Friedrich Mielke: Der Begründer der Treppenforschung würde 100 Jahre alt
Die OTH Regensburg erinnert an den großen Denkmalpfleger Friedrich Mielke.
Die Hochschule beherbergt das weltweit einzige Institut für
Treppenforschung: das Friedrich-Mielke-Institut für Scalalogie.
Seinen 100. Geburtstag könnte am 20. September 2021 der große
Denkmalpfleger und Treppenforscher Friedrich Mielke feiern. Ihm hat die
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg (OTH Regensburg) das
weltweit einzige Institut für Treppenforschung an einer Hochschule zu
verdanken: das Friedrich-Mielke-Institut für Scalalogie.
„Scalalogie ist Grundlagenforschung der Interdependenz von Mensch und
Treppe, von Subjekt und Objekt, von Individuum und Materie.“ So definierte
Friedrich Mielke die von ihm ins Leben gerufene Wissenschaft. Diese
Wechselwirkung, das sogenannte Steigeverhalten, ist ein wichtiger
Forschungsgegenstand der Scalalogie.
Friedrich Mielke wurde am 20. September 1921 in Neuneck im Schwarzwald
geboren. Nach seinem Studium der Architektur war er ab 1949 in Schwerin
und Potsdam denkmalpflegerisch tätig. 1957 promovierte er an der
Technischen Hochschule Dresden; im Jahr darauf verließ er die DDR.
Habilitiert wurde er 1959 an der Technischen Hochschule Berlin, wo er zum
ersten Inhaber eines Lehrstuhls für Denkmalpflege in Deutschland wurde.
Nach dem Ende seiner Lehrtätigkeit im Jahr 1980 gründete er an seinem
Wohnsitz im oberbayerischen Konstein die internationale Arbeitsstelle für
Treppenforschung sowie 1985 die Gesellschaft für Treppenforschung.
Professor Mielke war Ehrensenator der OTH Regensburg, Mitglied in
zahlreichen wissenschaftlichen Gremien und erhielt für seine Verdienste
etliche Auszeichnungen, unter anderem die Ehrenbürgerwürde der Stadt
Potsdam.
Mielke vermachte im Jahr 2012 sein Lebenswerk, die Sammlung seiner
„Arbeitsstelle für Treppenforschung“, der Fakultät Architektur der OTH
Regensburg. Damit legte er den Grundstock für das nach ihm benannte
Institut für Treppenforschung, das seine Sammlung seither betreut und
erweitert sowie Forschungsprojekte auf diesem Fachgebiet unterstützt und
durchführt. Ein Höhepunkt in der Geschichte des Instituts noch zu
Lebzeiten von Professor Mielke war die Ausstellung eines Großteils der
Sammlung auf der Architektur-Biennale in Venedig im Jahr 2014.
Prof. Joachim Wienbreyer transferierte Friedrich Mielkes umfangreiche
Sammlung an die OTH Regensburg und leitete das Institut bis zu seiner
Emeritierung. Seitdem wird die Sammlung stetig ausgebaut. Das Institut
verfügt über etwa 15.000 Dossiers über Treppen aus der ganzen Welt, mehr
als 35.000 Bilder, zahlreiche Pläne und Aufmaße von Treppen und Geländern,
viele Modelle, Originalteile von Treppen und Geländern sowie eine
Fachbibliothek mit mehr als 500 Titeln. Mit diesem „Schatz“ haben Lehrende
und Studierende (nicht nur der OTH Regensburg) sowie internationale Gäste
eine einzigartige Grundlage für ihre Forschungsprojekte auf dem Gebiet der
Scalalogie und für alle Fragen, die mit gebauten und auch ideellen Stufen
in Zusammenhang stehen.
Für die Aufbereitung der ehemaligen Privatsammlung ist derzeit vor allem
Sophie Schlosser zuständig. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin half das
Material zu systematisieren und die Überführung in eine digitale Datenbank
einzuleiten, welche die vielfältigen Forschungsinteressen widerspiegelt.
Sie befasst sich zudem auch mit der inhaltlichen Beratung von
Studierenden, Forschenden und interessierten Laien. Anfragen an das
Institut kommen aus der ganzen Welt, etwa von Architekt*innen,
Archäolog*innen, Kunsthistoriker*innen oder Künstler*innen.
In der Scalalogie geht es schließlich nicht nur um technische und
funktionelle Aspekte der Bauwerke, sondern auch um künstlerische,
historische oder soziale. So erforschte Friedrich Mielke zum Beispiel den
Zusammenhang zwischen Stufenhöhe und gesellschaftlicher Stellung. Dafür
untersuchte er unter anderem systematisch die Treppen in den
Altstadtbauten von Eichstätt und fand heraus, dass die Treppenstufen der
Fürstbischöfe in Eichstätt höchstens 16 Zentimeter maßen, die des niederen
Klerus bis zu 18 Zentimeter. Bürger*innen und Bedienstete mussten noch
höhere Stufen erklimmen. Mit welcher Kreativität Menschen auf der ganzen
Welt die Treppe in ihrer über 11.000 Jahre alten Geschichte entwickelt und
immer wieder neu gedacht haben, davon gibt die Sammlung des Instituts
einen vielfältigen Eindruck. Es gibt zahlreiche spannende Forschungsthemen
mit Bezug zur Treppe, die noch längst nicht alle ausgeschöpft sind.
Treppenanlagen als Orte und Räume sozialer und zeremonieller Interaktion,
zum Beispiel, stehen momentan im Fokus der Institutstätigkeit. Friedrich
Mielkes Arbeit sind also nicht nur die elementaren Grundlagen für die
Erforschung von Treppen zu verdanken, sondern auch eine thematische
Sammlung mit großer Lehrqualität und hohem Forschungspotenzial.
Friedrich Mielke war 2018 im Alter von 97 Jahren verstorben. „Ein Mann,
der Bahnbrechendes geleistet hat“, schrieben die Potsdamer Neuesten
Nachrichten damals in ihrem Nachruf. Die OTH Regensburg hält sein Andenken
nicht nur in Ehren, sondern führt Mielkes Arbeit fort und entwickelt sie
weiter.
