acatech IMPULS: So können Kommunen, Bund und Länder bezahlbaren Wohnraum im Bestand schaffen

Im urbanen Gebäudebestand schlummern erhebliche Potenziale für mehr
bezahlbaren Wohnraum. Studien gehen davon aus, dass allein in gewerblichen
Gebieten durch die Aufstockung von Bürogebäuden, Einzelhandelsflächen und
Parkhäusern bis zu 1,7 Millionen zusätzliche Wohnungen geschaffen werden
könnten.1 Weitere 60.000 Wohnungen könnten nach Berechnungen des ifo
Instituts entstehen, wenn Büroflächen umgewandelt würden.2 Damit diese
Potenziale ausgeschöpft werden können, müssen Bund, Länder und Kommunen
koordiniert agieren.
Die acatech Plattform Bauen & Wohnen richtet sich mit konkreten
Handlungsoptionen an Bund und Länder als maßgeblich gesetzgebende und
ordnungspolitische Instanzen in Deutschland sowie an den kommunalen
Verantwortungsbereich.
Ein zukunftsfähiger Ansatz für die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum muss
zentrale Ziele miteinander in Einklang bringen: Bezahlbarkeit,
Nachhaltigkeit und Aufenthaltsqualität in der Wohnung sowie Lebensqualität
im lokalen Umfeld. Dafür brauchen Kommunen und Wohnungswirtschaft
verlässliche Voraussetzungen. Die Expertinnen und Experten der acatech
Plattform "Bauen & Wohnen" haben konkrete Handlungsoptionen
zusammengestellt. Diese adressieren den urbanen Gebäudebestand und weisen
auf erfolgversprechende Maßnahmen hin, die Umnutzung, Aufstockung und
Anbau oder andere Formen der Nachverdichtung auf bereits versiegelten
Flächen erleichtern.
„Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Deutschland lässt sich nicht allein
durch Neubau beheben. Der Gebäudebestand bietet erhebliches Potenzial,
bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und gleichzeitig Ressourcen zu schonen“,
betont Ortwin Renn, wissenschaftlicher Projektleiter der Plattform Bauen &
Wohnen. „Es mangelt nicht am politischen Willen, vielmehr sind bessere
Rahmenbedingungen gefragt, vor allem durch Vereinfachungen im Baurecht,
Vorkaufsrechte durch Kommunen und gezieltere Förderbedingungen. Jetzt sind
Politik und Verwaltung gefordert, die im Projekt gemeinsam entwickelten
Impulse aufzunehmen und in konkrete Maßnahmen zu überführen.“
Bund und Länder sollen den Rechtsrahmen vereinfachen und finanzielle
Bedingungen verbessern
Der acatech IMPULS „Mehr bezahlbares Wohnen im Bestand – Handlungsoptionen
für Bund und Länder“ fokussiert auf bessere rechtliche und finanzielle
Rahmenbedingungen. Das kommunale Vorkaufsrecht sollte gestärkt, Einfaches
Bauen erleichtert und das Planungsrecht so angepasst werden, dass
Wohnbedürfnisse in Gebieten mit angespanntem Wohnungsmarkt rechtlich als
„überragendes öffentliches Interesse“ gelten.
Auch das Bauordnungsrecht sollte vereinfacht werden: Zwar existiert eine
Musterbauordnung, daneben gelten jedoch in jedem Bundesland eigene
Landesbauordnungen. Eine bundesweite Harmonisierung des Umgangs mit
bestehenden Gebäuden und Ausweitung des Bestandsschutzes würde das Bauen
im Bestand erleichtern.
Finanzielle Förder- und Anreizinstrumente sollen Investitionen in die
Schaffung bezahlbaren Wohnens stärken. Die Empfehlungen fokussieren auf
die Weiterentwicklung der Wohnraumförderung durch Bund und Länder, gerade
bei sozial gebundenen Wohnungen. Bei der Förderung energetischer
Sanierungen sollte stärker berücksichtigt werden, in welchem Verhältnis
die Kosten zur erzielten CO2-Einsparung stehen. Ein weiterer Schwerpunkt
liegt auf der interdisziplinären Qualifizierung für eine integrierte
Stadtplanung und insbesondere das Bauen im Bestand.
Handlungsoptionen für Kommunen und kommunale Einrichtungen
Kommunen haben es häufig mit angespannten Wohnungsmärkten und knappem
Wohnraum zu tun. Der acatech IMPULS „Mehr bezahlbares Wohnen im Bestand –
Handlungsoptionen für Kommunen und kommunale Einrichtungen“ skizziert
Handlungsspielräume für die Stadt- und Quartiersplanung, die Kommunen
dabei helfen sollen, Bezahlbarkeit zu sichern. Diese basieren auf
Konzepten, die sich bereits in einigen Kommunen bewährt haben, sowie
Instrumenten, die neu geordnet, mit anderen Ideen verknüpft und praxisnah
weiterentwickelt wurden.
Großes Potenzial sieht die Plattform "Bauen & Wohnen" darin, das
Erbbaurecht als bodenpolitisches Regelinstrument zu etablieren,
Konzeptvergaben vermehrt einzusetzen und das Vorkaufsrecht stärker zu
nutzen. Weitere Handlungsoptionen konzentrieren sich auf eine digitale
katastergestützte Erfassung und Aktivierung von Wohnraumpotenzialen sowie
eine optimierte Projektabwicklung im kommunalen Wohnungsbestand.
Entscheidend ist für die Fachleute darüber hinaus ein kooperatives und
partnerschaftliches Selbstverständnis der Kommunen: Sie sollten
ämterübergreifend und gegebenenfalls auch kommunenübergreifend
zusammenzuarbeiten und gleichzeitig Eigentümergruppen und die Bevölkerung
in kommunale Wohnprojekte einbinden.
So sind die Handlungsoptionen entstanden
Die Handlungsoptionen der beiden Publikationen haben rund 40 Expertinnen
und Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft in der
Plattform "Bauen & Wohnen" erarbeitet. Ihr Ziel: tragfähige Lösungen für
mehr bezahlbaren Wohnraum im städtischen Gebäudebestand. Sie haben Hürden
identifiziert, Lösungskonzepte und Umsetzungsstrategien für die Praxis
entwickelt und Handlungsoptionen formuliert, die sie in den beiden
Ausgaben der Reihe acatech IMPULS vorlegen. Der Fokus lag auf der Gebäude-
und der Quartiersebene. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie
und Raumfahrt (BMFTR) fördert das Projekt im Rahmen der Strategie
Forschung für Nachhaltigkeit (FONA).
Beide Publikationen stehen auf der acatech Website unter
https://www.acatech.de/projekt
bereit Bildmaterial ist unter https://www.plattform-bauen-un
wohnen.de/presse/ verfügbar.
1 „Wohnungsbau braucht (mehr) Fläche", Institut für Wohnungswesen,
Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung (InWIS) 2025; eigene
Berechnung des InWIS nach "Deutschlandstudie 2019", Technische Universität
Darmstadt/Pestel Institut 2019
2 „Homeoffice und die Zukunft der Büros: Flexibilisierung, Reduzierung und
Umnutzungspotenzial“, ifo Institut Studie, 2024
