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Weichen für internationalen CO2-Entnahme-Markt stellen

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CO2-Neutralität ist für viele Unternehmen ein wichtiges Ziel, sei es um
Kunden zu gewinnen oder um – auch mit Blick auf den Finanzmarkt – als
nachhaltig eingestuft zu werden. Erreichen tun sie dies in aller Regel,
indem sie schwer zu vermeidende CO2-Emissionen mit freiwilligen
CO2-Zertifikaten von sogenannten Offset-Märkten kompensieren. Die
Umwandlung dieser gewachsenen Märkte in harmonisierte CO2-Entnahme-Märkte,
die auch das wachsende Angebot von Zertifikaten aus technischer
CO2-Entnahme enthalten, würde die internationale CO2-Preisgestaltung um
eine wichtige Komponente ergänzen. Auf der COP26 könnten dafür jetzt
wichtige Weichen gestellt werden.

„Die Nachfrage nach zusätzlichen CO2-Zertifikaten von Offset-Märkten ist
hoch und steigt immer weiter“, sagt Dr. Wilfried Rickels,
Forschungsdirektor Global Commons und Klimapolitik am IfW Kiel, der die
zahlreichen Einflussfaktoren gemeinsam mit IfW-Umweltökonomin Christine
Merk in einem Kiel Focus (https://www.ifw-
kiel.de/de/publikationen/medieninformationen/2021/weichen-fuer-
internationalen-co2-entnahme-markt-stellen/
) zusammengefasst hat. So
schätze die Taskforce on Scaling Voluntary Carbon Markets (mit
Unterstützung von McKinsey), dass die Nachfrage nach CO2-Zertifikaten auf
CO2-Offset-Märkten bis 2030 um den Faktor 15 und bis 2050 um den Faktor
100 steigen könnte. Diese Zertifikate sind bisher überwiegend Nachweise
für zusätzliche CO2-Reduktionen. „Gleichzeitig besteht die Hoffnung, dass
das Angebot dieser CO2-Zertifikate aus zusätzlichen Emissionsreduktionen
bald sinkt“, so Rickels, denn das ergebe sich automatisch, wenn – wie es
ja eigentlich global angestrebt sei – die weltweiten Emissionen sinken.
„Es bleiben dann viel weniger Möglichkeiten für zusätzliche
Emissionsreduktionen, und somit sinkt das Angebot an CO2-Offsets.“

Zusätzlicher Druck komme bald von der EU, so Rickels. „Nach den
‚Fitfor55‘-Plänen soll der lineare Reduktionsfaktor angehoben werden und
das Europäische Emissionshandelssystem EU ETS bereits Ende des nächsten
Jahrzehnts netto-null und dann sogar netto-negativ werden.“ Eine
Fortsetzung des Handelssystems setze dann voraus, dass anrechenbare
CO2-Zertifikate für die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre verfügbar
seien, die nicht mehr zusätzlich außerhalb des EU ETS in einem anderen
Land als Klimaschutzmaßnahme angerechnet werden könnten.

„Technische Lösungen zur CO2-Entnahme aus der Atmosphäre und Speicherung
unter der Erde oder in Baumaterialien könnten das Angebot erhöhen“,
skizziert Rickels einen Lösungsansatz für das knappe Gut. Während
naturbasierte Ansätze, wie Aufforstungen oder die Renaturierung von
Mooren, nur ein begrenztes Potenzial haben und viele Wechselwirkungen
berücksichtigen müssten, hätten beispielsweise Direct Air Capture-
Verfahren, wie sie in Island schon kleinskalig betrieben werden, deutlich
höheres Potenzial.

„Bei diesen Methoden bietet sich eine dezentrale Entwicklung
unterschiedlicher Technologien und Ansätze an.“ Voraussetzung dafür sei
aber, dass es entsprechende Märkte gibt, auf denen die (noch) wenigen
Anbieter mit den Nachfragern nach CO2-Entnahmen zusammenkommen und die im
Vergleich bisherigen relativ hohen Transaktionskosten beim bilateralen,
projekt-basierten CO2-Handel sinken.  „Durch verbesserte Standardisierung
sowie ein einheitliches Preissignal kann sich hier die dezentrale
Marktkraft entwickeln, die benötigt wird, um die technische CO2-Entnahme
in dem Maße zu entwickeln, in dem es notwendig wäre, um noch in die Nähe
des 1,5°C-Ziels zu kommen.“

Gleichzeitig böten CO2-Entnahme-Märkte die Möglichkeit, dem
grundsätzlichen Ziel eines umfassenden Emissionshandels näher zu kommen.
CO2-Entnahme-Zertifikate, die in unterschiedlichen nationalen
CO2-Preissystemen anrechenbar seien, erlaubten eben diese zu verknüpfen.
Beispielsweise erscheine die Verknüpfung des europäischen
Emissionshandelssystems mit dem chinesischen regulatorisch anspruchsvoller
als die Zulassung eines Angebots an einheitlichen CO2-Entnahme-
Zertifikaten, die damit indirekt zu einer Preisangleichung auf den Märkten
führen könnten.

Für diese unterschiedlichen Herausforderungen werde die COP26 noch keine
abschließenden Lösungen liefern können. Im Gegenteil, es sei eher zu
erwarten, so die Autoren, dass das von regionalen Initiativen, wie zum
Beispiel dem für Frühjahr 2022 angekündigten EU-Zertifizierungssystem für
die CO2-Entnahme, entscheidende Impulse ausgingen. „Bei der COP26 kommt es
darauf an, die Notwendigkeit eines internationalen CO2-Entnahme-Marktes
anzuerkennen und die Weichen für eine Standardisierung und Klassifizierung
der CO2-Zertifikate zu stellen“, sagt Rickels. So öffne man gerade für
Länder wie China, deren Exportgeschäft zunehmend CO2-neutrale Produktion
voraussetzen wird, eine wichtige Perspektive.