Biologische Vielfalt: Zeit, endlich zu handeln
Um die globalen Ziele zum Erhalt der biologischen Vielfalt zu erreichen,
muss die Umsetzung auf nationaler Ebene deutlich verbessert werden.
Verbindliche Maßnahmen und verantwortliche Akteure müssen klar definiert
und die Umsetzung durch systematisches Monitoring überwacht werden. Diese
Empfehlungen stehen im Zentrum eines dreistufigen Rahmenplans, den ein
internationales Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter
Leitung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung
(iDiv) in der Fachzeitschrift Conservation Letters veröffentlicht hat. Um
ein erneutes Scheitern der internationalen Vereinbarungen zu vermeiden,
dürfe vor allem ein Fehler nicht mehr passieren.
Im kommenden Frühjahr treffen sich Regierungsvertreter in Kunming, China,
um im Rahmen der Biodiversitätskonvention (CBD) neue globale
Biodiversitätsziele auszuhandeln. In der Vergangenheit hat die
internationale Gemeinschaft viele ihrer Ziele zum Schutz der Biodiversität
verfehlt. So sind zum Beispiel laut Eurostat die Bestände typischer
Vogelarten der europäischen Kulturlandschaft seit 2000 um 17 Prozent
zurückgegangen. Der fortgesetzte Rückgang biologischer Vielfalt verändert
das Funktionieren der Ökosysteme und gefährdet das Wohlergehen der
Menschen.
Ein Team von 55 Forschenden hat nun einen Rahmenplan vorgeschlagen, wie
die internationalen Biodiversitätsziele auf nationaler und subnationaler
Ebene effektiv umgesetzt werden könnten. Der Plan umfasst drei Stufen:
In der ersten Stufe müssen die internationalen in nationale Ziele und
Aktionspläne übersetzt werden und die für die Umsetzung zuständigen
Sektoren (Landwirtschaft, Infrastruktur, Handel, Finanzen …) klar benannt
werden. Laut den Autoren sollten diese Aktionspläne von den
verantwortlichen Akteuren aus den verschiedenen Sektoren mit entwickelt
werden. So könne die gemeinsame Verantwortung für die Aktionspläne
gestärkt und Verantwortungslücken könnten vermieden werden. Beispielsweise
sollten Bauernverbände Maßnahmen festlegen, die wichtig sind für die
biologische Vielfalt in der Landwirtschaft und für Bestäubungsleistungen,
oder der Finanzsektor sollte Investitionsentscheidungen zur Förderung des
sozialen und ökologischen Wandels anstoßen.
In Stufe zwei geht es um die sektorübergreifende Umsetzung der Maßnahmen.
Dazu müssten laut den Autorinnen und Autoren verschiedene Instrumente zur
Förderung von Verhaltensänderungen genutzt werden. Eine große
Herausforderung bestehe darin, rechtliche Rahmenbedingungen, Finanzströme
und Netzwerkstrukturen so zu erneuern, dass biodiversitätsschädliche
Maßnahmen nicht mehr gefördert würden. Dies gelte u. a. für viele
Subventionen – z. B. in der Landwirtschaft. Nach Ansicht der Forschenden
werden Finanzierungsmechanismen benötigt, um die Renaturierung von
Ökosystemen zu fördern. Nach den aktuellen CBD-Plänen sollen 20 % der
geschädigten Ökosysteme bis 2030 renaturiert werden. „Wir brauchen
ehrgeizige Renaturierungsmaßnahmen, um die Biodiversitätsverluste der
Vergangenheit wiedergutzumachen und den negativen Trend umzukehren“, sagt
Dr. Andrea Perino, Forscherin bei iDiv und Erstautorin der
Veröffentlichung. „Dazu beitragen können substanzielle Investments
verschiedener Sektoren und umfassende Renaturierungspläne, durch die wir
die Gesundheit von Menschen und Ökosystemen auch in Zukunft schützen
können.“
In der dritten Stufe geht es darum, die erzielten Fortschritte zu
evaluieren. Um zu überprüfen, dass die Akteure ihre Verpflichtungen auch
erfüllen, müssten die Vertragsstaaten nationale Monitoring-Systeme
einführen. Mit ihnen könnten Veränderungen der biologischen Vielfalt
verfolgt und den verschiedenen Sektoren zugeordnet werden. „Es gibt einen
Fehler, den wir nicht wiederholen dürfen. Wir müssen diesmal sehr konkrete
Zielergebnisse vereinbaren und auch die verantwortlichen Akteure genau
definieren“, sagt Co-Autor Prof. Henrique Pereira, Forschungsgruppenleiter
bei iDiv und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. „Ein neuer
Rahmenplan, der keine Rechenschaftspflicht vorsieht, ist zum Scheitern
verurteilt. Deshalb brauchen wir ein systematisches und effektives
Biodiversitäts-Monitoring. Nur so können wir die Akteure effektiv in die
Verantwortung nehmen.“
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betonen, dass die drei Stufen
des vorgeschlagenen Rahmenplans eng miteinander verknüpft sind und im
Laufe der Umsetzung angepasst werden müssen. Sie sind überzeugt, dass eine
Übernahme ihres Vorschlags den Schutz der Biodiversität voranbringen
würde. „Wir müssen jetzt mutig handeln, um den Verlust der biologischen
Vielfalt zu stoppen und umzukehren“, sagt Co-Autorin Prof. Aletta Bonn,
Forschungsgruppenleiterin beim Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung –
UFZ, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und iDiv. „Die Regierungen
müssen die globalen Biodiversitätsziele systematisch in konkrete nationale
Maßnahmen umsetzen und die verantwortlichen Akteure sektorübergreifend in
die Pflicht nehmen. Wir brauchen schnelle und substanzielle Investitionen
in die Sicherung unserer Lebensgrundlagen – für die Zukunft unserer
Kinder.“
