Kann "Rewilding" die Erhaltung der Biodiversität mit nachhaltiger Regionalentwicklung verbinden?
Wissenschaftler:innen und Praktiker:innen befassen sich im Rahmen eines
dreijährigen Projekts mit den Potenzialen von „Rewilding“ für die
Wiederherstellung der biologischen Vielfalt und die Förderung einer
naturbasierten ökonomischen Entwicklung. Darüber hinaus werden sie
untersuchen, inwieweit die gewonnenen Erfahrungen vom Modellgebiet
Oderdelta auf den überregionalen Biodiversitätsschutz übertragbar sind.
Das Forschungsprojekt REWILD_DE greift das Konzept des „Rewilding“ am
Beispiel des einzigen Rewilding-Gebietes in Deutschland auf und adressiert
die naturwissenschaftlichen und sozioökonomischen Fragestellungen sowie
Aspekte der praktischen Umsetzung. Welche Möglichkeiten bietet Rewilding
in verschiedenen Ausprägungen – etwa Fließgewässerrenaturierung,
natürliche Beweidungsansätze, Koexistenz mit Wildtieren – für die
Erhaltung und Wiederherstellung der Biodiversität? Welche
Ökosystemleistungen im Sinne regionalwirtschaftlicher und weiterer
gesellschaftlicher Vorteile werden dadurch bereitgestellt bzw.
unterstützt? Wie kann Rewilding das regionalwirtschaftliche Potenzial
stärken? Und schließlich: Welche Rolle kann es für den Biodiversitäts- und
Naturschutz in Deutschland einnehmen? Auf diese Fragen will das Vorhaben
fundierte Antworten finden sowie praxisorientierte Lösungen erarbeiten.
In der dreijährigen Projektlaufzeit wird analysiert, unter welchen
Bedingungen Biodiversitäts- und Ökosystemleistungen durch Rewilding in
Wert gesetzt werden können, damit sich in der Region am Stettiner Haff
eine Unterstützung seitens der betroffenen Stakeholder einstellt. Diese
instrumentelle Perspektive soll durch die Entwicklung eines „Rewilding-
Dialogs“ mit der Bevölkerung vor Ort ergänzt werden. Über künstlerische
Zugänge und Öffentlichkeitsarbeit soll dabei eine Verständigung über
Leitbilder erreicht sowie Wertschätzung für immaterielle Werte von Natur
gefördert werden. Für einen projektbegleitenden Stakeholderbeirat will das
Projekt Vertreter wichtiger regionaler Akteure gewinnen. Schließlich
werden die Projektpartner auch die Umsetzung des Rewilding im Oderdelta
untersuchen, um umfassend einschätzen zu können, inwieweit das Konzept für
den Naturschutz in anderen Gebieten Deutschlands tauglich ist.
Rewilding als Modell
Den Biodiversitätsverlust aufzuhalten, stellt auf globaler, europäischer
und deutscher Ebene eine zentrale Herausforderung dar. In diesem Kontext
ist Rewilding in den vergangenen Jahren als eine besonders
erfolgversprechende, partizipative und prozessorientierte Methode des
Biodiversitäts- und Naturschutzes zunehmend ins Rampenlicht gerückt. Durch
Wiederzulassen natürlicher Prozesse, Förderung der natürlichen
Wildtierpräsenz und -dichte sowie starke Einbindung der Menschen und
Stakeholder vor Ort zielt Rewilding darauf ab, die Anpassungsfähigkeit von
Ökosystemen zu stärken, um so Biodiversität zu befördern und
Ökosystemleistungen bereitzustellen. Dabei wird eine wirtschaftliche
Nutzung der Gebiete nicht ausgeschlossen, sondern im Gegenteil großer Wert
auf die Stärkung der regionalen naturökonomischen Potenziale und der
nachhaltigen Wertschöpfung gelegt. Rewilding trägt auch maßgeblich zum
Erreichen der Ziele der aktuellen UN-Dekade zur Wiederherstellung von
Ökosystemen bei.
Das Gebiet
Das Konzept findet weltweit immer mehr Anwendung – in Europa wird es
beispielhaft durch die Organisation „Rewilding Europe“ in neun
Modellgebieten unterstützt. Seit 2015 erstreckt sich eines davon
beiderseits der deutsch-polnischen Grenze um das Stettiner Haff: das
Oderdelta. Erste Rewilding-Bemühungen begannen hier bereits 2012, seit
2019 vernetzt, bündelt und ergänzt der neu gegründete Verein Rewilding
Oder Delta (ROD) die Aktivitäten der verschiedensten Partner, wie
Unternehmen oder Existenzgründer, und arbeitet eng mit den Naturparks der
Region zusammen.
weitere Projektinformationen
Das Projekt „REWILD_DE – Erhaltung von Biodiversität und Inwertsetzung von
Ökosystemleistungen durch Rewilding – Vom Oderdelta lernen“ wird im Rahmen
der Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt (FEdA) vom
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) über drei Jahre mit
insgesamt knapp 2 Millionen Euro gefördert (Förderkennzeichen: 16LW0064K).
Das Projektkonsortium arbeitet unter der wissenschaftlichen Koordination
des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung Leipzig (UFZ) mit weiteren
Partnern aus der Wissenschaft – dem Deutschen Zentrum für integrative
Biodiversitätsforschung (iDiv) und der Martin-Luther-Universität Halle-
Wittenberg (MLU) sowie der Hochschule für nachhaltige Entwicklung
Eberswalde (HNEE). Praxispartner vor Ort ist der Rewilding Oder Delta e.
V. (ROD).
BMBF-Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt (FEdA):
https://www.feda.bio/de/wissen
Rewilding Oder Delta e.V.: https://www.rewilding-oder-del
