Tag der Demografie – Warum wir die Bevölkerungswissenschaft feiern
Die sprichwörtliche Glaskugel gibt es nicht – ein Ausblick in die Zukunft
ist aber trotzdem möglich: dank der Demografie-Forschung. Der 4. Februar,
Tag der Demografie, macht auf die Bedeutung dieser Disziplin aufmerksam.
Dubravka Šuica, Vizepräsidentin der Europäischen Kommission für Demokratie
und Demografie, sagte dazu: „Ich bin davon überzeugt, dass der
demografische Wandel neben dem ökologischen und dem digitalen Wandel als
dritter zentraler Umbruch betrachtet werden sollte, den Europa, ja die
ganze Welt, derzeit erleben. Der demografische Wandel und die damit
verbundenen Herausforderungen sind ein Faktor über den ganzen Lebenszyklus
hinweg. Wenn wir die Demografie in unsere gesamte Arbeit einbeziehen, wird
unsere Politik langfristig erfolgreicher, wirkungsvoller und nachhaltiger
sein, was unseren Bürgerinnen und Bürgern zugutekommt“.
Demografie zeigt Trends auf, zum Beispiel wie die Bevölkerung sich nach
Alter, Geschlecht, Familienstand, Herkunft, Bildung oder Gesundheit
zusammensetzt. Außerdem analysieren die Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler, warum sich diese Zusammensetzung verändert und was das
für unser Zusammenleben sowie individuelle Lebensverläufe bedeutet.
Wie Bevölkerungsentwicklungen und Lebensentscheidungen zusammenwirken
Dieses Wissen ist auch für jeden Einzelnen relevant. Gerade junge Menschen
stehen vor Entscheidungen, die das gesamte Leben prägen: Will ich eine
Familie gründen und wenn ja, wann? Will ich ausziehen und wenn ja, wo und
wie möchte ich wohnen? Die Antworten auf Fragen wie diese haben Einfluss
darauf, wie das Leben jedes Einzelnen verläuft – neben anderen Faktoren
wie den Chancen auf Bildung und auf dem Arbeitsmarkt.
„John Graunt, der gemeinhin als Vater der Demografie gilt, entwickelte
Methoden, bestehende Daten mit einem neuen Blick zu deuten, um aus der
Vergangenheit zu lernen und sich eine Vorstellung von der Zukunft machen
zu können“, sagt Emilio Zagheni, Geschäftsführender Direktor des Max-
Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock. Graunt schloss
seine Studie “Natural and Political Observations [...] made upon the Bills
of Mortality” am 4. Februar 1662 (nach heutiger Datierung) ab, in der er
die Mortalitätsrate der Londoner während einer Epidemie analysierte – so
wie Forscherinnen und Forscher heutzutage Sterbezahlen untersuchen, um den
Einfluss von Covid-19 besser zu verstehen.
Zagheni fügt hinzu: „Heute nutzen Demografen und Demografinnen auf der
ganzen Welt bewährte sowie neue Datenquellen, um die Faktoren zu
ermitteln, die nachhaltig und fair Wohlbefinden fördern, um zu beurteilen,
wie sich Entscheidungen auf heutige und künftige Generationen auswirken,
und um zu verstehen, was Gesellschaften angesichts von Krisen
widerstandsfähig macht. Die Demografie schlägt eine Brücke, die unseren
individuellen Lebensverlauf mit dem Geschehen auf Bevölkerungsebene
verbindet, um uns den Weg in eine besser vorhersehbare Zukunft zu weisen.“
Wie Forschung helfen kann, sich auf die Zukunft vorzubereiten
Ein Beispiel: Der Zugang zu frühkindlicher Bildung und Betreuung hat
wesentlichen Einfluss auf Bildungsabschlüsse, Einkommen und auch die
Gesundheit in späteren Jahren, auch auf die Fähigkeit und Bereitschaft,
sich auch in einem längeren Leben weiter zu bilden. Wir legen damit aber
auch den Grundstein für gelingende Integration von Menschen, die nach
Deutschland geflüchtet oder migriert sind.
„Mit Blick auf die gesamtgesellschaftliche Ebene habe ich die große
Hoffnung, dass die Corona-Pandemie deutlich gemacht hat, wie elementar das
familiäre Zusammenleben für eine Gesellschaft ist“, sagt C. Katharina
Spieß, Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. „Familie
ist ein Akteur, von dem enorm viel abhängt. Insgesamt ist es entscheidend,
dass künftig die Bedeutung von Familien, all ihrer Mitglieder und ihr
Wohlbefinden noch mehr in den Vordergrund gestellt wird.“
Die Aktivitäten aus Anlass dieses ersten Tages der Demografie beschränken
sich nicht nur auf den 4. Februar: Ein weiteres Event sind die Berliner
Demografie-Tage (16.-18. Mai), die sich in diesem Jahr mit den
demografischen Perspektiven junger Menschen beschäftigen.
