Olympia in Peking: Chinas Zero-Covid-Strategie und die Folgen für Wirtschaft und Wissenschaft
Willkür in der Corona-Blase? Offene Diskussion über die Unterdrückung von
Minderheiten? Wirtschaftlicher Aufschwung für China? Die Olympischen
Winterspiele in Peking sind geprägt durch scharfe Kontrollen des
Gastgeberlandes in Zeiten von Corona und Kritik an China wegen
Verletzungen der Menschenrechte. Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer von der
FernUniversität in Hagen spricht im "Olympia-Interview" über die Folgen
der Zero-Covid-Strategie für Wirtschaft und Wissenschaft. Der Ökonom
forscht zum internationalen Handel mit China. Schmerer ist Mitgründer und
Sprecher des Center for East Asia Macroeconomic Studies und leitet den
Lehrstuhl für Internationale Ökonomie.
Willkür in der Corona-Blase? Offene Diskussion über die Unterdrückung von
Minderheiten? Wirtschaftlicher Aufschwung für China? Die Olympischen
Winterspiele in Peking sind geprägt durch scharfe Kontrollen des
Gastgeberlandes in Zeiten von Corona und Kritik an China wegen
Verletzungen der Menschenrechte. Prof. Hans-Jörg Schmerer von der
FernUniversität in Hagen spricht im Olympia-Interview über die Folgen der
Zero-Covid-Strategie für Wirtschaft und Wissenschaft. Der Ökonom forscht
zum internationalen Handel mit China. Schmerer ist Mitgründer und Sprecher
des Center for East Asia Macroeconomic Studies und leitet den Lehrstuhl
für Internationale Ökonomie.
FernUniversität: Herr Prof. Schmerer, wie blicken Sie auf die Olympischen
Winterspiele in Peking?
Hans-Jörg Schmerer: Durch die Pandemie ist es momentan schwierig, sich für
die Spiele zu begeistern. Ich habe daher wenig Interesse an den
sportlichen Wettbewerben, verfolge aber die politische Dimension mit den
Boykotten und Corona-Sorgen.
FernUniversität: Die politische Dimension prägt die internationale
Debatte. Insbesondere der Umgang mit Menschenrechten in China steht in der
Kritik. Wird sich die Situation in China durch die Olympischen Spiele
verbessern?
Schmerer: Sicherlich nicht. Die Diskussion über Menschenrechte haben wir
schon recht lange. Anfang des neuen Jahrtausends entwickelte sich ein
Dialog über Menschenrechtsfragen in der Ära Hu Jintao, in der die
Volksrepublik China auch stark an internationalen Kooperationen
interessiert war. Ich habe diese Bereitschaft zum Dialog als Beginn einer
positiven Entwicklung gesehen, die zu einer zunehmenden Verbesserung der
Menschenrechtssituation führen würde. Aus heutiger Sicht war diese
Vorstellung viel zu optimistisch. Damals gab es einen sehr starken Fokus
auf Wachstum und Öffnung, das erklärt die sehr diplomatische Außenpolitik.
Ab 2013 mit Beginn der Ära des aktuellen Staatspräsidenten Xi Jinping ist
das umgeschlagen. Der Diskurs über Menschenrechtsfragen hat abgenommen und
die Kontrolle im Land massiv zugenommen. Ich kann mir nicht vorstellen,
dass die Olympischen Spiele großartig etwas bewirken werden. Freies Denken
und freie Meinungsäußerung sind heute nicht mehr angedacht. Das kann
sicherlich auch mit der liberalen Einstellung und den damit gesammelten
Erfahrungen in der Ära Hu Jintao begründet werden.
FernUniversität: Als Ökonom blicken Sie insbesondere auf die
wirtschaftliche Lage Chinas. Nach 2008 im Sommer richtet Peking als erster
Austragungsort nun auch Winterspiele aus. Rechnen sich die Spiele für
China?
Schmerer: Es kommt darauf an, wie man das sieht. Wirtschaftlich sicherlich
nicht, da erwarte ich keinen Schub. Aber darum geht es ja nicht bei so
einem medialen Großevent. Es geht vielmehr darum, Werbung für das eigene
Land zu machen und zu demonstrieren, dass man die immensen Kosten
aufnehmen und so ein Ereignis selbst in einer Pandemie effizient
organisieren und inszenieren kann. Das Covid-Thema überschattet die
olympischen Spiele. Die chinesische Regierung hat sich das sicherlich
anders vorgestellt und hätte gerne ein anderes Bild präsentiert. Die
Spiele finden nun unter Ausschluss der Öffentlichkeit als reines
Medienspektakel statt.
FernUniversität: Wie blicken Sie auf die Zero-Covid-Strategie Chinas und
deren Folgen?
Schmerer: Durch die Zero-Covid-Strategie, die China fährt, schottet sich
das Land immer mehr ab. Das sieht man klar und deutlich bei den
Wettkämpfen in Peking. Ein Stück weit ist Corona jetzt auch ein Vorwand,
um die Abschottung nochmal auf ein anderes Level zu heben. Im Zusammenhang
mit Olympia wird ja auch immer wieder die Ungewissheit diskutiert. Es kann
jederzeit sein, dass morgen ein Test positiv ausfällt und Sportlerinnen
und Sportler in Quarantäne landen. Die Willkür, der man sich bei der
Einreise nach China aussetzt, ist ein Problem. Nicht nur für den Sport,
auch für die Wirtschaft und Wissenschaft. Ich habe das schon 2019 vor
Ausbruch der Pandemie bei meinem letzten Besuch in China an den
Universitäten festgestellt, wo ich früher öfters gelehrt, Vorträge
gehalten und mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus China
zusammengearbeitet habe. Man merkt seit 2013, dass dies schrittweise
schwieriger wird und die Kontrolle zunimmt.
FernUniversität: Wie findet unter diesen Bedingungen aktuell der Austausch
im Forschungszentrum mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und
den Partneruniversitäten in China statt?
Schmerer: Das ist leider sehr schwierig geworden. Momentan findet kaum
Austausch statt. Unsere Kooperationen liegen weitgehend auf Eis. Wir
wissen nicht, ob wir in naher Zukunft wieder Workshops veranstalten
können. Das heißt aber nicht, dass unsere Forschung zu China komplett
ruht. Mein Gefühl ist, dass wir uns in den nächsten Jahren eher von außen
mit China beschäftigen. In der Vergangenheit gab es immer wieder Phasen,
in denen China sich weitgehend abgeschottet hat und in denen es fast
unmöglich war, nach China zu reisen. Die ganze sinologische Forschung hat
dann von außen stattgefunden. Seit 2013 haben wir wieder eine solche Phase
der zunehmenden Abschottung, die momentan einen Höhepunkt erreicht hat.
Wir wissen auch nicht, wie es mit der Zero-Covid-Strategie weitergeht und
ob irgendwann die große Impfkampagne in China starten wird. Die westlichen
und wirksamen Impfstoffe sind in China nicht zugelassen. Das ist ein
großes Problem für unsere internationalen Kooperationen.
FernUniversität: Wie spiegeln sich die Olympischen Spiele und die Zero-
Covid-Strategie in Ihrer Forschung wider?
Die Olympischen Spiele greifen wir in unserer Forschung nicht auf. Das
Event ist zu singulär und eher etwas für die tagesaktuelle Diskussion in
den Medien. Zentrales Forschungsthema ist die Frage, wie sich die Zero-
Covid-Strategie in Zukunft auf internationale Lieferketten und das
wirtschaftliche Wachstum in China auswirkt. Die Unsicherheit und die
Herausforderungen für deutsche Unternehmen, die auf Zwischengüter und
Importe aus China angewiesen sind, sind groß. Wir schauen daher, wie sich
der internationale Handel mit China auf den deutschen Arbeitsmarkt
auswirkt.
CEAMeS
Die Lehrstühle für Makroökonomik und Internationale Ökonomie der
FernUniversität in Hagen haben das Center for East Asia Macroeconomic
Studies 2016 gegründet. Das Forschungszentrum ist eine Plattform für den
internationalen Austausch mit Ostasien.
https://www.fernuni-hagen.de/i
Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insb. Internationale Ökonomie:
https://www.fernuni-hagen.de/o
