Innovatives Digitalisierungsprojekt erschließt mittelalterliche und neuzeitliche Münzfunde aus Sachsen-Anhalt
Gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
sowie in Kooperation mit dem Landesmünzkabinett Sachsen-Anhalt im
Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt
sowie dem Fraunhofer Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung (IFF)
in Magdeburg widmet sich das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie
(LDA) Sachsen-Anhalt mit dem Projekt "Rares-Bares" der digitalen Erfassung
und Erschließung von etwa 18.500 Fundmünzen aus dem Mittelalter und der
Neuzeit. Über verschiedene Internetportale stehen sie anschließend der
nationalen und internationalen Forschung zur Verfügung.
Am 1. Oktober 2020 startete am Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie
Sachsen-Anhalt (LDA) in Kooperation mit dem Landesmünzkabinett im
Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) und dem Fraunhofer-Institut für
Fabrikbetrieb und -automatisierung (IFF) in Magdeburg das Projekt "Rares-
Bares – Digitalisierung und Bereitstellung mitteldeutscher Fundmünzen als
Fundament für die Rekonstruktion von Währungs- und Wirtschaftsräumen vom
Mittelalter bis zur Neuzeit". Gefördert wird das Digitalisierungsprojekt
im Rahmen der Förderlinie eHeritage vom Bundesministerium für Bildung und
Forschung (BMBF) mit einer Laufzeit von 3 Jahren.
Wertvolle Vorarbeit für seine Durchführung konnte bereits im Rahmen des
Projektes "Digital Heritage 2017/18" geleistet werden. Ausgehend von einer
Sondervereinbarung der Staatskanzlei und Ministerium für Kultur des Landes
Sachsen-Anhalt mit dem LDA wurden bereits seit Sommer 2017 die Grundlagen
geschaffen, neben zentralen Beständen aus Archiven und Sammlungen auch die
Fundmünzen strukturiert neu zu erschließen und in zeitgemäßer Form digital
zu sichern. Damals wurde eine wegweisende Methode zur digitalen Erfassung
von archäologischen Fundmünzen entwickelt, die eine grundlegende
Erschließung dieses wichtigen Quellenmaterials für die Forschung und die
Allgemeinheit ermöglicht.
Münzen stellen in vielerlei Hinsicht eine wichtige Quellengattung dar,
etwa im Hinblick auf Fragestellungen zur Landes-, Wirtschafts- und
Sozialgeschichte oder in Bezug auf historische und politische Ereignisse
und Persönlichkeiten. Zugleich gehören Münzen zu den umfangreichsten und
in sich geschlossenen materiellen Quellengruppen, die die Geschichte
überhaupt zu bieten hat. Zudem sind sie sehr gut datierbar. Ihre
Digitalisierung und Bereitstellung ist daher die Grundlage für eine
vollständige und übersichtliche Erschließung dieser Fundgattung, für die
vergleichende Untersuchung und Auswertung des Materials sowie von
weiterführenden Fragestellungen oder Einzelfallstudien. So sind Fundmünzen
neben Urkunden äußerst wichtige Quellen für die Rekonstruktion des
Geldumlaufs in Mitteldeutschland, da sie die Erforschung von Struktur,
Volumen sowie Bewegung von Münzgeld ermöglichen. Daraus wiederum lassen
sich Schlüsse über Aufschwung und Niedergang der Wirtschaft, über
Handelsgeografie und Siedlungsgeschichte, über Herrschaftsverhältnisse und
Religiosität sowie über zeitgeschichtlich-politische Ereignisse ziehen.
Ziel des Projektes "Rares-Bares" ist daher die Schaffung einer umfassenden
Datengrundlage, auf deren Basis erstmals eine präzise Charakterisierung
von mittelalterlichen, frühneuzeitlichen und neuzeitlichen
Währungslandschaften in Mitteldeutschland erfolgen kann. Dazu sollen etwa
18.500 Fundmünzen erfasst werden, die in die Zeit vom Mittelalter bis zur
Neuzeit (6. bis 20. Jahrhundert) datieren, auf dem Gebiet Sachsen-Anhalts
gefunden wurden und sich heute im LDA Sachsen-Anhalt und im
Landesmünzkabinett Sachsen-Anhalt im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)
befinden.
Die digitalisierten Münzen sollen über diverse Internet-Portale der
nationalen und internationalen Fachwelt und der interessierten
Öffentlichkeit in Form von 18.500 numismatischen Datensätzen und 37.000
Bilddateien mit interaktiver Beleuchtungssteuerung zur Verfügung gestellt
werden. Diese besonderen Bilddaten erlauben es nicht nur, die Stärke,
sondern auch die Position der Lichtquelle virtuell zu verändern und über
die Münzoberfläche zu bewegen. Ähnlich wie beim Drehen der Münze im
Sonnenlicht oder bei der Streiflichtmethode kann die Oberflächenstruktur
so im Detail betrachtet werden.
Zur Erfassung der numismatischen Daten – wer welche Münze wann, wo und mit
welchem Wert prägen ließ – wird das Erschließungsmodell des
"Kompetenznetzwerks zur kooperativen Erschließung und Nutzung der
Objektdaten von Münzsammlungen", kurz KENOM, genutzt. Dabei handelt es
sich um eine Datenbank, die speziell auf die Erfassung numismatischer
Objektdaten ausgerichtet ist und in der beide beteiligte Sammlungen
bereits andere Teilbestände veröffentlicht haben. Im Sinne der
Vergleichbarkeit erfolgt die Erfassung unter Zuhilfenahme von
Normvokabular und georeferenzierten Ortsangaben. Zudem werden
international gebräuchliche Metadatengrundlagen genutzt, die auch einen
unkomplizierten Datenaustausch ermöglichen. So können die
Digitalisierungsergebnisse nicht nur über das KENOM-Portal, sondern
sukzessive auch im Portal der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB) sowie
über Europeana, eine virtuelle Bibliothek für das kulturelle Erbe der
Europäischen Union, für die Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden.
Die bildgebende Digitalisierung erfolgt mit dem "Optical System for Coin
Analysis and Recognition", kurz O.S.C.A.R., das in Kooperation mit dem
Fraunhofer-Institut IFF bereits im Rahmen des Digitalisierungsprojekts
"Digital Heritage 2017/18" entwickelt und im Zuge von "Rares-Bares"
entsprechend den speziellen Anforderungen der Objektgattung weiter
verfeinert wurde. Mit O.S.C.A.R. können einzelne Münzen – basierend auf
etwa 1.000 optischen Merkmalen, die einen Erkennungsschlüssel, quasi einen
"digitalen Fingerabdruck" der Münze bilden – eindeutig und unverwechselbar
beschrieben und identifiziert werden. Im Rahmen der Förderung durch das
BMBF konnte die Bildauflösung bei kleinen Münzen durch den gezielten
Einsatz verschiedener Kameraobjektive deutlich verbessert werden.
Essentieller Projektbestandteil ist neben der Erfassung der numismatischen
Daten und der bildgebenden Digitalisierung auch die Fundortrecherche für
all jene Münzfunde, die vor allem bereits im 19. Jahrhundert als
Bodenfunde zu Tage kamen. Zahlreiche Hortfunde wurden damals vom
Thüringisch-Sächsischen Altertumsverein – einer Vorgängerinstitution des
heutigen Landesmuseums für Vorgeschichte – auseinandergerissen, nach
Münzstand, also der herausgebenden Körperschaft, neu sortiert und ohne
Fundortangabe in verschiedenen Vergleichssammlungen zusammengefasst. Hier
konnten durch die Analyse der alten Erwerbungsakten,
Sammlungsverzeichnisse und Briefwechsel bereits erste Erfolge erzielt und
einige Münzen wieder ihrem einstigen Fundort zugeordnet werden.
