Umweltschutz inklusive: DGU-Präsidentin Fisch mit Masterplan für die Zukunft der Urologie
Die Erste war sie Zeit ihres Berufslebens: die erste Urologin, die ihre
komplette Facharztweiterbildung in der Universitätsmedizin Mainz
absolviert hat, die erste Urologin, die dort habilitiert hat und die erste
Direktorin der Klinik und Poliklinik für Urologie im
Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf (UKE) und damit die bundesweit
erste und bisher einzige Ordinaria in der Urologie.
Seit September 2021 steht Prof. Dr. Margit Fisch in der über 100-jährigen
Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) als erste
Frau an der Spitze der Fachgesellschaft. Besonderen Druck spürt sie als
Präsidentin und Verantwortliche für den diesjährigen 74. DGU-Kongress in
Hamburg nicht: „Grundsätzlich ist der Druck, einen guten Kongress zu
organisieren genderunabhängig für alle Präsidenten gleich. Meinem hohen
persönlichen Anspruch hilft es, dass ich in der Vergangenheit bereits
viele auch internationale Kongresse für unterschiedliche
Fachgesellschaften wie das International Meeting On Reconstructive Urology
oder das World Meeting der Société Internationale d'Urologie organisiert
habe. Außerdem bin ich durch meinen beruflichen Werdegang an einer hoch
kompetitiven Klinik und in meiner heutigen Position als Klinikdirektorin
einen gewissen Druck gewöhnt.“
Mit einer Stimme sprechen
Den 74. DGU-Kongress hat Prof. Fisch unter das Motto „GEMEINSAM ZUKUNFT
GESTALTEN“ gestellt. Dahinter steht eine präzise medizinisch sowie berufs-
und gesellschaftspolitisch motivierte Agenda. „Nur wenn alle Verbände in
der Urologie, die DGU, der Berufsverband der Deutschen Urologen (BvDU),
die German Society of Residents in Urology e.V. (GeSRU) und die
medizinischen Assistenzberufe, mit einer Stimme sprechen und GEMEINSAM an
einem Strang ziehen, werden wir als kleines Fach überhaupt gehört und
können etwas bewirken. Und wir haben in der ZUKUNFT viel zu bewältigen“,
sagt die international renommierte Urologin und Kinderurologin und benennt
die wichtigsten Zukunftsaufgaben. „Die Überalterung der Gesellschaft
bedeutet mehr Arbeit für die Urologie während gleichzeitig durch Berentung
weniger Urologen zur Verfügung stehen. Angesichts der zunehmenden
Feminisierung in der Medizin brauchen wir deshalb alle Frauen, die sich
für die Urologie entscheiden. Auf ihrem Weg von der Ausbildung zur
Fachärztin, in die Praxis oder Klinikkarriere dürfen wir keine verlieren.
Dafür müssen wir die Frauen vonseiten der Fachgesellschaft bestmöglich
unterstützen.“ Zu bewältigen seien auch die fortschreitende
Digitalisierung der Medizin sowie der Wandel in der Versorgung mit
zunehmender Bedeutung einer transsektoralen Versorgung. Weitere große
Veränderungen werde die Präzisionsmedizin, also die fortschreitende
Spezialisierung und therapeutische Individualisierung der Medizin, mit
sich bringen und, so die Präsidentin, auch der Klimawandel. „Diese
Veränderungen sollten wir aktiv GESTALTEN, andernfalls werden sie uns
übergestülpt.“ Dabei sieht Prof. Fisch die Urologie auf einem guten Weg:
mit einer vertrauensvollen Annäherung von DGU und Berufsverband, der
proaktiven Vorstandsarbeit in den verschiedenen DGU-Ressorts und der
Gründung neuer DGU-Arbeitsgemeinschaften, allen voran der AG zur
intersektoralen Versorgung und der AG Urologinnen, die ihr besonders am
Herzen liegt.
Die Urologie wird weiblich
„Dabei geht es nicht um Abgrenzung, vielmehr darum, innerhalb der DGU
frauenspezifische Themen zu identifizieren und zu formulieren,
Fragestellungen zu adressieren und vorhandene Informationen zu bündeln und
sichtbar zu machen“, sagt Prof. Fisch, die der Steuerungsgruppe der im
Herbst 2021 gegründeten AG Urologinnen angehört. „Die Resonanz und das
Engagement der vielen aktiven Kolleginnen ist riesig. Inzwischen haben wir
sechs Arbeitsgruppen installiert. Dort wird an einer Bestandsaufnahme
gearbeitet, um den Status quo zu erheben. So soll zum Beispiel eine
Umfrage Daten darüber liefern, warum Frauen welche beruflichen
Entscheidungen treffen. Es werden Netzwerke für urologische
Wissenschaftlerinnen und Praxisnetzwerke aufgebaut und eine Expertinnen-
Liste erstellt, damit kompetente Referentinnen einfacher gefunden werden
und auf die Podien kommen. Wir suchen die Interaktion mit Frauengruppen
anderer Fachgesellschaften und Organisationen, wie dem Deutschen
Ärztinnenbund, und in einer weiteren Arbeitsgruppe Lösungen für das
Operieren in der Schwangerschaft. Das neue Mutterschutzgesetz hat leider
keine Fortschritte gebracht, Urologinnen verlieren in der Schwangerschaft
noch immer sehr viel Weiterbildungszeit.“ Hier habe das einzigartige
Modellprojekt „FamUrol: Operieren in der Schwangerschaft“ des UKE mit
Unterstützung der DGU und der GeSRU wichtige Vorarbeit geleistet und
standardisierte Bedingungen für Frauen im OP erarbeitet, die bundesweit
als Blaupause dienen könnten, so die DGU-Präsidentin.
Der ansteigende Frauenanteil in den Statistiken der Bundesärztekammer aus
dem Jahr 2020 weist die Urologie schon jetzt als Zukunftsfach für Frauen
aus. Danach liegt der Anteil der berufstätigen Fachärztinnen in der
Urologie bei den über 60-Jährigen bei nur 4,9 Prozent, in der Altersgruppe
der 40- bis 49-Jährigen liegt er bereits bei 25,1 Prozent und bei den bis
34-Jährigen schon bei 42,3 Prozent. Allerdings sind nach Ansicht von Prof.
Fisch noch zu wenig Frauen in leitenden Positionen. Nach einer DGU-Analyse
der Situation an den urologischen Universitätskliniken sind 42,4 Prozent
der Assistenzärzte Frauen, 44 Prozent der Fachärzte, aber nur 25,3 Prozent
der Oberärzte und es gibt nur eine Direktorin. „Im DGU-Vorstand liegt der
Anteil der Frauen mit 20 Prozent immerhin adäquat zum Gesamtanteil im
Fachgebiet und das soll auch so bleiben. Eine Frauenquote brauchen wir
dafür nicht“, sagt die Direktorin der Klinik und Poliklinik für Urologie
am UKE. „Mein Ziel ist es, noch mehr Ärztinnen für die Urologie zu
begeistern und ihnen gute frauenspezifische Strukturen innerhalb der DGU
anbieten zu können.“
Das Programm des 74. DGU-Kongresses, der unter der Leitung von Prof. Fisch
vom 21. bis 24. September 2022 im Congress Center Hamburg (CCH)
stattfinden wird, bildet neben aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen
aus allen Bereichen der Urologie das Kongressmotto und seine subsummierten
Zukunftsthemen ab. Frauen in der Urologie und Präzisionsmedizin, wie die
molekulare Diagnostik im Rahmen von Tumorerkrankungen und die mRNa-
Technologie für die Krebsbehandlung, sind als Top-Themen im Plenum der
Präsidentin gesetzt. Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger, Ph.D., Präsidentin
des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, wird erläutern, wie
Arbeit in der Zukunft aussehen sollte, und mit der bekannten Virologin
Prof. Dr. Marylyn Addo wird eine weitere prominente Rednerin erwartet. Sie
fragt: Was haben wir aus der Pandemie gelernt? Prominent besetzt ist auch
die Gästeliste für die EAU- und die AUA-Lecture, wo u.a. Prof. Alberto
Briganti aus Italien sprechen wird und ein Vortrag von Stacy Loeb, US-
Urologin mit eigener Radiosendung und großer Gemeinde in den sozialen
Medien, vorgesehen ist.
Impulse für eine grüne Urologie
Mit einem eigenständigen Plenum „Urologie und Umweltschutz“ setzt die DGU-
Präsidentin in Hamburg ein Ausrufezeichen und einen Weckruf für eine grüne
Urologie. „Nicht nur als Privatperson, sondern auch in unserem beruflichen
Umfeld sollten wir uns mit dem Thema Klimawandel beschäftigen. Gedankliche
Anstöße dafür sowie praktische Ansätze für den Umweltschutz in Klinik und
Praxis haben wir auf der Agenda. Ausgewiesene Experten zeigen uns, was im
medizinischen Alltag möglich ist, denn es ist Zeit, den Schritt von der
Erkenntnis zum Aktivismus zu gehen.“
Mit brandneuen Daten aus der Versorgungsforschung werden die Deutschen
Uro-Onkologen (d-uo) in der Hansestadt präsent sein und eine Reihe von
Studienergebnissen vorlegen: u.a zur EvEnt-PCA-Studie und der prospektiven
Registerstudie VERSUS zu den urologischen Tumorerkrankungen
Prostatakarzinom, Urothelkarzinom, Nierenzellkarzinom, Hodentumor und
Peniskarzinoms, die Daten zu Therapie und Diagnose aus dem
Behandlungsalltag untersucht. Erwartet werden ebenfalls erste Daten zum
nationalen Urothelkarzinom-Register.
Als Expertin für rekonstruktive Urologie, im Besonderen komplexe
Harnableitungsverfahren und Harnröhrenrekonstruktionen, sowie
Kinderurologie setzt Prof. Fisch die interdisziplinäre Behandlung der
Geschlechtsdysphorie, Optionen der Behandlung von Komplikationen nach
Therapie einer gut- oder bösartigen Prostataerkrankung sowie die im
letzten Jahr erschienene europäische Leitlinie zur Harnröhrenstriktur auf
das Kongressprogramm. „Im Bereich der Kinderurologie ist die Transition,
also die kompetente urologische Begleitung des Kindes ins
Erwachsenenalter, ein großes Thema“, sagt sie.
Organisatorisch startet der 74. DGU-Kongress bereits am ersten Kongresstag
durch: mit dem Eröffnungsplenum am Mittwoch, den 21. September 2022, und –
wichtig für alle Medienvertreter – auch mit der DGU-Pressekonferenz.
Interaktiver wird der Kongress ebenfalls. „Nach einem weiteren Jahr mit
ungezählten Online-Veranstaltungen und Frontalreferaten planen wir viele
Sitzungen im Format von interdisziplinären Boards mit Falldiskussionen und
anschließenden State of the Art-Vorträgen. Etwa beim Prostatakarzinom und
anderen Tumoren sowie zum Thema Beckenboden“, sagt DGU- und
Kongresspräsidentin Prof. Dr. Margit Fisch. „Manels“, die viel
kritisierten rein männlich besetzten Panels wird es zumindest in den
Plenen und Hauptforen im CCH nicht mehr geben, und – auch das ist neu –
die DGU-Jahrestagung wird am Samstag, den 24. September bereits um 12:00
Uhr enden.
„Wir freuen uns, den weltweit drittgrößten Urologen-Kongress in diesem
Jahr im Herzen der Metropole Hamburg und erstmals im wunderschön
renovierten CCH in Präsenz auszurichten“, so Prof. Fisch. Die letztjährige
Jahrestagung der Fachgesellschaft in Stuttgart habe gezeigt, das dies
selbst unter Pandemiebedingen möglich ist. So sollen auch wieder ein
Schüler- und Studententag sowie ein Patientenforum in der Hansestadt
realisiert werden. Dort gilt es dann, „ZUKUNFT GEMEINSAM zu GESTALTEN“ und
den Masterplan der Präsidentin anzustoßen, der da lautet: Die Urologie
wird weiblich, sie wird grün, forciert die Präzisionsmedizin, entwickelt
und sichert deren zukünftig flächendeckenden Einsatz durch die Nutzung
intersektoraler und digitaler Versorgung und sie spricht wieder mit einer
Stimme für das Fach.
