Zum Hauptinhalt springen

Ethik und Automatisierungstechnik: Wo Roboter eine Seele haben

Der Riesen-Roboter Gundam wurde in Japan nach einer Figur aus einer Anime-Serie gebaut. Foto: unsplash.com  Foto: unsplash.com
Der Riesen-Roboter Gundam wurde in Japan nach einer Figur aus einer Anime-Serie gebaut. Foto: unsplash.com Foto: unsplash.com
Pin It
Der Riesen-Roboter Gundam wurde in Japan nach einer Figur aus einer Anime-Serie gebaut. Foto: unsplash.com  Foto: unsplash.com
Der Riesen-Roboter Gundam wurde in Japan nach einer Figur aus einer Anime-Serie gebaut. Foto: unsplash.com Foto: unsplash.com

Der Coburger Professor Kolja Kühnlenz erklärt, warum sich angehende
Ingenieurinnen und Ingenieure mit ethischen Fragen beschäftigen müssen. In
einer Ringvorlesung vermittelt er seinen Studierenden aktuelle
Bedingungen, Trends und kreativen Ideen in Automatisierungstechnik,
Robotik und Mensch-Maschine-Interaktion.

Ob‘s der 20 Meter große Gundam-Roboter ist, der in Tokio Menschen zu einem
Einkaufszentrum lockt, die kuschelige Roboterrobbe Paro, die Demenzkranke
unterhält, oder der Service-Roboter, der während der Corona-Pandemie
Masken verteilt und Flächen desinfiziert: Moderne Ingenieurswissenschaften
müssen bei der Entwicklung neuer Systeme kreativ sein und sich dabei mit
großen gesellschaftlichen Themen und ethischen Fragen auseinandersetzen:
„Im Berufsalltag wird das Potenzial, neue Ideen entwickeln zu können,
immer wichtiger“, sagt Prof. Dr. Kolja Kühnlenz. Er leitet den
Bachelorstudiengang Automatisierungstechnik und Robotik an der Hochschule
Coburg, ist fasziniert von den technischen Möglichkeiten – und kennt ihre
Grenzen. „Die schönste Technologie nützt keinem, wenn sie nicht akzeptiert
wird. Die Menschen müssen bereit sein, Kontrolle an ein technisches System
abzugeben.“

In Coburg werden die Studierenden deshalb frühzeitig für die Ängste der
Menschen und für ethische Fragen sensibilisiert. „Für Ingenieurinnen und
Ingenieure ist natürlich erst einmal wichtig, dass sie eine solide
Grundausbildung haben, auf die sie zurückgreifen können“, sagt Kühnlenz.
„Sie müssen sich aber auch der Auswirkungen ihres Handelns bewusst sein.“
Aus diesem Grund wurde bei der Reform des Bachelor-Studiengangs eine
interdisziplinäre Ringvorlesung eingeführt. Gleich im ersten Semester
beschäftigen sich die Studierenden beispielsweise mit den
Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen, mit der Frage nach Autonomie
und Kontrolle bei intelligenten Maschinen, die vom Militär eingesetzt
werden und mit länderspezifischen Unterschieden – denn ob Robotik gut
angenommen wird, ist auch eine Frage der Kultur.

Riesen-Maschine, Robo-Kumpel oder Terminator?

Solche kulturellen Unterschiede waren in der letzten Ringvorlesung Thema
von Fabian-Alexander Schipmann. Er verglich Industrie-Zahlen von 2019: Da
lagen die USA mit nur neun Prozent Robotern weit zurück, Europa hatte 16
Prozent und die Region Asien-Pazifik 63 Prozent. Der Student fand anhand
der Statistiken heraus, dass es nicht nur regionale Unterschiede gibt:
„Die Akzeptanz von Robotik steigt in der jüngeren Generation.“ Lea Koch
und Viktoria Lauterbach arbeiteten Trends in Europa heraus: Selbstfahrende
Traktoren auf quadratkilometergroßen Feldern können die Menschen sich hier
eher vorstellen als Maschinen in der Kinderbetreuung und Pflege. In Japan
hingegen liegt der Schwerpunkt bei sozialen Robotern. „Fast 80 Prozent der
Pflegeroboter weltweit werden in Japan eingesetzt.“ Gründe dafür, dass die
Menschen in Asien anders zu Robotik stehen als in Europa oder Amerika,
entdeckten die Studierenden Lukas Ferber und Leonie Schmidt unter anderem
im wirtschaftlich-technologischen Aufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, aber
auch in der religiösen Vorstellung des Animismus: „Es ist ein Glaube an
die Allbeseeltheit der Natur. Dabei wird nicht zwischen leblosen Objekten
und Menschen unterschieden. Alle Dinge haben eine Seele.“ Das erklärt,
warum der durchschnittliche Roboter in japanischer ScienceFiction viel
freundlicher ist, als beispielsweise der US-amerikanische Terminator.

Aktuelle Trends in der Mensch-Maschine-Interaktion

„Wir leben in einer zunehmend vernetzten Welt“, sagt Professor Kühnlenz.
Er geht davon aus, dass sich die länderspezifischen Unterschiede nach und
nach angleichen werden. Der interdisziplinäre Ansatz der Ringvorlesung
hilft zu verstehen, was Nutzerinnen und Nutzer brauchen, damit sie neuen
Technologien vertrauen. „Gleichzeitig sehen die Studierenden: Wo geht es
im Bereich Automatisierungstechnik, Robotik und Mensch-Maschine-
Interaktion hin, was passiert aktuell in der Welt, was ist möglich?“ Und
das reicht vom selbstständig arbeitenden Staubsauger im Wohnzimmer bis zum
Fertigungs-Roboter, der in der Industrie die schweren Arbeiten übernimmt.
Oder auch mal bis hin zu Maschinen, die in japanischen Baseball-Stadien
singen und tanzen, um die Spieler anzufeuern, wenn wegen Corona gerade
keine Fans kommen dürfen.

Bewerbungen an der Hochschule Coburg sind in einigen Studiengängen noch
bis Ende September möglich auf www.hs-coburg.de/bewerben.

Text: Natalie Schalk