Zum Hauptinhalt springen

Digitaler Kampf um Aufmerksamkeit

Pin It

Wissenschaftler der DHBW Karlsruhe untersuchen digitalen Medienkonsum mit
Eye Tracking-Technologie.

Den meisten Menschen ist nicht bewusst, weshalb sie bestimmten Nachrichten
deutlich mehr Aufmerk-samkeit schenken als anderen. Auch die zunehmende
Beliebtheit von Social Media als Informationsquelle verändert die Art, wie
wir Nachrichten konsumieren und Meinungen bilden.
Diese Prozesse werden allerdings nur selten hinterfragt. Doch gerade in
Zeiten der Desinformation und „alternativer Fakten“ erfordert es
weitreichende Medienkompetenz, um sich den eigenen Meinungsbildungsprozess
bewusst zu machen. Wissenschaftler der DHBW Karlsruhe nutzen unter anderem
die Eye Tracking-Technologie, um Verhaltensmuster beim digitalen
Medienkonsum genauer zu analysieren. Erste Untersuchungen mit Studierenden
zeigten bereits im vergangenen Jahr interessante Erkenntnisse.

Aufmerksamkeit wird durch reißerische Mittel gelenkt

„Unser Medienkonsum folgt den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie.“,
resümiert Michael Rasimus, Leiter des Eye Tracking-Labors der Dualen
Hochschule Baden-Württemberg Karlsruhe. So stehen auch Medienangebote
immer im Wettbewerb um kurze Aufmerksamkeitsspannen. Ein vorwiegend
reizgesteu-erter Prozess, der größtenteils unterbewusst abläuft. Er hat
aber maßgeblichen Einfluss auf die Auswahl der einzelnen Beiträge, die wir
täglich konsumieren und zur Meinungsbildung heranziehen.
So erhalten reißerische Überschriften und ausdrucksstarke Bilder
erwartungsgemäß überproportional viel Aufmerksamkeit. Auch Signalwörter
und -farben beeinflussen diesen selektiven Wahrnehmungsprozess. Emotionen
(Freude, Angst, Überraschung, Wut, Verachtung, etc.) wirken als
Wahrnehmungsverstärker, weshalb emotionale Nachrichten deutlich mehr
Beachtung finden als rein sachliche Beiträge. Sie bleiben eher in
Erinnerung und tragen unterschwellig zur Meinungsbildung bei, da sie
seltener rational hinterfragt werden und somit leichter durch die
Aufmerksamkeitsfilter dringen. Diese Techniken werden beispiels-weise auch
zur Steigerung der Werbewirkung eingesetzt.

Nur Überschriften werden gelesen

Aber auch das eigene Verhalten beeinflusst die Meinungsbildung. Online-
News werden vorwiegend schnell überflogen (sog. „Skimming“). Oft bleibt es
beim Anlesen der Überschriften und kurzen Teaser-Texten, ohne dass die
vollständigen Artikel abgerufen oder gar kritisch hinterfragt werden.
Gerade kostenlose News-Angebote setzen deshalb auf überzogene Schlagzeilen
(sog. „Clickbaiting“) und Zuspitzungen, um die Klick-Wahrscheinlichkeit zu
erhöhen. Doch auch beiläufig konsumierte Informationen und Stim-
mungsbilder unterliegen der Reizverarbeitung. Da ist es unerheblich, ob es
sich um journalistisch recher-chierte Inhalte handelt, oder solche, die
lediglich der Aufmerksamkeitssteigerung dienen.

Algorithmen heben Themen hervor

In sozialen Netzwerken verleihen Algorithmen emotionalen, plakativen und
polarisierenden Beiträgen deutlich mehr Sichtbarkeit, da sie häufiger
kommentiert, geteilt oder geliked werden. Das kann dazu füh-ren, dass wir
uns übermäßig mit Themen beschäftigen, die objektiv betrachtet zwar wenig
Relevanz ha-ben, in unserem Netzwerk aber starke Reaktionen auslösen.
Gleichzeitig kann sich, allein aufgrund der Kontakthäufigkeit, die
Wahrheitsvermutung selbst gegenüber offensichtlich absurden Inhalten
erhöhen, weil sie einem „irgendwie bekannt“ vorkommen. So entstehen
mitunter erhebliche Wahrnehmungsverzer-rungen, die nicht selten zulasten
einer sachlichen Beurteilung oder differenzierten Sichtweise gehen.

Forschende fordern mehr digitale Medienkompetenz

Im Gegensatz zur analogen Welt sind digitale Medien deutlich komplexer und
erfordern neue Kompeten-zen. Heute sind User nicht mehr nur passive
Konsumenten von - für alle gleiche - Nachrichten. Sie selbst können durch
ihre Aktivitäten maßgeblich Einfluss auf die Erstellung, Verbreitung und
Einordnung von Beiträgen innerhalb ihrer Community nehmen. Somit beziehen
sie ihre Informationen auch jeweils aus einem persönlichen
„Nachrichtenkosmos“, der sich deutlich von anderen unterscheiden kann.
„Gerade weil wir heute Zugriff auf so viele unterschiedliche Quellen und
ungeprüfte Informationen haben, ist es umso wichtiger, dass alle das
Zusammenspiel zwischen digitalen Medien, der menschlichen Wahrneh-mung und
Meinungsbildung auch verstehen.“, gibt Rasimus zu bedenken. Digitale
Medienkompetenz wird dadurch zur Schlüsselqualifikation einer zunehmend
digitalisierten Gesellschaft, deren Erlangen sich auch positiv auf den
gesamtgesellschaftlichen Diskurs auswirken dürfte.