Altersmediziner präsentieren Fünf-Punkte-Plan: „Wir wollen neue Konzepte und Strategien entwickeln“
Professor Rainer Wirth hat einiges vor im ersten Jahr als Präsident der
Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG). Er hat der Fachgesellschaft
einen Fünf-Punkte-Plan verordnet, um die Herausforderungen der Geriatrie
wissenschaftlich und politisch zu begleiten. „Neben der anhaltenden
Coronapandemie gibt es noch viele weitere Themen, die für alte und
hochaltrige Patienten relevant sind“, so Wirth, Direktor der Klinik für
Altersmedizin und Frührehabilitation am Marien Hospital Herne –
Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum. Dazu zählt: die
Behandlungsergebnisse von alterstraumatologischen Patienten durch die
strukturierte Zusammenarbeit mit Unfallchirurgen zu verbessern.
Zudem wird er nun zum dritten Mal in Folge den Jahreskongress der DGG
federführend mitorganisieren. Im Interview spricht er darüber, was ihn und
den Vorstand seit der Wahl im September beschäftigt hat, wo er politische
Maßnahmen für notwendig hält – und er spricht natürlich darüber, welche
Ziele die Fachgesellschaft mit Hilfe der aktiven Mitglieder in 2022
erreichen sollte.
Herr Professor Wirth, welche Aufgaben haben die ersten Wochen Ihrer
Präsidentschaft geprägt?
Im Wesentlichen ging es mit Hochdruck um den neuen Veranstaltungsort des
Gemeinschafts-Kongresses von Geriatern und Gerontologen. Was einfach
klingt, ist mit den Nebenwirkungen der Corona-Pandemie nicht ganz so
einfach. Die bereits zugesagten Räumlichkeiten der Universität in Halle
stehen uns wegen Baumaßnahmen in diesem Jahr nicht zur Verfügung, viele
alternativ angeschaute Orte entsprechen nicht dem, was wir brauchen. Nicht
zuletzt gab es oft auch Termin- und Interessenskollisionen mit bereits
parallel stattfindenden Medizinkongressen. Daher bedauere ich auch, dass
unser nun festgelegter Kongress-Termin mit der Jahrestagung der
Psychologen kollidiert. Aber an der Goethe-Universität in Frankfurt waren
die freien Zeiträume im September auch sehr begehrt und wir sind
letztendlich froh, dass wir nun vom 12. bis 15. September wieder einen
Präsenz-Kongress planen können. Und ich muss sagen: Ich freue mich richtig
darauf, in diesem Jahr viele Kollegen aller Wahrscheinlichkeit nach auch
wieder persönlich zu treffen.
Themen für den Kongress gibt es sicherlich genug?
Ganz sicher haben wir genug zu besprechen! Auf der wissenschaftlichen
Ebene ist sehr viel passiert in den vergangenen Jahren. Und ich kann
versprechen: Es geht nicht nur um Corona, sondern auch um die vielen
anderen Facetten der Geriatrie. Für das umfangreiche Programm, das wir
gerade planen, haben wir auch extra einen zusätzlichen Hörsaal angemietet.
Können Sie uns schon verraten, wen wir als Keynote-Speaker zu erwarten
haben?
Die einzelnen Keynote-Speaker geben wir erst später bekannt – es stehen
auch noch nicht alle final fest. Fest steht aber unsere Festrednerin: Ich
freue mich wirklich sehr, dass wir dafür Judith Campisi gewinnen konnten.
Sie ist eine renommierte amerikanische Alternsforscherin. Als Professorin
für Biogerontologie arbeitet sie am Buck Institute for Research on Aging
nördlich von San Francisco. Ich bin schon sehr gespannt auf ihren Vortrag
am ersten Kongress-Abend, in dem sie zu unserem Kongress-Motto Resilienz
und Vulnerabilität einen Bogen von der Grundlagenforschung bis hin zur
praktischen Anwendung spannen wird.
Wäre auch ein Hybrid-Kongress denkbar – also online wie vor Ort, sodass
möglichst viele Interessierte teilnehmen?
Wir haben uns darüber natürlich Gedanken gemacht. Aber finanziell wäre ein
Hybrid-Modell mit Präsenz und Online-Abbildung für uns aktuell nicht zu
stemmen. Sollte der medizinische Sektor im kommenden September wieder über
alle Maßen strapaziert sein durch die anhaltende Pandemie, werden wir das
komplette Programm als Online-Kongress stattfinden lassen. Derzeit gehen
wir aber zuversichtlich davon aus, dass wir uns alle in Frankfurt treffen
können – und den persönlichen Austausch halte ich obendrein auch für
wichtiger denn je.
Der Kongress ist eine große Aufgabe. Welche Ziele haben Sie sich darüber
hinaus für das erste Jahr Ihrer DGG-Präsidentschaft gesetzt?
cc
Als wissenschaftliche Fachgesellschaft ist es mir persönlich wichtig, dass
wir die vielen Facetten der Altersmedizin aktiv begleiten. Dafür habe ich
einen persönlichen Fünf-Punkte-Plan aufgestellt und diesen als gemeinsame
Zielvorgabe mittlerweile auch mit dem Vorstand abgestimmt. Wichtig ist mir
klarzustellen: Die brennenden Themen unserer Fachgesellschaft können wir
nur im Team voranbringen – im Vorstand wie auch in den einzelnen
Arbeitsgruppen. Darauf baue ich.
Welche fünf Punkte – also Themen und Ziele – sind das genau?
Zuerst wollen wir jetzt die Arbeit der Arbeitsgruppen der DGG intensiver
fördern. Durch die Pandemie ist in den vergangenen Jahren zu viel liegen
geblieben. Professor Bauer hatte diese Aufgabe während seiner
Präsidentschaft bereits erkannt und wichtige Impulse im Sinne der AG-
Förderung gesetzt. Leider hat uns die Pandemie dann einen Strich durch die
Rechnung gemacht. Nun werden wir die AG-Sprecher und den neuen Vorstand
enger vernetzen. Dazu gibt es nun ein erstes Online-Treffen, wo wir
weitere Schritte verabreden möchten. Zudem sollen die Arbeitsgruppen auch
finanziell unterstützt werden – mit bis zu 2.000 Euro im Jahr. Der Betrag
kann für die inhaltliche Arbeit, Reisekosten oder auch für Gebühren von
Open-Access-Publikationen von AG-Projekten genutzt werden. Für
umfangreichere Forschungsprojekte wird auf Antrag auch mehr Geld zur
Verfügung gestellt. Auch gibt es ab sofort einen festen Ansprechpartner
für AG-Angelegenheiten im Vorstand. Dies ist der jeweilige Präsident-
elect, aktuell also Professor Gosch aus Nürnberg.
Wäre dann nicht auch eine Unterstützung des wissenschaftlichen Nachwuchses
sinnvoll?
Genau das haben wir vor und das bringt mich zum zweiten Punkt: Wir wollen
die Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftsforum Geriatrie, das seit 2014
gezielt den wissenschaftlichen Nachwuchs in der Geriatrie fördert, besser
mit unseren Aktivitäten verzahnen. Das Forum leistet wichtige Arbeit und
dafür brauchen wir auch einen fest verankerten Platz in unserer
Fachgesellschaft. Wie das genau aussehen kann, planen wir gerade mit dem
Vorstand des Wissenschaftsforums. Deren mit 1.000 Euro dotierter Bethesda-
Forschungspreis soll auch in diesem Jahr wieder im Rahmen unseres
Kongresses verliehen werden. Auch die Ausschreibungen für die Stipendien
zur Teilnahme an der EAMA, der European Academy for Medicine of Ageing,
gehen in die gleiche Richtung.
Mit der Nachwuchsförderung einher geht auch mein dritter Zielpunkt: Wir
wollen die Arbeitsstruktur der DGG effizienter gestalten. Manche
Mitglieder monieren, dass so manche Zuständigkeit nicht immer klar ist
oder die Wege zu Entscheidungen im Vorstand zu lang sind. Daher arbeiten
wir gerade daran, vorhandene Strukturen weiterzuentwickeln.
Abgesehen von den internen Zielen: Was hat sich die DGG politisch
vorgenommen?
Damit beschäftigen sich die letzten beiden Punkte unserer Agenda für
dieses Jahr: Wir werden die Ausgestaltung des geriatrischen Co-Managements
bei hüftgelenksnahen Frakturen genau beobachten. Hier sind Unfallchirurgen
seit vergangenem Jahr verpflichtet, mit Geriatern zusammenzuarbeiten. In
dem entsprechenden Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses, dem G-BA,
sind nach unserer Ansicht noch nicht alle Punkte klar definiert. Hier geht
es nicht nur um Voraussetzungen für die entsprechende Abrechnung einer
Behandlung, sondern um ganz konkrete Einbeziehung des geriatrischen Know-
hows. Damit beschäftigt sich der fünfte und letzte Punkt unserer Ziele:
Wir wollen mit einer neuen, einheitlichen Zertifizierung die Grundlage und
einen Anreiz dafür schaffen, dass in Deutschland mehr
Alterstraumatologische Zentren mit denselben hohen Qualitätsstandards
eingerichtet werden. Grundsätzlich gilt für uns: Wir wollen neue Konzepte
und Strategien für die geriatrische Behandlung entwickeln und verbreiten.
Aber was genau stört Sie an den aktuellen Zertifizierungen?
Stören trifft es nicht ganz. Es ist vor allem nicht hilfreich beim Aufbau
und der Weiterentwicklung dieser Zentren, wenn es weiterhin
unterschiedliche Zulassungsverfahren gibt – derzeit eines über den
Bundesverband Geriatrie sowie eines über die DGU, die Deutsche
Gesellschaft für Unfallchirurgie. Zusammen mit beiden Einrichtungen
arbeitet die DGG nun an einer gemeinsamen Zertifizierung. Dies garantiert
einheitliche Standards, die Behandlung erfolgt bundesweit nach den immer
gleichen Kriterien und zudem können wir damit dann auch endlich ein
einheitliches, zentrales Datenregister aller Alterstrauma-Zentren schaffen
und geriatrisch relevante Inhalte dort integrieren.
In welchen Bereichen der wissenschaftlichen Praxis wünschen Sie sich denn
noch mehr Aktivität?
Das betrifft die wissenschaftliche Agenda unserer Hochschulen und ihrer
Lehrstühle. Wir können damit zufrieden sein, dass in den letzten Jahren
immer mehr Lehrstühle für Geriatrie eingerichtet worden sind. Nun muss es
diesen Lehrstühlen noch mehr gelingen, wichtige wissenschaftliche Impulse
in der Altersmedizin zu setzen. Die Konkurrenz ist groß, da sich
mittlerweile fast alle Fächer verstärkt mit dem Altern beschäftigen. Unser
Augenmerk als Fachgesellschaft liegt nun eher darauf, mehr junge Menschen
für die Altersmedizin und die wissenschaftliche Arbeit zu begeistern. Hier
könnten stellenweise sicher noch bessere Rahmenbedingungen geschaffen
werden, damit gerade ambitionierten Nachwuchswissenschaftlern eine
attraktives Arbeitsumfeld geboten wird, in dem sie forschen können und
eine gute klinisch geriatrische Ausbildung erhalten.
Sie haben also keine akuten Wünsche an die Geriatrie-Lehrstühle?
Doch, einen Wunsch hätte ich: Nämlich, dass sich möglichst viele aktiv am
Netzwerk Universitätsmedizin, kurz NUM, beteiligen. Diese neue Initiative
schafft eine einmalige Gelegenheit, die Arbeit der geriatrischen
Lehrstühle zu vernetzen und abzustimmen, wo dies sinnvoll und notwendig
ist. Von den Ergebnissen könnten wir in der Praxis und Forschung
profitieren.
Gibt es noch weitere Projekte, die Sie für Ihre Amtszeit ins Auge gefasst
haben?
Ja definitiv. Dies ist aber kein Punkt für ein Jahr, sondern eine Aufgabe,
die alle Präsidenten und Vorstände der DGG kontinuierlich begleitet hat
und auch mich weiter beschäftigen wird. Aus meiner Sicht ist durch die
aktuelle Zusatzbezeichnung Geriatrie unzureichend abgegrenzt, welche
inhaltlichen und formalen Voraussetzungen jemand mitbringen muss, um das
Fach Geriatrie in der Krankenversorgung zu vertreten. Zwar hatte die
Bundesärztekammer in ihrer letzten Musterweiterbildungsordnung von 2018
richtigerweise eingegrenzt, dass diese Zusatzbezeichnung Geriatrie nur von
Fachärzten für Innere Medizin, Neurologie, Allgemeinmedizin, Physikalische
und Rehabilitative Medizin oder Psychiatrie und Psychotherapie erworben
werden kann. Doch ist diese Musterweiterbildungsordnung in den
Landesärztekammern sehr unterschiedlich umgesetzt worden und in manchen
Kammerbezirken kann jeder Arzt und jede Ärztin aus jeder Fachdisziplin die
Zusatzbezeichnung Geriatrie erwerben und dann gegebenenfalls auch eine
solche Abteilung leiten.
Aber ist das im Sinne der Geriatrie überhaupt sachgerecht?
Das halte ich für alles andere als sachgerecht. Ich kann mir ehrlich
gesagt nicht vorstellen, wie ein Chirurg ein fundiertes
Multimedikationsmanagement betreiben soll, um nur eines von vielen
möglichen Beispielen zu nennen. Die Geriatrie braucht flächendeckend eine
höherwertige Qualifikation, wie zum Beispiel den Schwerpunkt in der
Inneren Medizin, den es in wenigen Bundesländern bereits gibt oder einen
eigenen Facharzt für Geriatrie. Mindestens muss aber der Inhalt der
aktuellen Musterweiterbildungsordnung flächendeckend umgesetzt werden.
Dieses Thema werden wir als Vorstand ebenfalls neu aufgreifen und eine
längerfristige Strategie für die Verbesserung der Situation entwickeln.
