Zum Hauptinhalt springen

Ohne Auto und Paketdienst geht nix mehr? IRS-Studie untersucht Verkehrs- und Logistikwende im suburbanen Raum

Pin It

Eine der größten Herausforderungen in der deutschen Hauptstadtregion
bleibt die Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs. Die Corona-
Zeit hat das Problem in den vergangenen Monaten erkennbar verschärft. Das
gilt auch für die südöstlich an Berlin angrenzende Gerhart-Hauptmann-Stadt
Erkner. Wo liegen zurzeit die Herausforderungen und welche notwendigen
gesellschaftlichen Veränderungen hin zu mehr Nachhaltigkeit im Bereich
Verkehr und Logistik sind für Politik und Planung im suburbanen Raum von
Bedeutung? Hierzu forscht das in Erkner ansässige und international
vernetzte Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) auch vor
der eigenen Haustür.

Überdurchschnittlich hoher privater Fahrzeugbestand in Erkner

Eine von den IRS-Forschern Ralph Richter und Paul Witte Ende Januar
veröffentlichte Studie trägt den Titel „‘Ohne Auto geht nix‘? Eine
Untersuchung zur Mobilitäts- und Logistikwende im suburbanen Raum“. Die
Studie ist auf der IRS-Website kostenfrei abrufbar und basiert auf
repräsentativen Haushaltsbefragungen, auf Experteninterviews und auf einem
Vergleich mit dem Mierendorff-Kiez in Berlin-Charlottenburg.

Der Soziologe Ralph Richter meint: „Das Verkehrs- und Logistikverhalten in
Erkner ist sehr stark von Automobilität geprägt. Auch konnten wir hier
eine intensive Haustür-zustellung von Paketen beobachten. Viele Wege
werden in Erkner mit dem privaten Auto zurückgelegt. Dagegen nutzen die
Erkneraner umweltfreundliche Alternativen wie Bus und Bahn, Fahrrad- und
Fußverkehr deutlich weniger als zum Beispiel die Charlottenburger in
Berlin.“

Im deutschlandweiten Vergleich, so Richter, schneide Erkner beim Anteil
umweltfreundlicher Verkehrsmittel zwar besser ab. Doch ein
überdurchschnittlicher privater Fahrzeugbestand verweise auf die hohe
Bedeutung der Automobilität. Daran hätten vor allem zwei Gruppen einen
wesentlichen Anteil: Familien mit Kindern und Ältere aus der Generation
der Baby-Boomer und der 68er. Für eine zeiteffiziente Lebensführung gelte
gerade jungen Familien die Nutzung des Autos als unerlässlich. Die Älteren
wiederum würden das eigene Auto als Garant mobiler Unabhängigkeit und als
Ausdruck des erarbeiteten Wohlstands schätzen.

Paketlieferdienste würden vor allem in Ein- und Zweifamilienhausgebieten
stark in Anspruch genommen. „Interessanterweise ist die Haustürzustellung
in Erkner aber ökologisch sinnvoller als in Berlin-Charlottenburg“,
erklärt Richter. In Erkner ließe sich nämlich durch Haustürzustellungen
eine Vielzahl von Abholfahrten mit dem PKW vermeiden. Rezeptartige Ansätze
aus Berlin für eine nachhaltige Stadtlogistik, so ein Fazit der Studie,
könne man deshalb nicht einfach auf suburban gelegene Kommunen wie Erkner
übertragen.

Doppelt so viele Skeptiker wie in Berlin-Charlottenburg

Grundsätzlich seien die Voraussetzungen für einen Wandel zu nachhaltigen
Alternativen in suburbanen Untersuchungsgebieten vergleichsweise schlecht.
Am Beispiel von Lastenrädern als Alternative zum Auto und anbieteroffenen
Paketstationen als Ersatz für die Haustürzustellung ermittelten die IRS-
Forscher für Erkner eine unterdurchschnittliche soziale Akzeptanz und
Nutzungsbereitschaft. „Der Anteil der Skeptiker ist in Erkner dop-pelt so
hoch wie im urbanen Vergleichsgebiet Berlin-Charlottenburg“, stellt Ralph
Richter fest. Einstellungen zum Umweltschutz und zur Verkehrswede würden
in Erkner vergleichsweise stark zurückfallen.

Soziale Anerkennung als gesellschaftliche Herkulesaufgabe

Im Verändern eingespielter Verkehrs- und Logistikpraktiken in weniger
verdichteten Räumen wie Erkner sieht Richter für die Zukunft eine
Herkulesaufgabe. Wichtig sei es, in Alternativen wie sichere Radwege,
bessere Abstellmöglichkeiten für Räder und regelmäßigen Busverkehr zu
investieren. Die Attraktivität für den Autoverkehr müsse man verringern
und auf einen Wandel „in den Köpfen“ hinwirken. Oft fehle es schon an
Vorstellungskraft darüber, dass Wege und Besorgungen ebenso gut mit dem
Fahrrad oder mit dem Lastenrad erledigt werden könnten. Hier könnten
Vorbilder und Persönlichkeiten in Richtung mobiler Nachhaltigkeit
unterstützen. Vor allem sei die soziale Anerkennung durch politische und
gesellschaftliche Entscheidungsträger und durch das direkte Umfeld vor Ort
entscheidend, wie die Studie abschließend zeigt.