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80 Prozent der Menschen fühlen sich in der Schweiz gesellschaftlich voll integriert

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Von der Schweizer Bevölkerung empfinden sich nur wenige Menschen in hohem
Masse ausgeschlossen – darunter vor allem Ausländer, wenig Gebildete,
Jüngere sowie ältere Personen. Teile der lateinischen Schweiz fühlen sich
ebenfalls nicht voll in der Gesellschaft integriert. Dies ergab eine
Umfrage des Soziologischen Instituts der Universität Zürich.

Über gesellschaftlichen Ausschluss wird derzeit auch im öffentlichen
Diskurs breit debattiert. Da-runter wird allgemein ein mehrdimensionaler
Prozess verstanden, der auf den Veränderungen der wirtschaftlichen
Strukturen der vergangenen Jahrzehnte beruht und einen zunehmenden Anteil
der Bevölkerung wirtschaftlich an den Rand dränge, so die generelle
Meinung – sei dies durch Arbeitslosigkeit, Armut oder unsichere
Lebensumstände. Dadurch entstünde bei den Betroffenen soziale Isolation
und das Gefühl, aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen zu sein.

Zugehörigkeit ist ein Grundbedürfnis

In einer aktuellen Studie untersuchen Forscherinnen und Forscher des
Soziologischen Instituts der Universität Zürich, in wieweit solche
Exklusionsgefühle in der Schweizerischen Wohnbevölke-rung verbreitet sind
und welche Faktoren diese auslösen. Die Studie basiert auf einer
repräsenta-tiven Befragung, die Ende des Jahres 2019, also kurz vor Beginn
der Corona-Pandemie, durch-geführt wurde.

«Zu einer sozialen Gruppe dazuzugehören, ist ein menschliches
Grundbedürfnis», sagt Jörg Rössel, Professor am Soziologischen Institut
der Universität Zürich. «Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich nur ein sehr
kleiner Prozentsatz – 2,9 Prozent – der befragten Personen als exkludiert
wahrnimmt. 80,4 Prozent der Interviewten nehmen sich dagegen überhaupt
nicht als ausge-schlossen wahr.»

Immerhin: 16,8 Prozent der Befragten weisen mittlere Werte auf der Skala
des Exklusionsempfin-dens auf, haben also zumindest Zweifel an ihrer
Vollinklusion in die Gesellschaft.

Erhöhtes Exklusionsempfinden in der lateinischen Schweiz

Betrachtet man genauer, in welchen Gruppen dieses Exklusionsempfinden
besonders verbreitet ist, zeigt sich ein differenzierteres Bild:
Insbesondere die 18- bis 30-Jährigen als auch Personen über 61 Jahre
fühlen sich stärker ausgegrenzt als Menschen in mittleren Altersgruppen.
Ebenfalls benachteiligt nehmen sich Personen mit tiefer Bildung wahr.

Erhöhte Werte für das Exklusionsempfinden ergaben sich auch bei Personen
ohne Schweizer Staatsbürgerschaft sowie in der lateinischen Schweiz. Die
französisch- und die italienischsprachi-ge Bevölkerung empfindet sich in
stärkerem Masse ausgeschlossen als die Deutschschweizerin-nen und
Deutschschweizer – 26,7 Prozent der befragten Westschweizer und 25,7
Prozent der Tessiner gaben an, sich im mittleren oder hohen Grade
ausgegrenzt zu fühlen.

Subjektive Wahrnehmung der Lebenslage

Gemäss den Forschenden lassen sich die Gründe für dieses
Exklusionsempfinden insbesondere auf eine finanziell schwierige
Lebenssituation und die soziale Isolation der befragten Personen
zurückführen sowie auf deren subjektive Wahrnehmung ihrer Lebenslage.
Warum sich die Ange-hörigen der lateinischen Sprachgruppen in der Schweiz
eher marginalisiert fühlen, bleibt dagegen unklar. Hier müssten laut den
Forschenden zukünftige Studien sich auf die Suche nach Erklärun-gen
machen.

Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass soziale Exklusion kein
Massenphänomen ist, wie dies häufig in der Diskussion suggeriert wird.
Daher können sich politische Massnahmen gezielt auf die besonders
betroffenen Personengruppen richten.


Originalpublikation:
Literatur:
Audrey Djouadi, Jörg Rössel, Alexander Seifert: Wer fühlt sich exkludiert?
Zur zeitdiagnostischen Verwendung des Konzepts der sozialen Exklusion.
Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozial-psychologie, Okt 12, 2021.
https://link.springer.com/article/10.1007/s11577-021-00802-7