Einwanderungsfeindliche Haltung hält dem Realitätscheck nicht stand
Studie: Ablehnung von Migration und Zulauf zur extremen Rechten sind in
Regionen mit viel Einwanderung schwächer
Nach der Ankunft von über einer Million Geflüchteter in Deutschland
2015/16 zeigte sich auf der lokalen Ebene ein freundlicheres Bild als beim
Blick auf die bundesweite Lage, die von einer Zunahme fremdenfeindlicher
Haltungen und Gewalt sowie dem Zulauf zur rechtspopulistischen Partei AfD
geprägt war. Gerade in Kreisen, in denen besonders viele Geflüchtete
angesiedelt wurden, zeigten sich eine höhere Akzeptanz von Immigration und
stärkerer gesellschaftlicher Zusammenhalt. Zu diesem Ergebnis kommen WZB-
Forschungsprofessor David Brady, Marco Giesselmann von der Universität
Zürich und Tabea Naujoks von der Berliner Hertie School bei der Auswertung
von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus den Jahren 2009-2017.
Ungefähr 20.000 Personen ohne Migrationshintergrund in Deutschland wurden
in diesem Zeitraum mehrfach zu ihren Haltungen zur Zuwanderung befragt.
Eindeutig zeigt sich ein Trend zu mehr Sorge um den sozialen Zusammenhalt
und zu mehr Sympathien für extrem rechte Bewegungen und Parteien im
Kontext der starken Zuwanderung 2015. Auf der Ebene von Landkreisen und
kreisfreien Städten allerdings gilt ein umgekehrter Zusammenhang: Hohe
Zuwanderungsquoten gehen dort mit weniger Angst vor Einwanderung und
geringerer Zustimmung für extrem rechte Parteien einher. Ebenfalls nicht
beobachten lässt sich in diesen Gebieten, dass Einheimische wegziehen, die
Sorge um den sozialen Zusammenhalt zunimmt oder die Bereitschaft abnimmt,
durch das Zahlen von Steuern das Gemeinwesen zu stützen. David Brady zieht
daraus eine klare Lehre auch für zukünftige Migrationsbewegungen: „Das
Beispiel zeigt, dass ausgrenzende Haltungen durch mehr Kontakt abgebaut
werden können. Je mehr lokale Begegnungen es gibt, desto weniger greift
der allgemeine Diskurs, der Geflüchtete zur Bedrohung macht.“
Einschränkend allerdings muss ein zweites Ergebnis der Studie genannt
werden: In Kreisen mit hoher Arbeitslosigkeit ist dieser Mechanismus nicht
festzustellen. Hier stößt vielmehr der Zuzug Geflüchteter auf ablehnende
Haltungen. Die Forscher schließen aus diesem Befund, dass eine schwierige
ökonomische Situation der ideale Nährboden für migrationsfeindliche
Einstellungen ist. Die Empfehlung an die Politik liegt auf der Hand:
„Entscheiderinnen und Entscheider sollten Geflüchtete dort ansiedeln, wo
die Jobperspektiven gut sind, um negative soziale Folgen abzufedern“,
erklärt David Brady.
Die Studie ist als WZB discussion paper erschienen: Marco Giesselmann,
David Brady, Tabea Naujoks, The Social Consequences of the Increase in
Refugees to Germany 2015-2016 (September 2021).
