Altersvorsorgereform: Mit 85 in die Altersarmut? FH-Studie: Jede*r Zweite unterschätzt die eigene Lebenserwartung
Das geplante Altersvorsorgereformgesetz gibt Bürgern*innen künftig die Wahl: lebenslange Rente oder Auszahlungsplan bis mindestens 85 Jahre. Eine Studie der Fachhochschule Dortmund zeigt nun: Viele Menschen unterschätzen ihre Lebenserwartung und würden sich aus Unwissenheit für die kürzere Variante entscheiden. Sie riskieren damit Altersarmut.
Mit der Reform der Riester-Rente will die Bundesregierung die private Altersvorsorge attraktiver und renditestärker machen. Zentrales Element: Anbieter von Renten-Spar- und Fondsparplänen müssen künftig keine lebenslange Rente mehr garantieren. Sie können stattdessen eine „Zeitrente“ anbieten – einen befristeten Auszahlungsplan, der mindestens bis zum Alter von 85 Jahren reichen muss. „Es sind auch längere Auszahlungen möglich. Wir rechnen aber damit, dass Anbieter im Wettbewerb die höchstmöglichen Auszahlungen zeigen werden und deshalb nur das Mindestalter 85 zugrunde legen", sagt Prof. Dr. Lukas Linnenbrink. Er hat die Studie gemeinsam mit Prof. Dr. Matthias Beenken erstellt. Beide lehren am Fachbereich Wirtschaft der FH Dortmund und sind ausgewiesene Experten der Versicherungsbranche.
Das Problem: Die meisten Menschen werden älter als 85
Nach Prognosen des Statistischen Bundesamts werden bereits Menschen, die heute über 50 sind, mit großer Wahrscheinlichkeit älter als 85 Jahre (48 Prozent der Männer bzw. 64 Prozent der Frauen). Und die Lebenserwartung steigt. Beim Geburtsjahrgang 2003 wird der Anteil der Menschen über 85 Jahre demnach bereits bei 65 Prozent der Männer und 77 Prozent der Frauen liegen. „Die Menschen unterschätzen aber ihre Lebenserwartung systematisch“, erklärt Prof. Beenken. „Das wurde weltweit in verschiedenen Ländern nachgewiesen und wird auch in unserer Studie erneut bestätigt.“
In dem Online-Experiment mit mehr als 1.500 repräsentativ ausgewählten Proband*innen zwischen 25 und 55 Jahren zeigte sich: 49 Prozent der Teilnehmenden unterschätzten ihre statistische Lebenserwartung – im Durchschnitt um 9,5 Jahre. Und von diesen Proband*innen entschieden sich fast drei Viertel (73 Prozent) für die Zeitrente, die nur bis zum Alter von 85 Jahren gezahlt wird.
Und auch insgesamt wählten 58 Prozent die höhere Auszahlung der Zeitrente bis 85 Jahre statt der niedrigeren lebenslangen Rente. Der Anteil stieg, je größer der Unterschied zwischen Zeit- und Leibrente ausfiel. In der Nachbefragung sagten diejenigen, die sich für eine Zeitrente entschieden hatten, sie gingen davon aus, dass sie sowieso nicht älter als 85 werden würden.
Empfehlung: Mindestalter auf 95 Jahre anheben
Grundsätzlich begrüßen die beiden FH-Forscher die Wahlfreiheit zwischen Zeit- und Leibrente. „Das Experiment hat auch gezeigt, dass Menschen sich leichter für eine private Altersvorsorge entscheiden, wenn sie die freie Wahl haben“, betont Prof. Beenken. Die FH-Professoren fordern allerdings, das Mindestalter für Zeitrenten auf 95 Jahre anzuheben. „Bei einem Endalter von 85 besteht ein großes Enttäuschungsrisiko“, warnt Prof. Linnenbrink. Prof. Beenken ergänzt: „Es geht nicht nur um finanzielle Rationalität, sondern auch um die psychische Belastung, als hochbetagte Person plötzlich den Lebensstandard zu verlieren.“
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Zur Studie
Die Studie „Altersvorsorgereformgesetz: Zeitrente versus Leibrente“ basiert auf einem Online-Experiment mit 1.541 bevölkerungsrepräsentativ ausgewählten Personen zwischen 25 und 55 Jahren. Das Kölner Marktforschungsinstitut HEUTE UND MORGEN GmbH führte das Experiment im Februar 2026 durch. Die Studie ist digital unter DOI 10.26205/opus-3982 kostenfrei verfügbar.
