Statement – 2G in Handel und Gastronomie: lieber Pilotprojekte als allgemeine Lockerungen
Prof. Holger Görg, Ph.D.(https://www.ifw-kiel.de/
goerg/), Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, kommentiert
Forderungen nach Aufhebung der 2G/2G+-Pandemieregeln in Handel und
Gastronomie:
„Ob das einfache Aufheben der 2G- bzw. 2G+-Regeln für Handel und
Gastronomie positive wirtschaftliche Effekte hätte, ist überhaupt nicht
klar. Es könnte zu mehr Umsatz führen, weil Hürden für den Zugang zu
Geschäften und Lokalen für alle wegfallen. Ebenso könnte der Umsatz aber
sinken, weil ein Zugang für Ungeimpfte oder Ungetestete mehr potenzielle
Kundinnen und Kunden abschreckt, die sich dann nicht mehr sicher fühlen.
Deshalb wäre es sinnvoll, zeitnah zunächst in vergleichenden
Pilotprojekten die Reaktion von Kundinnen und Kunden zu beobachten, statt
die Beschränkungen in der Breite aufzuheben.
Forderungen nach Lockerungen werden meist damit begründet, sie würden der
Wirtschaft guttun. Der Aufwand, Impf- oder Testbescheinigungen vorzulegen,
sei zu groß und halte potenzielle Kundinnen oder Kunden ab, zum Essen
auszugehen oder in Einkaufszentren zu flanieren.
Zwar können die Nachweis- oder Testpflichten abschreckend wirken. Und
insbesondere Gaststättenverbände argumentieren auch, dass ihre Umsätze in
den letzten Monaten im Vergleich zum Vor-Corona-Winter 2019/20
zurückgegangen sind. Doch angesichts der weiterlaufenden Pandemie hält die
Möglichkeit, sich mit Corona zu infizieren, Menschen davon ab, ihren
ansonsten alltäglichen Aktivitäten nachzukommen. Dazu gehört auch, dass
sie weniger in Restaurants, Kneipen oder Einkaufszentren gehen, um
Kontakte – und damit mögliche Ansteckungsquellen – zu vermeiden.
2G oder 2G+ kann hier sogar helfen, mehr Kundinnen und Kunden anzulocken,
da sich diese in der Gewissheit, dass andere Leute ebenfalls geimpft,
genesen und evtl. auch noch negativ getestet sind, eher auf einen Ausflug
in ein Lokal einlassen.
Ein Blick nach Dänemark oder andere Länder, in denen Beschränkungen
aufgehoben wurden, ist nur bedingt hilfreich. Diese Länder hatten
unterschiedliche Beschränkungen, haben unterschiedliche und häufig höhere
Impfquoten und vielleicht auch andere Mentalitäten als in Deutschland.
Um wirklich sehen zu können, ob 2G/2G+ oder einfach nur die Corona-
Pandemie die Umsatzzahlen in Gastronomie und Handel drücken, sollten
schnellstmöglich Pilotprojekte gestartet werden: In einigen wohlüberlegten
Orten sollten Beschränkungen zurückgenommen werden, in anderen nicht. Nach
einiger Zeit – z.B. zwei, drei Wochen – kann dann die Entwicklung
verglichen werden. Stehen die Pilotprojekte besser da, könnte das darauf
hinweisen, dass ein Zurücknehmen der Maßnahmen gut für das Gastgewerbe und
den Handel ist. Wenn nicht, wäre wahrscheinlich, dass leider weniger die
Beschränkungen, als die Corona-Pandemie selbst das Problem ist.
Wenn es die Beschränkungen sind, könnte die Politik schnell reagieren und
Maßnahmen zurückfahren, soweit dies aus medizinischer Sicht angebracht
erscheint. Ist es jedoch die Pandemie an sich, bleibt für die Politik nur
die weitere Unterstützung der Wirtschaft, um sie durch diese schwierigen
Zeiten zu bringen.“
