BioRescue stellt nach ethischer Risikobewertung Eizellenentnahme bei einem von zwei Nördlichen Breitmaulnashörnern ein
Bei der Mission, das Nördliche Breitmaulnashorn durch fortschrittliche
Technologien der assistierten Reproduktion vor dem Aussterben zu bewahren,
legen die Wissenschaftler:innen und Naturschützer:innen des BioRescue-
Konsortiums höchsten Wert darauf, das Leben und Wohlergehen der einzelnen
Tiere zu respektieren. Nach einer speziellen, umfassenden ethischen
Risikobewertung hat das Team nun beschlossen, das ältere der beiden
verbleibenden Weibchen – die 32-jährige Najin –, als Spenderin von
Eizellen (Oozyten) in den Ruhestand zu schicken.
Damit steht dem ehrgeizigen Programm noch ein Weibchen zur Verfügung,
welches Eizellen liefern kann: Najins Tochter Fatu. Unter Abwägung der
Risiken und Chancen für die Individuen und die gesamte Art war diese
Entscheidung alternativlos. Der Bedarf an stammzellassoziierten Techniken,
die auch Bestandteil der BioRescue-Mission sind, und an langfristig
angelegten Biobanken wird durch diese Entscheidung weiter erhöht. Najin
wird als Repräsentantin ihrer Art und durch die Weitergabe von sozialem
Wissen an zukünftige Nachkommen ein wichtiger Teil der Mission bleiben.
Najin wurde 1989 im Safaripark Dvůr Králové (Tschechische Republik)
geboren und 2009 zusammen mit drei weiteren Nördlichen Breitmaulnashörnern
für ein natürliches Zuchtprogramm in das Reservat „Ol Pejeta Conservancy“
(Kenia) gebracht. Fünf Jahre später stellten Wissenschaftler:innen fest,
dass die letzte Chance für das Überleben von Najin und ihrer Art in
modernen Techniken der assistierten Reproduktion liegt, wie sie vom BMBF
teilgefördertem BioResuce-Konsortium durchgeführt werden. Bei diesem
Ansatz werden weiblichen Breitmaulnashörnern Eizellen entnommen. Dafür
erfolgt eine Hormonstimulation, eine Vollnarkose und eine transrektale,
ultraschallgesteuerte Eizellentnahme.
„Bei Nashörnern ist dieses Verfahren absolut neu, und obwohl es von den
weltweit führenden Wissenschaftler:innen und Tierärzt:innen des BioRescue-
Teams auf höchst professionelle und sichere Weise durchgeführt wird, ist
es mit Risiken für die Tiere verbunden", sagt Jan Stejskal, Direktor für
internationale Projekte im Safaripark Dvůr Králové. „Die Eizellenentnahme
bei Najin hat nur wenige Eizellen geliefert, von denen keine erfolgreich
befruchtet werden konnte, um einen Embryo zu produzieren. In Anbetracht
dieses Ergebnisses und der möglichen Risiken ist es die
verantwortungsvollste Entscheidung, keine weiteren Eingriffe an Najin
vorzunehmen und sie nicht mehr als Eizellspenderin zu verwenden. Sie wird
jedoch weiterhin Teil des Programms sein, indem wir beispielsweise
Gewebeproben von ihr mit minimal-invasivem Eingriff entnehmen und für
Stammzelluntersuchungen verwenden.”
Die Entscheidung, die Eizellenentnahme bei Najin einzustellen, wurde unter
der Leitung des Ethiklabors für Tiermedizin, Naturschutz und Tierschutz
der Universität Padua getroffen. Prof. Barbara de Mori und ihr Team kamen
zu dieser Empfehlung, nachdem sie alle relevanten Möglichkeiten und
ethischen Dimensionen analysiert sowie mehrere Diskussionen mit den
Beteiligten geführt hatten. Zusätzlich evaluierten sie alle möglichen
Optionen mit wissenschaftlichen Methoden wie Entscheidungsbäumen und
Bateson-Würfel, um das Fachwissen der Beteiligten durch eine
systematische, objektive Perspektive zu nutzen.
„Es war eine besondere Herausforderung, die Chancen zur Rettung einer Art
gegen das Wohlergehen eines einzelnen Tieres abzuwägen", sagt Prof.
Barbara de Mori. „Wir ermittelten die wichtigsten Möglichkeiten und
Kombinationen von Entscheidungen, die das Konsortium treffen könnte. Diese
stuften wir dann mit Blick auf die verschiedenen Optionen ein, wie die
Vermeidung schwerer oder kleinerer Unfälle, die Möglichkeit, Verfahren zu
wiederholen, und die erfolgreiche Entnahme von Eizellen, ergänzt Dr.
Pierfrancesco Biasetti, Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Zoo- und
Wildtierforschung (Leibniz-IZW) und Mitglied des Ethik-Teams in Padua.
Es stellte sich heraus, dass einige Szenarien mit hoher Wahrscheinlichkeit
die meisten gewünschten Vorgehensweisen erfüllen, während andere eher
geringe Chancen haben. Daraus ergab sich, dass eine Fortsetzung der
Eizellenentnahme oder andere potenzielle Optionen wie die Ovarektomie (zur
Gewinnung von Biomaterial, das für künftige Verfahren im Labor [in-vitro]
wertvoll sein könnte) unter den gegebenen Umständen keine ethisch
akzeptablen Möglichkeiten sind.
Von Anfang an war es eine zentrale Säule der Arbeit des BioRescue-Projekts
und seiner Partner:innen, alle relevanten ethischen Aspekte bei der
Rettung des Nördlichen Breitmaulnashorns zu berücksichtigen.
„Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass wir die Grenzen des Machbaren im
Naturschutz ausreizen und dies erfordert auch ein Nachdenken über ethische
und moralische Konsequenzen", sagt BioRescue-Projektleiter Prof. Dr.
Thomas Hildebrandt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung
(Leibniz-IZW). „Jedes Verfahren des Programms wird von einer umfassenden
ethischen Risikobewertung begleitet. Wir sind überzeugt, dass wir nichts
tun sollten, was wir tun könnten, nur weil wir es eben können. Die
Entwicklung klarer ethischer Grundsätze auf der Grundlage unseres Wissens,
wissenschaftlicher Expertise in der Tierschutzethik und
Entscheidungsfindung sowie Aufmerksamkeit gegenüber dem gesellschaftlichen
Diskurs ist eine wesentliche Basis von BioRescue.”
Bei den Überlegungen über die künftige Rolle von Najin war dieser
Entscheidungsprozess außerordentlich schwierig, da die Expert:innen sowohl
die Perspektive der Population (Schwerpunkt Artenschutz) als auch die
Perspektive der einzelnen Tiere (Schwerpunkt Tierschutz) einbeziehen
mussten.
„Ein einzelnes Tier aufgrund von Tierschutzbedenken aus einem
Schutzprogramm herauszunehmen, ist normalerweise keine Frage, über die man
lange nachdenkt", sagen Leibniz-IZW-Cheftierarzt Dr. Frank Göritz und Ol
Pejeta-Cheftierarzt Dr. Stephen Ngulu. „Aber wenn ein einziges Individuum
50 Prozent der Population ausmacht, überdenkt man diese Entscheidung
mehrmals, weil sie erhebliche Auswirkungen auf die Aussichten des
Schutzprogramms haben könnte. Jüngste Ultraschalluntersuchungen haben
ergeben, dass Najin mehrere kleine, gutartige Tumore im Gebärmutterhals
und der Gebärmutter sowie eine große zystische Struktur von 25 cm
Durchmesser im linken Eierstock hat. Diese Befunde könnten erklären, warum
die Eizellentnahme bei ihr nicht so erfolgreich war wie bei Fatu. Deshalb
sind wir zu dem Schluss gekommen, dass die wertvollste Rolle für Najin
darin besteht, eine Botschafterin für die Erhaltung ihrer Art zu sein und
ihr soziales Wissen und Verhalten in absehbarer Zeit an Nachkommen
weiterzugeben.”
Da Najin nun nicht mehr für den ersten Pfeiler des BioRescue-Programms,
die fortgeschrittenen assistierten Reproduktionstechnologien (advanced
assisted reproduction technologies, aART), zur Verfügung steht, wird der
zweite Pfeiler noch wichtiger werden. Für die aART werden natürliche
Eizellen und Spermien benötigt, die direkt aus weiblichen und männlichen
Nashörnern gewonnen wurden, um Embryonen zu erzeugen. Der zweite Pfeiler
der BioRescue-Mission, die stammzellassoziierten Techniken (stem cell
associated techniques, SCAT), zielen darauf ab, Geschlechtszellen aus
gelagertem Gewebe von Nördlichen Breitmaulnashörnern im Labor zu erzeugen.
Beispielsweise könnten Hautzellen von Najin in induzierte pluripotente
Stammzellen umgewandelt werden, die dann so umprogrammiert werden könnten,
dass sie sich zu neuen Geschlechtszellen (Eizellen oder Spermien)
entwickeln. Diese hochmoderne Technik, die im BioRescue-Konsortium von
international führenden Teams der Kyushu-Universität und des Max-Delbrück-
Centrums für Molekulare Medizin (MDC) entwickelt wurde, ermöglicht es, die
Zahl der für die Embryonenproduktion verfügbaren Geschlechtszellen
erheblich zu steigern. Dies kann ein wesentlicher Erfolgsfaktor sein.
Darüber hinaus gewinnt der genetische Vorrat des assistierten
Fortpflanzungsprogramms enorm an Diversität. Zwar sind die
stammzellassoziierten Techniken noch am Anfang - was die
Nashornreproduktion betrifft - jedoch stärken die vom MDC und der Kyushu-
Universität erzielten Fortschritte die Hoffnung, dass in den kommenden
Jahren Nördliche Breitmaulnashorn-Embryonen aus im Labor entwickelten
Geschlechtszellen erzeugt werden könnten.
„Bei der ethischen Risikobeurteilung wurde der beste wissenschaftliche
Ansatz angewandt, um das Wohlergehen von Najin angesichts ihres
fortgeschrittenen Alters und dem pathologischen Zustand ihrer Gebärmutter
zu gewährleisten", sagt Dr. Patrick Omondi, Direktor des Wildlife Research
and Training Institute (Kenia). „Wir freuen uns, dass wir an der
Beurteilung mitgewirkt haben. Diese bekräftigt die kooperative und
innovative Herangehensweise des BioRescue-Konsortiums zur Rettung der
Nördlichen Breitmaulnashörner.“
Der Wildtierschutz war in den letzten Jahrzehnten mit einer Vielzahl von
Herausforderungen konfrontiert. BioRescue hat Technologien entwickelt, die
es Experten ermöglichen, einige dieser Herausforderungen zu bewältigen.
Die kenianische Regierung hat mit verschiedenen Partner:innen
zusammengearbeitet, um den Schutz von Wildtieren durch technologische
Fortschritte zu fördern. Zwar ist das Nördliche Breitmaulnashorn nicht
ursprünglich heimisch in Kenia, hat jedoch eine Heimat in dem Land
gefunden.
„Die Regierung hat sich im Rahmen des Ministeriums für Tourismus und
Wildtiere verpflichtet, dafür zu sorgen, dass Wildtiere in Kenia und
weltweit für heutige und künftige Generationen erhalten bleiben und
geschützt werden. Besonders im Fokus steht dabei, sicherzustellen, dass
gefährdete Arten nicht vom Aussterben bedroht sind. Da Najin aufgrund
ihres fortgeschrittenen Alters keine lebensfähigen Eizellen produziert
hat, bleibt uns nichts anderes übrig, als das Schicksal zu akzeptieren,
sie aus dem ART-Programm herauszunehmen. Wir sind jedoch zuversichtlich,
dass sie noch lange genug leben wird, um durch die Nachkommen ihrer
Tochter Fatu einen positiven Einfluss auf die nächsten Nashorn-
Generationen zu haben", so Hon. Najib Balala, Kabinettssekretär im
Ministerium für Tourismus und Wildtiere in Kenia.
In Anbetracht der ständig wachsenden Herausforderungen, denen der
Nashornschutz gegenübersteht, war die Entscheidung, Najin auf Anraten der
Experten aus dem ART-Programm zu nehmen, für den Kenya Wildlife Service
sehr schwierig:
„Wir sind jedoch davon überzeugt, dass der Kenya Wildlife Service als
staatliche Behörde, die mit der Erhaltung und dem Management der Wildtiere
im Land beauftragt ist, wesentlich zu den Bemühungen beigetragen hat, das
Nördliche Breitmaulnashorn vor dem Aussterben zu schützen. Wir sind auch
davon überzeugt, dass das Ausscheiden von Najin, obwohl es eine schwierige
Entscheidung ist, die einzig richtige Option ist. Wir arbeiten mit
technischen Expert:innen vor Ort und auf internationaler Ebene zusammen,
um die Möglichkeiten zu erkunden, die sich durch neuartige Technologien
der assistierten Reproduktion ergeben, um die Art vor dem Aussterben zu
bewahren", sagt Brigadier (Rtd.) John Waweru, Generaldirektor, Kenya
Wildlife Service.
