Zoologie: Vom Kabinett zum Institut
Die Geschichte der Würzburger Zoologie wird immer besser aufgearbeitet.
Das ist dem früheren Lehrstuhlinhaber Ulrich Scheer zu verdanken.
„Eines meiner langgehegten Projekte für den Ruhestand war, eine
ausführliche Geschichte der Würzburger Zoologie zusammenzustellen.“ Das
sagt Professor Ulrich Scheer, der 21 Jahre lang den Lehrstuhl für Zoologie
I (Zell- und Entwicklungsbiologie) der Universität Würzburg geleitet hat.
Schon in seiner Zeit als Hochschullehrer hat er sich immer wieder mit der
Historie seines Fachs befasst. Als er 2007 in den Ruhestand ging, konnte
er diese Arbeit intensivieren.
Nun präsentiert er auf den Webseiten des Lehrstuhls den ersten Teil seines
Werks: Es behandelt die Geschichte der Würzburger Zoologie von Bonavita
Blank (1740-1827) und seinem Naturalienkabinett bis zum Wiederaufbau des
zoologischen Instituts nach der Zerstörung im März 1945
(https://www.biozentrum.uni-wu
Bezüge zur Gegenwart hergestellt
„Ich habe mich dabei bemüht, nicht nur die verschiedenen Zoologie-
Professoren und ihre wissenschaftliche Arbeit zu beschreiben, sondern auch
Bezüge zur Gegenwart herzustellen“, so Ulrich Scheer.
Unter anderem weist der emeritierte Professor auf drei Objekte hin, die
heute im universitätseigenen Martin von Wagner Museum zu sehen sind und
die in direkter Verbindung zu Bonavita Blank stehen, dem „Gründervater“
der Würzburger Zoologie. Blank wurde 1792 von Fürstbischof Franz Ludwig
von Erthal zum Professor für Naturgeschichte und Philosophie an der
Universität ernannt.
• Eines der Objekte ist das einzige noch erhaltene Federbild von
Blank. Es zeigt ein Porträt des bayerischen Königs Maximilian I., umrahmt
von einem bunten Blütenkranz. Das ganze Bild ist aus Federn hergestellt.
• Dann gibt es ein prächtiges Holzwappen des Universitätsgründers
Julius Echter von Mespelbrunn, das vermutlich am Eingang zu Blanks
Naturalienkabinett in der Alten Universität hing.
• Schließlich existiert ein Ölgemälde von Johann Christoph Fesel mit
dem Porträt von Bonavita Blank, das um 1790/95 gemalt wurde.
Ignaz Döllinger und Carl Semper
Blanks Nachfolger kümmerten sich vor allem um den Ausbau und das Ordnen
des Naturalienkabinetts. Doch zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte
sich in der Medizin eine experimentelle Naturforschung mit dem Ziel, „das
natürliche Leben in seinem ganzen Umfange darzustellen“. So beschrieb es
Ignaz Döllinger, der von 1803 bis 1823 Professor für allgemeine Anatomie
und Physiologie war.
Unter Döllingers Anleitung führte Christian Pander bahnbrechende
Untersuchungen über die Embryonalentwicklung des Hühnchens durch, die in
die Wissenschaftsgeschichte eingegangen sind. Wenig bekannt dürfte sein,
dass die Experimente dazu in Sickershausen bei Kitzingen durchgeführt
wurden. Eine Gedenktafel erinnert dort daran.
Erst unter Carl Semper, der von 1869 bis 1893 die Zoologie leitete, löste
sich das Fach von seiner musealen Vergangenheit. Semper gab der Zoologie
eine moderne vergleichend-anatomische und entwicklungsbiologische
Ausrichtung. Ihm gelang die Emanzipation von der Medizin. Das zoologische
Kabinett wurde zu einem Institut aufgewertet, das 1889 in ein neues
Gebäude am Pleicherring (jetzt Röntgenring) einzog. Dem kämpferischen
Semper widmet Scheer ein eigenes Kapitel.
Theodor Boveri und Marcella O‘Grady
Im Foyer des Biozentrums erinnert eine Bronzebüste an Theodor Boveri, den
Begründer der experimentellen Zellforschung und der Chromosomentheorie der
Vererbung. Die Büste wurde von Boveris Freund Wilhelm Conrad Röntgen 1920
bei dem Münchener Bildhauer Adolf Hildebrand in Auftrag gegeben.
Während über die wissenschaftliche Bedeutung Boveris schon viel
geschrieben wurde, ist über seine Frau Marcella, geborene O‘Grady,
wesentlich weniger bekannt.
Als „full professor“ und Leiterin des Biologie-Departments am Vassar
College in den USA wurde ihr 1896 ein bezahltes Sabbatical bewilligt, das
sie als Gastwissenschaftlerin an Boveris Institut führte. Nach ihrer
Heirat begleitete sie ihren Mann bei allen Forschungsaufenthalten an der
Zoologischen Station in Neapel. Sie war aktiv an den bahnbrechenden
Experimenten zur Seeigel-Entwicklung beteiligt, wie jüngst aufgefundene
mikroskopische Präparate dokumentieren.
„Warum Marcella nie als Co-Autorin auftrat, können wir aus heutiger Sicht
nicht nachvollziehen“, bedauert Scheer. Immerhin dankte ihr Mann in seinen
Publikationen mehrmals seiner „lieben Frau für die sachkundige Mitarbeit“.
Den ungewöhnlichen Lebensgang Marcella Boveris und ihre wichtige Rolle für
das Frauenstudium an der JMU stellt Scheer ebenfalls in einem eigenen
Kapitel dar.
