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Objekt des Monats Juni 2019: Abstrakte Figur des Bildhauers Fritz Viegener

Fritz Viegener  Abstrakte Figur 1963, Bronze  Leihgabe des Museum Wilhelm Morgner
Fritz Viegener Abstrakte Figur 1963, Bronze Leihgabe des Museum Wilhelm Morgner
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Fritz Viegener  Abstrakte Figur 1963, Bronze  Leihgabe des Museum Wilhelm Morgner
Fritz Viegener Abstrakte Figur 1963, Bronze Leihgabe des Museum Wilhelm Morgner

Schon mit einem flüchtigem Blick erkennt der Betrachter, mit welchem Thema sich der Bildhauer Fritz Viegener bei seiner abstrakten Figur von 1963 beschäftigt hat: eine stehende Frauengestalt, den Kopf erhoben, den Körper durch eine leichte Drehung und die Gewichtsverlagerung zwischen Standbein und Spielbein in anmutige weibliche Kurven gelegt. Bei einem genaueren Blick offenbart sich jedoch, dass der Bildhauer hier viel mehr mit Andeutungen als mit klaren Definitionen arbeitet. Die korrekte Wiedergabe der menschlichen Anatomie wurde aufgegeben zugunsten eines Wechselspieles abstrakter Formen, die sich zu einer menschähnlichen Gesamtkomposition fügen.

Aus jedem Winkel präsentiert sich die in Bronze gearbeitete Figur anders. Schon das Gesicht ist zweigeteilt in eine konkave und eine konvexe Fläche, Gesichtszüge nur in der einen Hälfte angedeutet. Der Hals scheint sich in abfallende Schultern und angewinkelte Arme fortzusetzen, eine Rundung deutet das Gesäß an, eine vorspringende Ecke könnte man als Hüftknochen interpretieren. Die Beine scheinen der Form nach nur bis etwa in Kniehöhe abgebildet zu sein und machen deutlich, das auch die Proportionen des Körpers und der Gliedmaßen nicht realistisch wiedergegeben, aber harmonisch auf einander abgestimmt sind.

Die ganze Figur ist ein Spiel aus gerundeten und kantigen, gewölbten und ebenen Flächen, hervorragenden und zurückweichenden Teilen, ständigem Wechsel der Form und Richtung der Linienführung und – je nach Beleuchtung – auch ein veränderliches Spiel aus Licht und Schatten. Lediglich die einheitliche Gestaltung der dunklen Oberfläche und der aus vielen Blickwinkeln in einer Linie erfassbare Umriss bringen Ruhe herein und sind auch bestimmend für den ersten Eindruck einer ruhig dastehenden Person. Dass es sich um eine Frau handelt, legen die Proportionen und die Gestaltung nahe, lässt sich an der Anatomie aber kaum belegen. Allerdings sind stehende Frauenfiguren ein sehr verbreitetes Thema in Fritz Viegeners plastischem Werk. Als Akt oder bekleidet, ganzfigurig oder als Torso, mit Kind, Vase oder anderem Beiwerk, in Bronze, Stein, Ton, Gips oder Holz, gaben sie ihm immer neue Gelegenheit, das Spannungsverhältnis zwischen Figur und Abstraktion in allen Variationen auszuloten. Dabei ist er zu sehr unterschiedlichen Lösungen gelangt, die sich zwischen gerundeter Dynamik, kubischer Verschachtelung und blockhafter Geschlossenheit bewegen. Eine repräsentative Auswahl dieser Arbeiten ist wie auch das näher vorgestellte Objekt –  übrigens eine Leihgabe aus dem Museum Wilhelm Morgner – in der aktuellen Ausstellung des Gustav-Lübcke-Museums „Foto Farbe Form“ zu Fritz Viegener und seinen Brüdern Eberhard und Josef zu entdecken.