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Übung macht den Meister: „Hands-on-Training“ von Katheter-Eingriffen bei Schlaganfallpatienten am Dresdner Uniklinikum

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Am heutigen Donnerstag (14. Oktober) schulen die Expertinnen und Experten
des Instituts für diagnostische und interventionelle Neuroradiologie am
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden Ärztinnen beziehungsweise
Ärzte aus ganz Deutschland. Sie werden in einem eintägigen Hands-on-
Training in die mechanische Thrombektomie eingewiesen. Dieser
katheterbasierte Eingriff zur Entfernung von Blutgerinnseln großer
Hirngefäße ist seit wenigen Jahren ein zentraler Baustein der Akut-
Behandlung des ischämischen Schlaganfalls. Doch der Bedarf, insbesondere
den ärztlichen Nachwuchs zu schulen, ist nach wie vor hoch.

Mit jährlich rund 300  mechanischen Thrombektomien  verfügt die
Neuroradiologie des Dresdner Uniklinikums über große Erfahrung und ist
neben München einziger Ausrichter der von der Deutschen Gesellschaft für
Neuroradiologie (DGNR) initiierten Kurse. „Etwa 85 bis 90 Prozent aller
jährlich in Deutschland auftretenden Schlaganfälle werden durch ein
Blutgerinnsel – auch Thrombus genannt – verursacht, durch das ein
Blutgefäß im Gehirn verschlossen wird“, sagt Prof. Jennifer Linn. „Folge
dieser ischämischen Schlaganfälle ist, dass gewisse Bereiche des Gehirns
nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt werden. Damit fehlen auch
Sauerstoff, Zucker und andere wichtige Nährstoffe, ohne die das Hirngewebe
nicht überleben kann“, erklärt die Direktorin des Instituts für
diagnostische und interventionelle Neuroradiologie weiter.

Bei der Akutversorgung von Schlaganfällen – in Deutschland sind davon
jährlich rund 290.000 Patientinnen beziehungsweise Patienten betroffen –
wird nach einer radiologischen Untersuchung des Gehirns versucht, das
Gerinnsel mit einem Medikament aufzulösen. Diese „Lyse“ genannte Therapie
reicht in bestimmten Fällen nicht aus. Insbesondere bei größeren
Hirngefäßen gibt es dann die Option, das Blutgerinnsel mit einem
Hirnkatheter zu entfernen. Seit sechs Jahren ist die Wiedereröffnung eines
größeren verschlossenen Hirngefäßes mit Hilfe der sogenannten mechanischen
Thrombektomie wissenschaftlich nachgewiesener offizieller Standard bei der
Behandlung schwerer ischämischer Schlaganfälle. „Dabei schieben
spezialisierte Neuro-Radiologen einen Katheter von der Leiste aus bis an
die Stelle des Gehirns, an der das Blutgerinnsel eine Arterie blockiert
hat“, erklärt PD Dr. Matthias Gawlitza, der den Dresdner Kurs leitet.

Das Institut für diagnostische und interventionelle Neuroradiologie des
Dresdner Uniklinikums verfügt über einen großen Erfahrungsschatz bei
diesem Eingriff. Bereits bevor die mechanische Thrombektomie offiziell als
Standartmethode anerkannt wurde, hat das Institut sie mit großem Erfolg
angewandt. Im Rahmen des Neurovaskulären Netzwerks
Ostsachsen/Südbrandenburg (SOS-NET), das die Akutversorgung in der Region
bündelt, wird ein Großteil der Behandlungsbedürftigen mit der Indikation
einer mechanischen Thrombektomie notfallmäßig ins Dresdner Uniklinikum
verlegt. Hier kann der Thrombus von spezialisiertem ärztlichem Personal
mithilfe des minimal-invasiven Eingriffs geborgen und über Hohlkatheter
abgesaugt werden. Bei dem Weg durch die Gefäße navigiert die
Neuroradiologin oder der Neuroradiologe den Katheter anhand kontinuierlich
gemachter Angiografie-Bilder. Diese Röntgentechnik lässt die Gefäße nach
Gabe von Kontrastmittel sichtbar werden. Am Dresdner Uniklinikum stellt
derzeit ein siebenköpfiges interventionelles, ärztliches Team sicher, dass
die mechanische Thrombektomie an jedem Tag des Jahres rund um die Uhr
vorgenommen werden kann.

Inzwischen ist die Technik der Thrombektomie soweit verfeinert worden,
dass beinahe 90 Prozent aller für den Eingriff geeigneten Gefäße
wiedergeöffnet werden können. Der Behandlungserfolg stellt sich oft
bereits während der Intervention ein. So ist es nicht ungewöhnlich, dass
die vom Schlaganfall Betroffenen schon auf dem OP-Tisch wieder sprechen
oder vormals gelähmte Gliedmaßen bewegen können. Dies wird in der Fachwelt
als „Lazarus-Effekt“ beschrieben. Anders als bei der Lyse, die spätestens
vier bis sechs Stunden nach dem Schlaganfall zu erfolgen hat und deshalb
der Zeitpunkt des Ereignisses genau bestimmt werden muss, bleibt für die
Thrombektomie mehr Zeit. Der Eingriff kann in einem Zeitfenster von 24
Stunden erfolgen. Das ist insbesondere für die Fälle relevant, bei denen
sich der Schlaganfall im Schlaf ereignet und sein Zeitpunkt damit nicht
exakt genug ermittelbar ist.

Bei dem Dresdner Hands-on-Kurs wird in Kleingruppen an modernsten
Angiographiesimulatoren und an Flussmodellen im Katheterlabor trainiert.
Hierbei lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die auch in der
Behandlung verwendeten Materialien und Geräte sowie deren korrekte
Anwendung kennen. „Unser Ziel ist es, dass die Teilnehmenden des Kurses
die Grundzüge der Thrombektomie zunächst im Simulator üben, bevor sie mit
ihren erlernten Fähigkeiten erstmals Patienten behandeln“, sagt PD Dr.
Gawlitza. In erste Linie rekrutieren sich die Teilnehmenden dieser Kurse
aus dem ärztlichen Nachwuchs solcher Kliniken, die über die notwendige
Infrastruktur verfügen und bestehende Teams ausbauen möchten. In dem
Setting des Kurses werden diese Ärztinnen und Ärzte von erfahrenen
Spezialistinnen und Spezialisten anhand praxisnaher Simulatoren geschult.
Dabei diskutieren sie auch konkrete Behandlungsfälle um die Gefahren und
Probleme aufzuzeigen, die mit diesem Eingriff verbunden sind.