Geriatrische Weiterbildung: „Ich sehe eine kontinuierliche Entwicklung über 16 Jahre“
Von 2005 bis 2021 war Dr. med. Michael Meisel der
Weiterbildungsbeauftragte der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG).
Ein langer Zeitraum, in dem er die geriatrische Weiterbildung in
Deutschland maßgeblich mitgeprägt und vorangetrieben hat. Im Interview
berichtet der Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Geriatrie des
Städtischen Klinikums Dessau über die Highlights seines Amtes, wichtige
Erkenntnisse aus der Gremienarbeit und Wünsche für die Zukunft der
geriatrischen Weiterbildung.
16 Jahre – das ist ein beeindruckender Zeitraum, in dem Sie viele
verschiedene Projekte im Namen der DGG angestoßen haben. Was waren in
Ihren Augen die wichtigsten Dinge, die Sie umsetzen konnten?
Nachdem kurz vor meiner Wahl die Weiterbildungsordnung geändert worden
war, stand
die geriatrische Fortbildung in den ersten Jahren im Fokus meiner
Bemühungen. Ein Highlight war die Einführung der strukturierten
curricularen Fortbildung „Geriatrische Grundversorgung“ für Ärztinnen und
Ärzte, die sich in erster Linie an Niedergelassene richtete. Dieser 60
-Stunden-Kurs wurde als erster Teil aus dem vormaligen 160-Stunden-Kurs
„Geriatrie“ entwickelt und 2012 von der Bundesärztekammer als Kurs
veröffentlicht. Seitdem wurde diese Fortbildung in verschiedenen
Landesärztekammern angeboten. Ich selbst habe in Sachsen-Anhalt und in
Thüringen an den Curricula als Vermittler teilgenommen. Leider ist es uns
nicht gelungen, diesen Kurs als fachliche Voraussetzung für die Abrechnung
geriatrischer Leistungen im niedergelassenen Bereich zu etablieren.
Trotzdem ist die Einführung geriatrischer Leistungskomplexe durch die
Kassenärztliche Vereinigung, die sich zeitlich anschloss, ein wichtiger
Meilenstein in der ambulanten Versorgung geriatrischer Patienten.
Welcher wichtige Meilenstein sollte ebenfalls erwähnt werden?
Ganz klar: Die Mitarbeit an der neuen Weiterbildungsordnung, in der wir
die Geriatrie wieder als Zusatzbezeichnung etablieren konnten. Wichtig
erscheint mir, dass die Weiterbildungsinhalte den heutigen Stand der
Geriatrie widerspiegeln. Unser Ziel der bundesweiten Etablierung einer
Facharztkompetenz Innere Medizin und Geriatrie haben wir leider nicht
erreicht. Allerdings halte ich es für einen Erfolg, wenn dieser Facharzt
in den Ländern Brandenburg, Sachsen-Anhalt und vermutlich auch in Berlin
beibehalten wird. Das bedeutet, dass man das Fach für so wichtig erachtet,
dass eine Änderung der Musterweiterbildungsordnung, die ja möglichst
unverändert in den Landesärztekammern eingeführt werden sollte,
gerechtfertigt erscheint.
Wirklich?
Ja! An diesem Beispiel zeigt sich, wie einige Fachrichtungen in
unterschiedlichen Ärztekammern besonders gut vernetzt oder integriert
sind, um Unterschiede in den länderspezifischen Weiterbildungsordnungen zu
generieren. Deutlich wird das auch an den Zugangsvoraussetzungen für den
Erwerb der Zusatzbezeichnung, die in den einzelnen Landesärztekammern
unterschiedlich festgelegt sind. Wichtig erscheint mir, geriatrisch Tätige
auf die Bedeutung der Landesärztekammern für unser Fach hinzuweisen und
zur Mitarbeit in den Gremien zu animieren. Langfristig sollte eine bessere
Verankerung der Geriatrie in den Weiterbildungsordnungen auf der Agenda
bleiben, wobei das Fach nicht unbedingt an die Innere Medizin gekoppelt
sein muss. Man könnte sich auch eine eigene Facharztkompetenz vorstellen,
wie es sie in einigen europäischen Ländern gibt. Dass dieser Prozess noch
schwieriger und aufwändiger wäre, muss hier nicht betont werden.
Als Weiterbildungsbeauftragter waren Sie auch für die DGG in der DRG-
Projektgruppe. Was haben Sie hier erreicht?
Seit der Einführung des DRG-Systems hat die DRG-Projektgruppe an der
Verbesserung der Abbildung der Geriatrie im System gearbeitet. So konnten
wir in den vergangenen Jahren neue geriatrische Leistungen in
verschiedenen MDC etablieren. Wichtig war auch die Schärfung der
Bedingungen zur Erbringung der geriatrischen Komplexbehandlung, die immer
weiter spezifiziert wurden. In diesem Jahr ist es gelungen, die Kriterien
für die Struktur- und Prozessqualität im Operationen- und
Prozedurenschlüssel (OPS 2021) voneinander zu trennen. Das schafft die
Möglichkeit, die Vorhaltungen für die Struktur einmalig im Jahr
nachzuweisen und die Einzelfallprüfungen des MDK auf die Prozesskriterien
in den Krankenakten zu beschränken.
Wie haben Sie die Zusammenarbeit zwischen Geriatrie und Innerer Medizin in
Ihrer Amtszeit erlebt?
Im Rahmen meiner Position war ich auch Vertreter der Deutschen
Gesellschaft für Geriatrie in der Kommission für Aus-, Fort- und
Weiterbildung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM). Durch
die Tätigkeit einiger Geriater in der DGIM, ich denke zum Beispiel an die
Präsidentschaft von Herrn Prof. Dr. Cornel Sieber, hat die Wahrnehmung der
Geriatrie in der Inneren Medizin deutlich zugenommen. In meiner
Kommissionsarbeit konnte ich erleben, wie die Deutsche Gesellschaft für
Geriatrie als Vertretung einer der Subspezialitäten der Deutschen
Gesellschaft für Innere Medizin akzeptiert wurde. Trotzdem bleibt eine
gewisse Zurückhaltung, Herzenssache scheint die Geriatrie für viele nicht,
andere Themen sind wichtiger. Hier sollten wir unbedingt in der Diskussion
bleiben.
Als Ihre Nachfolgerin wurde Frau Professor Singler aus Nürnberg gewählt.
Wo sehen Sie ihre große Kompetenz als neue Weiterbildungsbeauftragte?
Frau Professor Dr. Katrin Singler ist an einer Universität tätig und hat
deshalb einen etwas anderen Fokus im Komplex Aus-, Weiter- und
Fortbildung. Sie ist seit vielen Jahren in der Studierendenausbildung
aktiv und hat wissenschaftlich über die Aus- und Weiterbildung in der
Geriatrie im internationalen Umfeld gearbeitet. Da im Moment die
nationalen Lernzielkataloge und die Struktur des Studiums überarbeitet
werden, ist die große Expertise von Frau Professor Singler auf diesem
Gebiet aktuell besonders wichtig. Aus diesem Grund halte ich die Übergabe
des Staffelstabes an meine Nachfolgerin für sinnvoll und sehr zeitgemäß.
In den 16 Jahren hat sich die DGG ständig neuformiert – was haben Sie aus
dieser Zeit über Ihr Fach gelernt?
In dieser Zeit habe ich acht Legislaturperioden, also acht verschiedene
Präsidenten, erlebt. Dabei habe ich unterschiedliche Ausrichtungen
innerhalb der Gesellschaft wahrgenommen, insgesamt einen Übergang von der
eher praktischen in die mehr wissenschaftliche Betrachtungsweise der
Geriatrie. Wichtig waren die Kommunikation und Wechselwirkung mit anderen
Fächern, insbesondere der Neurologie und Traumatologie, aber natürlich
auch der Allgemeinmedizin.
Das lief ja nicht immer ganz reibungslos …
Noch immer bestehen Ängste vor unserem und Missverständnisse um unser
Fach. Diesen gilt es behutsam, aber bestimmt entgegenzutreten. Wir sollten
mit anderen Fächern auf Augenhöhe verkehren, wir sind die Spezialisten für
eine besondere Patientengruppe, benötigen aber die Kooperation mit anderen
(Organ-)Spezialisten zur optimalen Betreuung der uns anvertrauten
Klientel. Wir sollten vermitteln, welchen Nutzen geriatrische Patienten
aus unserer Behandlung erzielen und selbstbewusst als DGG auftreten.
Und was ziehen Sie persönlich aus dieser Zeit?
Ich habe sehr viele interessante Menschen kenngelernt. Man vernetzt sich
im Laufe der Jahre immer besser. Die eigene Tätigkeit wird vielfältiger,
teilweise auch einfacher, weil man die Leute kennt, mit denen man zu
bestimmten Themen kommunizieren sollte. Und diese Verbindungen bleiben ja
auch nach dem Ausscheiden aus der Funktion bestehen. Für mich war es
insgesamt eine sehr spannende Zeit. Es gab immer wieder neue
Herausforderungen, denen man sich stellen musste. Ich sehe eine
kontinuierliche Entwicklung über die 16 Jahre. Aber nun ist es gut! Wenn
die Position in andere Hände gegeben wird, sollen neue Prioritäten und
neues Engagement einen Schub in der Arbeit und der Wahrnehmung der DGG
bewirken.
Welche Fähigkeiten sollten Weiterbildungsbeauftragte der DGG mitbringen?
Wichtig ist die Fähigkeit zur Kommunikation und Vernetzung mit Kolleginnen
und Kollegen, aber auch mit Organisationen und Gremien. Dabei wird man die
Menschen und Strukturen, die in die Organisation von Aus-, Weiter- und
Fortbildung einbezogen sind, allmählich immer besser kennenlernen. Man
muss mit den wichtigsten anderen Professionen und Fachgebieten, die am
alten Menschen arbeiten, auf Augenhöhe in Verbindung kommen und bleiben.
Ein resümierender, letzter Satz?
Ich konnte miterleben, wie sich die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie
nach schwierigen Jahren sowohl fachlich als auch organisatorisch und vor
allem ökonomisch gefestigt hat. Es ist schön, daran mitgewirkt zu haben,
dass die Gesellschaft jetzt wirklich gesund dasteht, Projekte anstoßen und
auch finanzieren kann. Das war am Anfang durchaus anders – und erfüllt
mich mit Freude.
