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Antijüdischen Klischees auf der Spur

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Studierende der Uni Würzburg haben in einem Seminar Klischees über das
Judentum hinterfragt. Ihre Ergebnisse teilen sie jetzt über eine App mit
der Öffentlichkeit.

Die Pharisäer – waren das nicht diese heuchlerischen Juden, die in der
Bibel vorkommen? Oder der Spruch „Auge um Auge, Zahn um Zahn“: Zeigt der
nicht ganz klar, dass das Judentum den Rachegedanken gutheißt?

Durch solche Bilder im Kopf können, ob bewusst oder unbewusst, leicht
antijüdische Klischees entstehen. Denn diese Bilder sind falsch.

Wie falsch, das haben Theologie-Studierende der Julius-Maximilians-
Universität Würzburg (JMU) in einem Seminar erarbeitet. Ihre Ergebnisse
haben sie zu Bounds verarbeitet – einer Mischung aus Stationenlernen und
digitaler Schnitzeljagd. Die Bounds lassen sich mit der kostenfreien App
Actionbound spielen, bei einem Spaziergang durch Würzburg oder auch
zuhause auf dem Sofa.

Pharisäer waren keine Heuchler

Ein Bound erklärt, wer die Pharisäer wirklich waren. Dass ihre
Brandmarkung als Heuchler einer langen antijüdischen Tradition folgt. Und
dass sie eine viel positivere Darstellung verdienen.

Zur Zeit Jesu waren die Pharisäer eine der führenden jüdischen
Religionsgruppen. Besonders wichtig war ihnen die Tora, also die ersten
fünf Bücher der Bibel. Sie integrierten viele religiöse Bräuche aus der
Tora in ihren Alltag, was sie vielleicht etwas frommer wirken ließ als
andere. Sie mochten es, über unterschiedliche Standpunkte zu diskutieren.
Sie forderten zur Nächsten- und zur Feindesliebe auf, schon bevor Jesus
und seine Anhänger das taten.

Das klingt durchweg sympathisch. Warum also das heutige negative Bild der
Pharisäer? Das entwickelte sich ab dem Jahr 70 nach Christus: Die
christlichen Gruppen dieser Zeit befanden sich in Auseinandersetzung mit
und manchmal auch in Konkurrenz zu den verschiedenen jüdischen Gruppen.
Sie wollten sich abgrenzen und scheuten nicht davor zurück, andere negativ
darzustellen. Und das wirkt bis heute: Der Ausdruck „Pharisäer“ wird noch
immer im Sinne von „Heuchler“ verwendet.

Bounds zu vier Themen

Vier Bounds haben die Würzburger Studierenden entwickelt. Sie hinterfragen
darin nicht nur Klischees über die Pharisäer, sondern auch über die
Speisegebote des Judentums, die Beschneidung und den Spruch „Auge um Auge,
Zahn um Zahn“.

Betreuerin des Seminars war Barbara Schmitz, Leiterin des JMU-Lehrstuhls
für Altes Testament und biblisch-orientalische Sprachen. „Die Studierenden
sollten sich wissenschaftlich mit der antijüdischen Tradition des
Christentums auseinandersetzen. In dieser Tradition gibt es viele Punkte,
die über die Jahrhunderte nicht offen antijüdisch, sondern sehr subtil
mitgelaufen sind,“ so die Professorin.

Eine weitere Aufgabe der Studierenden war es, ihre Ergebnisse nachhaltig
aufzubereiten. In einem Format, das sich leicht und spielerisch
weitergeben lässt. Die Wahl fiel auf Actionbound. Bei der medial-
technischen Umsetzung standen ihnen Dr. Dietmar Kretz von der Domschule
Würzburg und Oliver Ripperger zur Seite, Leiter der Medienzentrale des
Bistums Würzburg und Referent für medienpädagogische Fortbildungen.

Videos, Audios, Quizfragen

Die Bounds richten sich primär an ältere Jugendliche und junge Erwachsene.
Sie sind aber auch für ältere Erwachsene absolut spielenswert: Schritt für
Schritt lernt man, Vorurteile und Stereotype zu dekonstruieren. Und das
ist durchaus kurzweilig: Die Bounds arbeiten mit Videos, Audios und
Quizfragen. Sie verhelfen zu einem neuen Blick auf jüdische Themen, von
denen man vielleicht nur eine vage oder sogar falsche Idee hatte.

Studentin Lea Brenner hat an dem Bound über die Pharisäer mitgearbeitet.
„Biblische Texte und das Judentum haben mich schon immer interessiert“,
sagt sie. Darum freute sie sich besonders über das Seminarangebot ihrer
Professorin – zumal sie selber auch schon gemerkt hatte, dass die
„antijüdischen Schwingungen“ des Neuen Testaments noch heute in den Köpfen
präsent sein können.

Auge um Auge …

Eine andere Motivation hatte Student Markus Wissel: „Mich hat die
praktische Aufgabe gereizt, das erarbeitete Wissen in eine leicht
zugängliche Form umzusetzen. Im Seminar ist mir auch bewusstgeworden, wie
unterschwellig Klischees sein können.“

Der Student war an dem Bound beteiligt, der sich um den Spruch „Auge um
Auge, Zahn um Zahn“ dreht. Darin erfährt man, dass es bei dieser Aussage
nicht um Rache geht, sondern um die Umsetzung von Recht und Gerechtigkeit.
Nicht darum, jemandem etwas mit gleicher Münze heimzuzahlen. Sondern
darum, jemanden angemessen zu entschädigen: Wurde zum Beispiel ein Zahn
eingeschlagen, soll der Täter dem Opfer eine Summe bezahlen, die den Wert
des Zahnes ausgleicht.

Rechtsprechung also. Der Bound überrascht auch mit der Information, dass
schon die altjüdische Tradition fünf Arten von Ersatzzahlungen beschreibt,
wie sie auch heute noch gängig sind, darunter Schadenersatz,
Schmerzenzgeld und Übernahme von Heilkosten.

Hoher Arbeitseinsatz, gutes Endprodukt

Die Seminarleitung hat für die Leistung der Studierenden viel Lob übrig.
„Das war doppelte Arbeit“, sagt Barbara Schmitz. „Das Thema musste nicht
nur aufgearbeitet, sondern auch noch technisch umgesetzt werden. Die
Studierenden haben das mit großer Motivation und hohem Arbeitseinsatz
geschafft.“

Co-Seminarleiter Oliver Ripperger ergänzt: „Der zeitliche Aufwand war für
die Studierenden anfangs schwer abzuschätzen. Sie alle waren sehr fleißig,
um zu einem guten Endprodukt zu kommen.“

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Die Idee zu dem Seminar entstand in einer Runde, in der sich verschiedene
Würzburger Institutionen trafen, um ihre Aktivitäten zum Jubiläum „1700
Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ zu koordinieren. Dieser Runde
gehörten an: die Jüdische Gemeinde, die Katholisch-Theologische Fakultät
der Universität, das Bistum, die Evangelische Kirche und der Bezirk
Unterfranken.