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Hitze, Feinstaub, Lärm: Wie unsere Umwelt das Herz krank macht

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Experten sehen einen „Paradigmenwechsel in der Herzmedizin“: Feinstaub,
Verkehrs- und Fluglärm, Mikroplastik und extreme Hitze setzen dem Herzen
so zu wie Rauchen, Bluthochdruck und Co. Ihre Forderung: Umweltrisiken
endlich ernst nehmen



Hitzewellen, verheerende Waldbrände, viele Tausend Todesopfer in
Deutschland und Europa: Die jüngsten Ereignisse zeigen drastisch, dass
Umweltfaktoren ins Zentrum der Herzmedizin gehören. Und der Druck auf
Politik und Gesellschaft wächst rasant, Menschen besser vor
Umweltstressoren zu schützen. „Denn Umwelteinflüsse wie Feinstaub, Lärm,
Hitze und Umweltgifte können das Risiko, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu
erleiden, deutlich erhöhen oder eine bestehende Erkrankung zusätzlich
befeuern“, sagt der Kardiologe Prof. Dr. Thomas Meinertz, Chefredakteur
der Herzstiftungs-Zeitschrift HERZ heute, deren aktuelle Ausgabe sich den
Gefahren von Umweltstressoren für die Herzgesundheit widmet.
Von einem echten „Paradigmenwechsel“ spricht der Mainzer Kardiologe und
Umweltmediziner Prof. Dr. Thomas Münzel vom Wissenschaftlichen Beirat der
Deutschen Herzstiftung: „Die Herzmedizin verlässt den engen Raum der
Klinik und schaut auf die Bedingungen, unter denen Menschen krank werden.“
Heißt: Cholesterin, Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes mellitus oder
Übergewicht, die klassischen individuellen Risikofaktoren, bleiben zentral
– und müssen weiterhin konsequent diagnostiziert und behandelt werden.
Aber: „Herzgesundheit beginnt nicht erst beim EKG und endet nicht bei der
Tablette. Sie beginnt mit der Luft, die wir atmen, der Nacht, in der wir
schlafen, der Straße, an der wir wohnen, der Hitze, der wir ausgesetzt
sind, und den Schadstoffen, die wir kaum wahrnehmen“, betont der „Umwelt-
Kardiologe“ Münzel, der Seniorprofessor für Kardiologie, Umwelt- und
Präventionsmedizin an der Universitätsmedizin Mainz ist. Höchste Zeit,
findet Münzel, diese „heimlichen Akteure der Herzmedizin“ endlich ernst zu
nehmen.
Genau diesen heimlichen Akteuren widmet die Herzstiftung die aktuelle
Ausgabe ihrer Zeitschrift HERZ heute: Unter dem Titel „Die heimlichen
Akteure“ dreht sich alles um Umweltstressoren und ihre Folgen für die
Herzgesundheit. Infos zum Bestellen unter:
https://herzstiftung.de/bestellung

„Als würden wir alle rauchen“
Das Herz schlägt nicht im luftleeren Raum – und dem Stress aus der Umwelt
kann sich kaum jemand entziehen. Das sieht nicht nur Prof. Münzel so.
Anfang 2026 haben weltweit führende kardiologische Fachgesellschaften
gemeinsam einen „Call to Action“ veröffentlicht, einen Aufruf zum Handeln
in gleich drei der renommiertesten Fachjournale: im „European Heart
Journal“, im „Journal of the American College of Cardiology (JACC)“ sowie
in „Circulation“ (1). Die Kernbotschaft: Wer Herzen schützen will, darf
nicht nur auf individuelle Risiken schauen, sondern muss auch die Umwelt
in den Blick nehmen. Prof. Dr. Thomas Lüscher vom Imperial College London,
Past President der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC), sieht
den dringendsten Handlungsbedarf bei Lärm und Luftverschmutzung, unter den
Umweltfaktoren die stärksten Treiber für Herz-Kreislauf-Erkrankungen: „Das
betrifft uns ungefähr so, als würden wir alle rauchen“, sagt er im HERZ
heute-Interview. Aktuelle Berechnungen anhand von Daten der weltweiten
„Global Burden of Disease“-Studie zeigen: Tabakrauchen verkürzt die
mittlere Lebenserwartung um rund 2,2 Jahre, Luftverschmutzung sogar um
etwa 2,9 Jahre weltweit.

Lebensbedingungen fördern Herz- und Gefäßerkrankungen
Doch wie genau setzen Umweltfaktoren dem Herz-Kreislauf-System zu? Dieser
Frage geht Prof. Münzel seit Jahren nach. Die Antwort: über das Endothel,
die innerste Zellschicht der Blutgefäße – ein hochaktives Organ, über das
die Gefäßweite, der Blutdruck, Entzündungen, die Gerinnung und die
Versorgung der Organe reguliert werden. „Wenn das Endothel gestört ist,
beginnt häufig der Weg in Richtung Atherosklerose, Herzinfarkt und
Schlaganfall“, erläutert er. Auch klassische Risikofaktoren wie
Cholesterin, Rauchen, Bluthochdruck und Diabetes beeinträchtigen die
Funktion des Endothels und fördern so die Entstehung von Herz-Kreislauf-
Erkrankungen. So weit, so bekannt. Aber, so sagt Prof. Münzel: „Das Bild
bleibt unvollständig, wenn wir nur auf das individuelle Verhalten schauen.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen entstehen nicht nur durch den Lebensstil,
sondern auch durch die Lebensbedingungen – wo jemand wohnt, welche Luft er
atmet, wie laut es nachts ist, ob es im Sommer unerträglich heiß wird, ob
es Grünflächen gibt, ob der Straßenverkehr dominiert, ob er sozial
benachteiligt wird.“

Das „Exposom“ als Umwelt-Biographie unseres Körpers
Für diese Gesamtschau gibt es einen Begriff: das „Exposom“. Er umfasst
alle Umwelt- und Lebensstil-Belastungen, denen ein Mensch im Laufe seines
Lebens ausgesetzt ist – vom Mutterleib bis ins hohe Alter. Kurz: Das
Exposom ist die Umwelt-Biographie unseres Körpers. Der entscheidende
Punkt: Umwelt-Belastungen sucht sich niemand aus, betont Prof. Münzel:
„Niemand entscheidet sich bewusst dafür: Heute atme ich Feinstaub ein,
heute schlafe ich schlecht wegen Fluglärm, heute nehme ich Mikroplastik
oder Schadstoffe auf. Umwelt-Stressoren sind aufgezwungene
Risikofaktoren.“ Wie sich das anfühlt, weiß er aus eigener Erfahrung: Den
Anstoß, sich mit dem Thema zu beschäftigen, gab ein Umzug innerhalb von
Mainz – mitten in eine Einflugschneise. „Wir konnten uns nicht vorstellen,
welchen Stress dieser Fluglärm auslösen kann.“

Rund 73.000 vorzeitige Todesfälle jährlich in Europa durch Verkehrslärm
Lärm greift das Herz über das Gehirn an: Chronischer Verkehrslärm treibt
die Stresshormone in die Höhe, Schlafstörungen, Blutdruck, oxidativer
Stress und Entzündungen nehmen zu – am Ende steht auch hier ein
geschädigtes Endothel. Studien zeigen: Wer dauerhaft Lärm ausgesetzt ist,
erkrankt häufiger an Bluthochdruck, Herzinfarkt, Herzschwäche oder
Herzrhythmusstörungen. Mehr als jeder fünfte Europäer ist dauerhaft
gesundheitsschädlichem Lärm ausgesetzt. Hauptquelle ist mit Abstand der
Straßenverkehr: Rund 92 Millionen Menschen sind betroffen. Die Bilanz:
Europaweit werden dem Verkehrslärm jedes Jahr rund 73.000 vorzeitige
Todesfälle und etwa 49.000 neue Herz-Kreislauf-Erkrankungen zugeschrieben.
Der volkswirtschaftliche Schaden: mindestens 100 Milliarden Euro – jedes
Jahr.

Lärm plus schmutzige Luft: ein gefährliches Duo
Lärm kommt selten allein – meist bringt er Luftverschmutzung mit, und die
Quelle ist oft dieselbe: der Straßenverkehr. Das Tückische: Studien
zeigen, dass Lärm und Luftschadstoffe sich in ihrer schädlichen Wirkung
gegenseitig hochschaukeln. Umweltfaktoren müssen deshalb in ihrem
Zusammenspiel betrachtet werden. Wie groß der Effekt ist, zeigt eine
aktuelle Studie (2): Menschen, die stark durch Lärm und schmutzige Luft
belastet waren, hatten ein fast dreifach höheres Risiko für Herz-
Kreislauf-Ereignisse wie Schlaganfall oder Herzinfarkt im Vergleich zu
Personen mit niedriger Belastung. Die Kombination beider Faktoren
verstärkt die Entzündung in den Gefäßen und damit die Atherosklerose.

Schmutzige Luft: weltweit Risikofaktor Nummer eins – noch vor dem Rauchen
Luftverschmutzung gilt heute weltweit als der bedeutendste Risikofaktor
für die Gesundheit – speziell für Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems.
Das Ausmaß ist erheblich: Nach Modellrechnungen sterben jedes Jahr sieben
bis neun Millionen Menschen vorzeitig an den Folgen verschmutzter Luft –
mehr als die Hälfte von ihnen an Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzschwäche
und anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Schmutzige Luft fordert jedes
Jahr mehr Menschenleben als Verkehrsunfälle, Aids, Tuberkulose und Malaria
zusammen“, betont Prof. Münzel. „Als globaler Risikofaktor übertrifft die
Luftverschmutzung mittlerweile sogar das Tabakrauchen!“ Eine
Modellrechnung aus dem Jahr 2020 (3) kam zu dem Ergebnis, dass wir ohne
Luftverschmutzung global alle im Schnitt knapp drei Jahre länger leben
würden, ohne Tabakkonsum nur 2,2 Jahre.
Und dennoch spiele schmutzige Luft als Herz-Kreislauf-Risikofaktor bislang
kaum eine Rolle – weder in der Arztpraxis noch in der Öffentlichkeit,
bemängelt der Umweltkardiologe.

Luftverschmutzung „kein Nebenrisiko“: Vor allem Politik ist gefragt
Diese Einschätzung teilt auch Prof. Dr. Andreas Daiber, Leiter des Labors
für Molekulare Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz in seinem Beitrag
in HERZ heute: „Luftverschmutzung ist quantitativ kein ‚Nebenrisiko‘ – sie
steht in einer Reihe mit den großen beeinflussbaren Risikofaktoren. Anders
als beim Rauchen lässt sie sich jedoch nur eingeschränkt individuell
beeinflussen, gefragt ist hier vor allem die Politik.“
Und was können Ärztinnen und Ärzte tun? Die Umwelt-Kardiologen appellieren
an ihre hausärztlichen Kollegen, gezielt nach Wohnort, Schlaf, Lärm- und
anderen Umweltbelastungen ihrer Patienten zu fragen und sie entsprechend
zu beraten:
-       etwa an Tagen mit hoher Schadstoffbelastung körperliche
Anstrengung im Freien zu reduzieren,
-       Holz- und Pelletöfen als relevante innerhäusliche Feinstaubquelle
sparsam zu nutzen,
-       mit geschlossenen (Schallschutz)-Fenstern zu schlafen oder
Ohrstöpsel zu verwenden.
Doch der entscheidende Hebel, darin sind sich die Autoren der aktuellen
„HERZ heute“-Ausgabe einig, liegt in der Politik: mehr ÖPNV und
Radverkehr, mehr verkehrsberuhigte Bereiche und Grünflächen, eine
konsequente Umsetzung der Grenzwerte zur Luftreinhaltung. „Die Botschaft
ist klar: Herzgesundheit ist nicht nur eine Frage von Medikamenten,
Lebensstil und erblicher Veranlagung. Sie ist auch eine Frage politischer
Entscheidungen, der Stadtplanung, der Energiepolitik, des Verkehrs, der
Industrie und der sozialen Gerechtigkeit“, sagt Prof. Münzel.

Service
Herzstiftungs-Zeitschrift HERZ heute
Mehr Informationen, wie Umweltstressoren Herz und Kreislauf belasten und
warum wir sie viel wichtiger nehmen sollten, bietet die Herzstiftung in
der Ausgabe 3/2026 ihrer Zeitschrift HERZ heute mit dem Titel „Die
heimlichen Akteure. Umweltstressoren und Herzgesundheit“. Ein Probe-
Exemplar dieser Ausgabe kann kostenfrei unter Tel. 069 955128-400 oder
unter https://herzstiftung.de/bestellung angefordert werden.

Weitere Infos zu Umweltfaktoren und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der
Broschüre „Überleben: Hitze, Klimawandel und andere Probleme“, kostenfrei
anzufordern unter: https://herzstiftung.de/bestellung

Literatur:
Münzel, Thomas, M „Herzgesundheit beginnt nicht erst beim EKG“ Ein
Gespräch über Luft, Licht, Lärm und Hitze, HERZ heute 2026; 3, 11-15

(1) Münzel T, Lüscher T, Kramer CM, et al. Environmental stressors and
cardiovascular health: acting locally for global impact in a changing
world.  A statement of the European Society of Cardiology, the American
College of Cardiology, the American Heart Association, and the World Heart
Federation:
- European Heart Journal (2026): https://academic.oup.com/eurheartj
/article-lookup/doi/10.1093/eurheartj/ehaf915

- Circulation (2026).
https://www.ahajournals.org/doi/10.1161/CIRCULATIONAHA.125.079034
-       Journal of the American College of Cardiology (JACC) (2026).
https://www.jacc.org/doi/10.1016/j.jacc.2026.01.015
(2) Osborne MT, et al. The combined effect of air and transportation noise
pollution on atherosclerotic inflammation and risk of cardiovascular
disease events. J Nucl Cardiol. 2023;30(2):665–679.
https://doi.org/10.1007/s12350-022-03003-7
(3) Lelieveld J, Pozzer A, Poschl U, Fnais M, Haines A, Munzel T. Loss of
life expectancy from air pollution compared to other risk factors: a
worldwide perspective. Cardiovasc Res 2020;116:1910–1917. doi:
10.1093/cvr/cvaa025

Kontakt:
Deutsche Herzstiftung e. V. Pressestelle: Michael Wichert (Ltg.) /Pierre
König
Tel. 069 955128-114/-140  E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
www.herzstiftung.de

Originalpublikation:
Münzel, Thomas, M „Herzgesundheit beginnt nicht erst beim EKG“ Ein
Gespräch über Luft, Licht, Lärm und Hitze, HERZ heute 2026; 3, 11-15