Das „Große Stammbuch“ Philipp Hainhofers
Hochauflösende Digitalisierung ermöglicht jetzt kunsthistorische
Untersuchung bis ins kleinste Detail
Das „Album Amicorum“, das die HAB im vergangenen Jahr für rund 2,8
Millionen Euro erwerben konnte, liegt jetzt in digitaler Form in der
Wolfenbütteler Digitalen Bibliothek (WDB) vor. Das reich illustrierte
„Große Stammbuch“ des Augsburger Kaufmanns, Kunsthändlers und politischen
Korrespondenten Philipp Hainhofer (1578–1647) ist damit nicht nur für die
Forschung, sondern auch für die Öffentlichkeit frei zugänglich.
Zwischen 1596 und 1633 haben sich Kaiser, Könige und Fürstinnen,
Diplomaten, Gelehrte und Militärs handschriftlich in dieser frühen Form
des „Freundschaftsbuchs“ verewigt. Es versammelt aber nicht (nur) Freunde
im engeren Sinne, sondern auch und vor allem geschäftliche, politische und
gesellschaftliche Kontakte. Das 227 Seiten umfassende Werk enthält
zahlreiche von teils namhaften Künstlern gestaltete, reich verzierte
Schmuckseiten. Darunter sind Porträts, heraldische, botanische und
allegorische Darstellungen. Mit jedem weiteren hochrangigen Beitrag hoben
sich der Status sowohl des Werks als auch seines Besitzers.
Die neu entstandenen hochauflösenden Digitalisate ermöglichen ein
„Reinzoomen“ bis zu einzelnen Pinselstrichen. So können bei der
kunsthistorischen Analyse Darstellungen detailliert verglichen und
Inschriften entziffert werden. Der eingehende Vergleich wiederum kann bei
dem Versuch helfen, die zum großen Teil noch nicht identifizierten
Künstler oder verschiedene Blätter aus einer Hand zu bestimmen.
Möglicherweise können sogar frühere Bindungszusammenhänge der variablen
Blätter rekonstruiert werden. Zugleich wird durch die Digitalisierung das
empfindliche und kostbare Original geschützt.
Die Digitalisierung in hoher Auflösung war aufgrund der konservatorischen
Bedingungen und der technischen Ausstattung zeitaufwändig, da jedes Blatt
einzeln mit verso- und rectoseite, also der linken und rechten Buchseiten,
fotografiert und nachbearbeitet werden musste.
Finanziert wurde der Kauf von der Kulturstiftung der Länder, der
Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien, der Volkswagenstiftung (im
Rahmen des Niedersächsischen Vorab), der Herzog August Bibliothek
(Wittchow-Aschoff-Stiftung), der Ernst von Siemens-Kunststiftung, der
Stiftung Niedersachsen und der Rudolf-August Oetker-Stiftung. Das Land
Niedersachsen finanziert darüber hinaus aus Mitteln des Niedersächsischen
Vorab der Volkswagen Stiftung ein dreijähriges Forschungsprojekt an der
HAB mit 300.000 Euro, das die Entstehung und Geschichte des Stammbuchs und
seiner künstlerischen Ausgestaltung untersucht.
Das personell wie künstlerisch herausragende „Album Amicorum“ soll
textlich und ikonografisch – zur Bestimmung und Deutung der Motive -
erschlossen, Personennetzwerke erforscht und die Ergebnisse sowohl digital
als auch in einer Buchpublikation zugänglich gemacht werden. Ziel des
Vorhabens ist die Identifizierung der Personen, die sich eingetragen haben
- der Inskribentinnen und Inskribenten - und der von ihnen gewählten
Künstler und Motive. Die Einträge werden transkribiert, übersetzt und die
teilweise komplexen Bildprogramme ikonografisch erschlossen. Darüber
hinaus wird eine räumliche wie akteurszentrierte Einordnung in den
Entstehungskontext der Blätter angestrebt.
