Ausbruch lässt sich aber durch die mehrmalige intravenöse
Infusion von Teplizumab verzögern. „Dieser monoklonale Antikörper
beeinflusst bestimmte Immunzellen und eröffnet eine therapeutische Option
in einem frühen Krankheitsstadium“, sagt Professorin Dr. med. Beate
Karges, Vorstandsmitglied der DDG und Kinderärztin in der Sektion
Endokrinologie und Diabetologie der Uniklinik RWTH Aachen. Bei
ausgewählten Menschen ab 8 Jahren im Stadium 2 – also bei Vorliegen von
Inselautoantikörpern und veränderten Blutzuckerwerten – kann das
Medikament die klinische Manifestation im Mittel um etwa 2 Jahre
verzögern, auch wenn dabei Nebenwirkungen des Medikaments auftreten
können. „Teplizumab kann den Ausbruch der Erkrankung verzögern, aber
Typ-1-Diabetes bislang nicht verhindern. Gerade deshalb muss ein Screening
sorgfältig eingeordnet werden“, betont Karges.

Testqualität, Kosten und Ethik bleiben offen
Für die Bestimmung von Inselautoantikörpern stehen CE-zertifizierte
Testsysteme zur Verfügung. Bei den derzeit verfügbaren Assays ist das
populationsweite Screening auf Typ-1-Diabetes jedoch nicht ausdrücklich
als Zweckbestimmung ausgewiesen. Zudem zeigen aktuelle Vergleichsstudien
relevante Unterschiede zwischen verschiedenen Testverfahren. Ein positives
oder negatives Ergebnis muss daher im Kontext des jeweils verwendeten
Assays und seiner Grenzwerte interpretiert werden. Für ein
populationsweites Screening sind deshalb standardisierte Teststrategien
und eine verlässliche Bestätigung positiver Befunde von besonderer
Bedeutung.

Gesundheitsökonomische Studien aus Deutschland und den USA, England und
Wales, Australien und Kanada untersuchten die Kosteneffektivität eines
Screenings. Basierend auf den Ergebnissen lässt sich diese nicht
abschließend beurteilen. Die Kosteneffektivität hängt nicht nur davon ab,
ob Ketoazidosen vermieden werden. Entscheidend sind unter anderem auch die
langfristige Entwicklung des Stoffwechsels, mögliche Folgeerkrankungen,
die Lebensqualität sowie die Kosten der medizinischen Versorgung „Geprüft
werden sollte, ob die Kosten der Fallfindung einschließlich Diagnostik und
Nachsorge in einem angemessenen Verhältnis zum gesundheitlichen Nutzen
stehen“, so Professorin Dr. med. Dr. PH Dr. rer. pol. Andrea Icks,
Leiterin des Instituts für Versorgungsforschung und Gesundheitsökonomie an
der Medizinischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sowie
am Deutschen Diabetes-Zentrum (DDZ). „Ebenso stellt sich die Frage, ob die
hierfür erforderlichen Versorgungsstrukturen langfristig und nachhaltig
bereitgestellt werden können“, ergänzt Dr. med. Damon Mohebbi, ebenfalls
wissenschaftlicher Mitarbeiter an den beiden oben genannten Instituten.

Ethisch wiegt die Aufklärung bei Kindern besonders schwer. Denn rechtlich
entscheiden Eltern oder Sorgeberechtigte, ob Kinder in ein Screening
einbezogen werden. „Prädiktives Wissen kann entlasten, aber zugleich auch
verunsichern“, gibt der Medizinethiker Professor Giovanni Maio von der
Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg zu Bedenken.

Für ein bundesweites Screening-Angebot an alle Kinder sieht die DDG daher
derzeit noch keine ausreichende Grundlage. Benötigt werden insbesondere
standardisierte und für diesen Anwendungszweck validierte Teststrategien,
belastbare Langzeitdaten sowie klare Strukturen für
Bestätigungsdiagnostik, Beratung und Nachsorge. Eine derzeit geplante S2e-
Leitlinie soll die verfügbare Evidenz systematisch bewerten und daraus
medizinische Empfehlungen ableiten.

Literatur/Hintergrundinformationen:

Positionspapier der DDG zum Typ-1-Diabetes-Screening:
https://www.ddg.info/politik/stellungnahmen/positionspapier-der-ddg-zum-
typ-1-diabetes-screening


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https://jamanetwork.com/journals/jama/article-abstract/2849402

Infos zur Fr1da-Studie: https://www.typ1diabetes-frueherkennung.de
/teilnahme-fr1da-studie/teilnahme-fr1da-studie-fuer-verwandte-
deutschlandweit/index.html

Stellungnahme zum Nutzenbewertungsverfahren zum Wirkstoff Teplizumab:
https://www.ddg.info/politik/stellungnahmen/gemeinsame-stellungnahme-
teplizumab-ddg-dgpaed-dge


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