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DDG und DAG warnen vor unzureichender psychischer Versorgung von Menschen mit Diabetes und Übergewicht

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Wie gut Menschen mit Diabetes oder Adipositas mit ihrer Erkrankung leben
können, hängt nicht zuletzt davon ab, wie zuverlässig sie die notwendige
Selbstbehandlung – vom Blutzuckermessen über Bewegung bis hin zu einer
angepassten Ernährung – meistern. Denn psychische Erkrankungen wie
Depressionen und Ess- oder Angststörungen behindern die
Selbstmanagementfähigkeiten immens. Dennoch fehlt es derzeit an
ausreichend ausgebildeten Psychotherapeutinnen und -therapeuten,
ambulanten Beratungsstellen und niederschwelliger Unterstützung.

Wie die psychosoziale Versorgung Betroffener verbessert werden kann,
erläutern Expertinnen und Experten der Deutschen Diabetes Gesellschaft
(DDG) und der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) bei einer
Pressekonferenz am 5. November 2021, die anlässlich der Diabetes
Herbsttagung in Wiesbaden sowie online stattfindet.

Depressionen treten bei Menschen mit Diabetes doppelt so häufig auf wie
bei jenen, die nicht unter der Stoffwechselerkrankung leiden (1). „Die
beiden Erkrankungen stehen in einer Wechselwirkung zueinander, die dazu
führt, dass sich bei fehlender Behandlung beide Erkrankungen im
Krankheitsverlauf gegenseitig negativ beeinflussen oder sogar eine die
andere bedingt“, erläutert Susan Clever, Psychologin an der Diabetespraxis
Hamburg-Blankenese. Menschen mit Diabetes ebenso wie Menschen mit starkem
Übergewicht seien Stigmatisierungserfahrungen ausgesetzt, die sich negativ
auf ihren Umgang mit Therapieempfehlungen auswirken können. Hinzu kommt
die Abhängigkeit von mit den Erkrankungen verbundenen Kennzahlen wie
Gewicht und Blutzuckerwerten so wie die Erfahrung, diese nur in einem
begrenzten Ausmaß beeinflussen zu können, was wiederum Ängste und
Überforderungsgefühle auslösen könne. „Rückschläge bei der
Selbstbehandlung können dann dazu führen, dass Betroffene auf besonders
belastende Schritte wie das Spritzen von Insulin verzichten und damit
Gefahr laufen, in eine Abwärtsspirale zu kommen, bei der sich der
psychische und körperliche Zustand stetig verschlechtert“, warnt die
Expertin.

Das notwendige, gesunde, regelmäßige und der jeweiligen Erkrankung
angepasste Essen wird zudem für viele Menschen mit Diabetes oder
Adipositas durch Essstörungen erschwert. „Beim Insulinpurging verzichten
die Patientinnen und Patienten beispielsweise auf Insulin, um die
Gewichtsabnahme anzukurbeln. Patienten, die an einer Binge-Eating-Störung
leiden, haben regelmäßig wiederkehrende Essanfälle“, sagt Clever. Solche
Essstörungen beeinflussen die jeweilige Grunderkrankung negativ und können
sogar ein lebensgefährliches Ausmaß annehmen. Auch für die Adipositas ohne
begleitenden Diabetes gelte, dass starkes Übergewicht selten in seiner
großen Komplexität und mit den häufig verbundenen psychischen
Begleiterkrankungen wahrgenommen und behandelt werde. Vermeintlich
einfache Empfehlungen zur Verhaltensänderung und Disziplin durch
behandelnde Medizinerinnen und Mediziner wirken eher kontraproduktiv und
verstärken die wiederholte Erfahrung eigenen Scheiterns bei den
Betroffenen. „Deswegen bedarf jede psychische Komorbidität bei Diabetes
und Adipositas einer begleitenden psychotherapeutischen Behandlung durch
Fachpersonal, das mit den Spezifika von Stoffwechselerkrankungen vertraut
ist“, so die Expertin. Entsprechende Behandlungsangebote seien derzeit
aber nicht ausreichend vorhanden.

Zwar hat die Bundespsychotherapeutenkammer im Jahr 2017 die Muster-
Weiterbildungsordnung für Psychologische Psychotherapeuten erweitert und
ermöglicht nun den Länderkammern, eine Weiterbildung „Psychotherapie bei
Diabetes“ anzubieten. Aktuell verfügen jedoch nur 65 Psychotherapeuten
bundesweit über diese Bezeichnung – auch weil der finanzielle Anreiz
fehle, so Clever. Die stationären diabetologischen Einrichtungen in
Deutschland, die den Nachwuchs in der Diabetologie bisher gesichert haben,
werden indes weiterhin reduziert. Diese Reduktion betrifft auch die
Weiterbildungsplätze für den fachpsychologischen Nachwuchs. Aktuell sind
200 Diabetesfachpsychologinnen und - psychologen von der DDG zertifiziert,
die eine geeignete Beratung für Betroffene mit einem sogenannten
diabetesbezogenen Distress, etwa begleitenden Stress- und Angstgefühlen,
anbieten könnten. „Dieses Angebot ist zurzeit leider nur stationär
verfügbar, wo nur ein Bruchteil der Menschen mit Diabetes versorgt wird.
Das aktuelle Vergütungssystem sieht nicht vor, dass
Diabetesschwerpunktpraxen zeitnah ein niederschwelliges Beratungsangebot
durch zertifizierte Diabetesfachpsychologen anbieten können“, ergänzt
Professor Dr. med. Werner Kern, Tagungspräsident der DDG und Ärztlicher
Leiter des Endokrinologikum Ulm. Eine adäquate psychosoziale Versorgung
fange bei der Initialbehandlung eines Diabetes oder einer Adipositas an,
müsse aber unter Umständen auch über einen längeren Zeitraum ambulant
fortgeführt werden können.

Wie die psychosoziale Versorgung von Menschen mit Diabetes und Adipositas
in Deutschland weiter verbessert werden kann, diskutieren die Experten
auch auf der hybriden Kongresspressekonferenz am 5. November 2021
anlässlich der 15. Diabetes Herbsttagung der Deutschen Diabetes
Gesellschaft (DDG) in Kooperation mit der Deutschen Adipositas-
Gesellschaft (DAG).

Quellen:
(1) Depression as a Risk Factor for Mortality in Individuals with
Diabetes: A Meta-Analysis of Prospective Studies.
https://doi.org/10.1371/journal.pone.0079809

Terminhinweise:

15. Diabetes Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in
Kooperation mit der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG)
„Diabetes und Adipositas – gemeinsam durch dick und dünn“
Termin: 5. bis 6. November 2021
Ort: hybrid – in Wiesbaden und online unter www.herbsttagung-ddg.de

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Vorab-Pressekonferenz
Termin: Mittwoch, 27. Oktober, 12.00 bis 13.00 Uhr
Ort: https://register.gotowebinar.com/register/5512275520086367503

Vorläufige Themen und Referierende:

Diabetes und Adipositas bei Migranten – ein unterschätztes Problem
Professor Dr. med. Werner Kern
Tagungspräsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Ärztlicher
Leiter des endokrinologikum Ulm

Diabetes und Adipositas in Zeiten von COVID-19: mehr Prävention für
nichtübertragbare Erkrankungen
Professor Dr. med. Sebastian M. Meyhöfer (geb. Schmid)
Tagungspräsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG), Direktor des
Instituts für Endokrinologie & Diabetes an der Universität zu Lübeck,
Leiter Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel der Medizinischen
Klinik 1 am UKSH - Campus Lübeck

Disease Management Programm (DMP) Adipositas für eine bessere Versorgung
und weniger Neuerkrankungen
Professor Dr. med. Jens Aberle
Präsident elect und Vizepräsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft
(DAG), Ärztlicher Leiter im Ambulanzzentrum und Fachbereich
Endokrinologie, Diabetologie, Adipositas und Lipide, III. Medizinischen
Klinik und Poliklinik am UKE – Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Klima und Diabetes: wie sich die Folgen des Klimawandels auf Menschen mit
Diabetes auswirken
Professor Dr. med. Erhard G. Siegel
Chefarzt und Ärztlicher Direktor am St. Josefskrankenhaus Heidelberg