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Statement – Konjunkturmotor läuft unrund – Industriezylinder klemmt

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Prof. Dr. Stefan Kooths (https://www.ifw-kiel.de/de/experten/ifw/stefan-
kooths/
), Konjunkturchef des IfW Kiel, kommentiert die heute von Destatis
veröffentlichten Zahlen zur Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts in
Deutschland:

„Die deutliche Zunahme der Wirtschaftsleistung im dritten Quartal kann
nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Folgen der Corona-Krise immer noch
auf der deutschen Wirtschaft lasten. Zum Plus von 1,8 Prozent in den
Sommermonaten haben vor allem konsumnahe Dienstleistungen beigetragen. In
der Industrie dürfte die Wertschöpfung angesichts massiver Lieferengpässe
bei Vorprodukten abermals deutlich nachgegeben haben und nunmehr etwa 9
Prozent unter dem Vorkrisenniveau liegen (verglichen mit einem Rückstand
von 1,1 Prozent in der Gesamtwirtschaft). Trotz der merklichen
Aufwärtsrevision für das erste Halbjahr produziert die deutsche Wirtschaft
insgesamt noch immer beträchtlich unter ihren Möglichkeiten.

Nach dem Zwischenspurt der Konjunktur in den beiden zurückliegenden
Quartalen zeichnet sich für das Winterhalbjahr eine ruhigere Gangart ab.
Von der Industrie sind weiterhin keine klaren Expansionsimpulse zu
erwarten, weil die Engpässe die Produktion nach wie vor behindern. Zudem
dürfte die Pandemie auch den Dienstleistern weiter zu schaffen machen, was
einer vollständigen Normalisierung im Wege steht. Gleichwohl sind die
konjunkturellen Auftriebskräfte weiter intakt. Den Unternehmen fehlt nicht
die Nachfrage, sondern sie können ihre Produktion nicht ausreichend
hochfahren. So dürfte allein in der Industrie im laufenden Jahr
Wertschöpfung von über 40 Mrd. Euro infolge der Lieferengpässe ausgefallen
sein. Die extrem hohen Auftragspolster dürften dann für kräftigen Auftrieb
im kommenden Jahr sorgen, sobald die Produktion wieder ungehinderter
laufen kann. Zugleich hat sich bei den privaten Haushalten während der
Pandemiezeit Kaufkraft von rund 200 Mrd. Euro aufgestaut. Für die
Wirtschaftspolitik ist damit die Botschaft klar: Es bedarf keiner
konjunkturstimulierenden Maßnahmen. Diese würden nur die ohnehin starke
Preisentwicklung weiter anheizen.

Mit dem leicht aufgehellten Bild für das erste Halbjahr und dem wie
erwartet ausgefallenen Expansionstempo im dritten Quartal zeichnet sich
für das Jahresergebnis eine um wenige Zehntel höhere Zuwachsrate ab, als
von den Instituten in ihrem Herbstgutachten der Gemeinschaftsdiagnose
vorhergesehen wurde. Eine drei vor dem Komma kommt aber dadurch nicht in
Sicht.“