Zum Hauptinhalt springen

Häusliche Gewalt - ein wichtiges gesellschaftliches Thema

Prof. Dr. Nadia Sosnowsky-Waschek beschäftigt sich als Psychologin u.a. mit dem Thema häusliche Gewalt.  Konrad Gös  SRH Hochschule Heidelberg
Prof. Dr. Nadia Sosnowsky-Waschek beschäftigt sich als Psychologin u.a. mit dem Thema häusliche Gewalt. Konrad Gös SRH Hochschule Heidelberg
Pin It
Prof. Dr. Nadia Sosnowsky-Waschek beschäftigt sich als Psychologin u.a. mit dem Thema häusliche Gewalt.  Konrad Gös  SRH Hochschule Heidelberg
Prof. Dr. Nadia Sosnowsky-Waschek beschäftigt sich als Psychologin u.a. mit dem Thema häusliche Gewalt. Konrad Gös SRH Hochschule Heidelberg

Wie Betroffene von häuslicher Gewalt besser unterstützt werden können, das
wurde im Rahmen des Projekts GUIDE4YOU untersucht, das nun mit einem
Symposium erfolgreich abgeschlossen wurde.

Am 30. September 2021 fand das von der Europäischen Union geförderte
Projekt GUIDE4YOU einen erfolgreichen Abschluss. Im Rahmen eines digitalen
Symposiums haben Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Politik und
Praxis sowie interessierten Bürgerinnen und Bürger zum Thema häusliche
Gewalt bei Frauen gemeinsam diskutiert. Im Vordergrund stand dabei die
Umsetzung der Istanbul Konvention aus dem Jahr 2011. Zentraler Baustein
des Projektes war dabei ein Online-Fragebogen zu häuslicher Gewalt, zur
Inanspruchnahme des Hilfesystems und dessen Bewertung, welchen insgesamt
371 Frauen ausgefüllt haben. Einen weiteren zentralen Baustein des
Projektes stellte der Lotsinnen-Service für gewaltbetroffene Frauen dar.
Die Lotsinnen hatten die Aufgabe, die in Not geratene Frauen zu
stabilisieren, zu informieren und letztendlich zu den entscheidenden
wichtigen Hilfestellen zu begleiten, sie durch das Hilfesystem sicher zu
navigieren.

Eben die enge Vernetzung der Hilfsstrukturen sei ein wesentlicher
Erfolgsfaktor bei dem Vorhaben die Istanbul-Konvention wirksam umzusetzen,
sagte die Bürgermeisterin Stefanie Jansen zu Beginn des Symposiums. Denn:
„Von häuslicher Gewalt betroffene Frauen gut zu erreichen und nachhaltig
in Unterstützungsstrukturen zu verankern stellt eine Herausforderung dar,
die nicht nur uns in Heidelberg, sondern viele Kommunen und Landkreise
deutschlandweit beschäftigt.“ Unterschiedlichste Fachdisziplinen (z.B.
Gleichstellung, Medizin, Psychotherapie, Beratungs- und Hilfeeinrichtungen
für häusliche Gewalt, Polizei, Verwaltung etc.) müssen auf kommunaler,
regionaler und bundesweiter Ebene kooperieren, um häusliche Gewalt wirksam
zu bekämpfen. Die sich hieraus ableitenden Fragen haben zu einem
lebendigen und spannenden Austausch unter den Teilnehmenden geführt.

Verbesserung der existierenden Beratungsstrukturen für Frauen nach
häuslicher Gewalt

Das Projekt GUIDE4YOU wurde unter der Leitung der kommunalen Frauen- und
Gleichstellungsbeauftragten Dr. Marie-Luise Löffler (Stadt Heidelberg)
über zwei Jahre erfolgreich umgesetzt. Das Amt für Chancengleichheit
kooperierte dabei mit der Gewaltambulanz und der Klinik für Allgemeine
Psychiatrie des Universitätsklinikums Heidelberg, der Fakultät für
Angewandte Psychologie der SRH Hochschule Heidelberg, der Polizei und der
Interventionsstelle für Frauen und Kinder.

Durch den anonymen Online-Fragebogen, dessen Auswertung die SRH Hochschule
Heidelberg übernommen hat, konnten wichtige Erkenntnisse von über 371
Personen mit Gewalterfahrungen (98,4 Prozent weiblich) gewonnen werden. Im
Vortrag von Prof. Dr. Nadia Sosnowsky-Waschek wurde u.a. deutlich, dass
trotz eines gut ausgebauten Beratungssystems in Heidelberg zahlreiche
Frauen noch keinen ausreichenden Zugang zu der Hilfe nutzen, den sie
eigentlich benötigen. Viele Betroffene berichten, dass sie bereits im
Kindes- und Jugendalter Gewalterfahrungen gemacht haben, die sich dann im
Verlauf der Lebens regelmäßig oder in Phasen wiederholt haben, bei einem
Drittel mit steigender Häufigkeit und Intensität. Dennoch erstatten 84 %
Prozent der Opfer keine Anzeige und suchen selbst nach dem schlimmsten
Vorfall in 70% keinerlei Hilfe auf. „Diverse psychologische Barrieren wie
Scham, Schuld, Angst aber auch teilweise fehlendes Wissen über die
Vielfalt der Unterstützungsstrukturen scheinen dabei eine zentrale Rolle
zu spielen“, so Prof. Dr. Sosnowsky-Waschek. Wenn Hilfe gesucht wird, dann
vor allem bei der Polizei. Viele gewaltbetroffene Frauen kontaktieren
jedoch insgesamt nur eine Hilfestelle. Offenbar ist die Resignation, also
die Erwartung von Misserfolg, bei vielen groß.  „Unsere Datenanalysen
haben ergeben, dass sich viele Frauen emotionale Unterstützung, aber auch
einen niedrigschwelligen Zugang zur Psychotherapie sowie konkrete
Rechtsberatung wünschen“, erläuterte die Expertin. „Genau aus diesem Grund
ist auch die Aufklärung und Sensibilisierung der Gesellschaft so wichtig:
Wo beginnt Gewalt in der Partnerschaft? Und wohin kann ich mich wenden,
wenn ich Hilfe benötige?“ Durch die Forschung werde das Thema häusliche
Gewalt noch zu unsystematisch beleuchtet. Im Rahmen des Folgeprojektes
„VOICE4YOU“, soll nun eine solide und differenzierte empirische Basis zur
bundesweiten Erfassung häuslicher Gewalt geschaffen werden. „Wir müssen
besser verstehen, was in unserer Gesellschaft passiert, wie wir
gewaltbetroffene Frauen erreichen, sie psychologisch stärken, in das
vorhandene Hilfesystem integrieren und letzteres auch weiter verbessern
können“, so Sosnowsky-Waschek.

Die GUIDE4YOU-Lotsin schilderte zudem im Rahmen der Veranstaltung
eindrücklich, dass durch den Lotsinnenservice ein niedrigschwelliges
Angebot für gewaltbetroffene Frauen in Heidelberg geschaffen werden
konnte, was den Zugang zu den örtlichen Hilfsstrukturen stark erleichtert
und diese für Betroffene nutzbarer macht. „In den letzten Monaten konnte
die Lotsin – trotz der erschwerten Bedingungen im Corona-Lockdown –
zahlreiche Frauen individuell begleiten und sie bei der Inanspruchnahme
von Beratungs- und Hilfestellen unterstützen. Wir sind dem Ziel – so viele
Frauen wie möglich auf ihrem Weg aus der Gewalt zu begleiten – somit einen
Schritt nähergekommen“, sagt Dr. Marie-Luise Löffler.

Expertinnenvorträge zum Thema Istanbul-Konvention/ häusliche Gewalt

Mit drei spannenden Fachvorträgen am Nachmittag konnten weitere wichtige
Impulse zum Thema häusliche Gewalt gesetzt werden. Prof. Dr. Kathrin Yen,
Leiterin der Gewaltambulanz des Universitätsklinikums Heidelberg, konnte
in ihrem Vortrag eindrücklich aufzeigen, welche zentrale Wichtigkeit die
Beweissicherung nach häuslicher Gewalt für die Betroffenen hat. Mit dem
Fachvortrag der Juristin Frau Dr. Anne-Katrin Wolf konnte zudem aus
strafrechtlicher Perspektive auf die Istanbul-Konvention – ein
internationales Abkommen zur Bekämpfung von geschlechtsspezifischer Gewalt
– geblickt werden. Im Vortrag von Katharina Wulf, der Geschäftsführerin
des Landesverbandes Frauenberatung Schleswig-Holstein e. V., wurden dann
praktische Umsetzungsmöglichkeiten der Konvention für Kommunen beleuchtet.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Nadia Sosnowsky-Waschek
https://www.hochschule-heidelberg.de/hochschule/hochschulteam/nadia-
sosnowsky-waschek/