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Objekt des Monats August 2019 Wandteppich mit der Darstellung der „Verwandlung der Daphne“ Italienische Landschaft mit zeitlosem Appell

Wandteppich mit der Darstellung der „Verwandlung der Daphne“  Brüssel, um 1680/90  Bildwirkerei aus Wolle, Seide und Leinen  343 x 510 cm  Inv.-Nr. 6226  Foto©Thorsten Hübner/Stadt Hamm
Wandteppich mit der Darstellung der „Verwandlung der Daphne“ Brüssel, um 1680/90 Bildwirkerei aus Wolle, Seide und Leinen 343 x 510 cm Inv.-Nr. 6226 Foto©Thorsten Hübner/Stadt Hamm
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Wandteppich mit der Darstellung der „Verwandlung der Daphne“  Brüssel, um 1680/90  Bildwirkerei aus Wolle, Seide und Leinen  343 x 510 cm  Inv.-Nr. 6226  Foto©Thorsten Hübner/Stadt Hamm
Wandteppich mit der Darstellung der „Verwandlung der Daphne“ Brüssel, um 1680/90 Bildwirkerei aus Wolle, Seide und Leinen 343 x 510 cm Inv.-Nr. 6226 Foto©Thorsten Hübner/Stadt Hamm

Fast dreieinhalb Meter hoch und mehr als fünf Meter breit misst ein aufwändig hergestellter Wandteppich aus der Sammlung des Gustav-Lübcke-Museums in Hamm. Wir können heute nicht mehr sagen, für welchen Raum die Tapisserie – so die fachlich richtige Bezeichnung der textilen Arbeit – in der Brüsseler Werkstatt des Daneel Abeloos Ende des 17. Jahrhunderts hergestellt wurde. Um ein so bemerkenswertes Werk präsentieren zu können, bedarf es freilich geeigneter Räumlichkeiten. Möglicherweise wurde das Stück für eine großzügige Galerie oder ein prachtvolles Gemach hergestellt. Die eingewirkten Motive entstanden nicht zufällig, sondern wurden zumeist bewusst gewählt. Vielleicht verrät uns das Bild selbst etwas über den zugedachten Ort des großformatigen Wandteppichs. Was also ist zu sehen? Der Betrachter schaut auf eine schöne, südlich anmutende Landschaft, die ihn von Italien träumen lässt. Vorbei an den Bäumen im Bildvordergrund öffnet sich der Blick hin zu einer palastartigen Architektur in der linken Bildmitte und über einen Flusslauf zu einer Brücke und einer Stadtlandschaft im Hintergrund. Die Proportionen von Bäumen und den Pflanzen im Unterholz sind verzerrt. Bodennahe Gewächse, durch Künstlerhand vergrößert, erscheinen gigantisch. Verstärkt wird dieser Eindruck durch zwei Figuren am vorderen rechten Rand. Fragt man nach der Gattung des Bildes, so würde man festhalten, dass es sich um eine Landschaftsdarstellung handelt. Und doch: Die in Szene gesetzten Personen erzählen uns eine Geschichte. An der Kleidung deutlich zu erkennen handelt es ich um eine weibliche und eine männliche Person. Die Dame passt vorzüglich in die Waldlandschaft: Ihr rechter Fuß schlägt Wurzeln wie ein Baum, aus den erhobenen Händen und auch aus dem Kopf sprießen zarte Lorbeerzweige. Sie ist halb Mensch, halb Pflanze. Mit wehendem Gewand eilt der Jüngling zu dem schönen Mischwesen. Erzählt wird auf dem Bild eine Episode aus den berühmten Metamorphosen  – den Verwandlungen – des römischen Dichters Ovid. Nicht zu sehen ist die Vorgeschichte zum Geschehen: Der junge Mann, es handelt sich um den Gott Apollon, verspottete einst den Liebesgott Eros, uns auch als Amor bekannt. Seine Rache war gnadenlos: Er schoss zwei verzauberte Pfeile auf Apollon und die Bergnymphe Daphne. Bei Apollon löste der Zauber eine wilde und ungestüme Liebe zu Daphne aus. Die Schöne jedoch wurde mittels des Pfeils, der sie traf, absolut unempfänglich für die Liebe des Gottes. Vor dem liebestollen Apollon auf der Flucht rief sie schließlich völlig erschöpft ihren Vater, den Flussgott Peneios, um Hilfe an. Im letzten Moment wurde sie aus ihrer misslichen Lage befreit, indem sie sich dank göttlicher Gnade in einen Lorbeerbaum verwandelte, so dass Apollon schließlich von ihr abließ. Genau diesen Moment zeigt uns Daneel Abeloos. Wo könnte der Wandteppich, der neben seiner rein schmückenden Funktion auch für ein besseres Raumklima und eine etwas gedämpfte Akustik sorgt, also gehangen haben? Vielleicht im Schlafgemach. Das Motiv appelliert auch bei größter Liebestollheit an die Mäßigung körperlicher Lust: Nein heißt Nein! Der Stoff des Wandteppichs ist alt, die Bildaussage jedoch könnte aktueller nicht sein!