Hochwasserschutz: Für Hamburg wichtig wie nie – Rückblick und Ausblick
Die Nacht, in der das Wasser kam
Vor 60 Jahren, in der Nacht auf den 17. Februar 1962 wurde für die
Nordseeküste eine schwere Sturmflut angekündigt. Von einer Gefahr für
Hamburg war jedoch nicht die Rede. So traf es die Bürger der Hansestadt
völlig unvorbereitet, als die Elbe die Wassermassen in die Stadt spülte.
Viele Deiche brachen und der Süden Hamburgs versank in der Flut. In dieser
Nacht starben 315 Menschen, Tausende wurden obdachlos oder verloren sogar
alles, was sie besaßen.
Auch Mitarbeitende der Technischen Universität Hamburg waren unmittelbar
betroffen: „Mein Vater war im Februar 1962 bei der Bundeswehr zur
Ausbildung in Hamburg. Er und seine Kameraden wurden eingesetzt, um die
zahlreichen Toten mit einem Boot aus dem Wasser zu fischen. Er berichtete,
dass sie die Toten längsseits an ihren Booten befestigten und an Land
brachten. Angehörige, die Ihre Familienmitglieder so angebunden sahen,
sind reihenweise zusammengebrochen.“
Moderner Deichbau folgte
Der Orkan „Vincinette“ fegte in dieser Nacht über das Land und brachte die
Katastrophe mit vorher nie dagewesenen Sturmflutwasserständen. An über 60
Stellen konnten die Deiche den Wassermassen nicht standhalten. Zwar wurden
die Bruchstellen daraufhin wieder geschlossen, doch eines war klar: Die
Stadt Hamburg benötigte ein komplett neues Konzept zum Hochwasserschutz.
Denn schnell zeigte sich, dass es gar nicht möglich war, die Deiche zu
reparieren und zu erhöhen. Daraufhin wurden auf rund 100 Kilometern Länge
komplett neue Schutzanlagen mit einer Höhe von mindestens 7,20 Meter über
Normalnull gebaut.
Gerüstet für die Zukunft?
Professor Peter Fröhle befasst sich an der TU Hamburg mit den Folgen der
Erderwärmung und deren Einfluss auf die Elbe aus wasserbaulicher Sicht.
Der Leiter des Instituts für Wasserbau gibt Antworten darauf, wie gut
Hamburg künftig in Sachen Hochwasserschutz gerüstet ist:
Müssen wir in Hamburg künftig häufiger mit Sturmfluten rechnen?
Ja. Als Folge des Klimawandels und dem damit verbundenen Anstieg des
Meeresspiegels werden Sturmfluten bei gleicher Sturmintensität zukünftig
sogar noch höher auflaufen. Wasserstände, die früher einmal in hundert
Jahren aufgetreten sind, werden dann auch sehr viel häufiger,
beispielsweise alle fünf Jahre, auf uns zukommen. Zudem werden Stürme als
Folge des Klimawandels möglicherweise noch intensiver, was die Häufigkeit
dann zusätzlich erhöhen würde.
Welche Auswirkungen hätte eine Sturmflut heute auf Hamburg?
Die Hochwasserschutzanlagen sind in Hamburg und auch an der gesamten
Nordseeküste sehr sicher, was zuletzt im Dezember 2013 deutlich wurde.
Während des Sturms Xaver traten in Hamburg Wasserstände auf, die fast
einen halben Meter höher waren als 1962. In Hamburg und an der
Nordseeküste funktionierte der Hochwasserschutz praktisch reibungslos,
sodass keine gravierenden Schäden aufgetreten sind. Inzwischen ist der
Hochwasserschutz sogar noch besser geworden. Eine hundertprozentige
Sicherheit gegen Naturereignisse gibt es aber leider trotzdem nicht.
Wie hoch darf das Wasser steigen bis es wieder heißt „Land unter“ und wie
können dann bessere Vorhersagemethoden helfen?
Im aktuellen Bauprogramm der Freien und Hansestadt Hamburg ist geplant,
Deiche und Hochwasserschutzanlagen auf eine Höhe von mindestens 8,30
Metern über Normalnull auszubauen. Sollte ein Wasserstand die acht Meter-
Marke doch wesentlich überschreiten, sind Vorhersagemethoden die Grundlage
für die Warnung der Bevölkerung. Eine gute Vorhersage ist zudem wichtig
für die Einsatzplanung der Behörden, um dann mobile
Hochwasserschutzanlagen, wie Sturmfluttore und Sperrwerke, zu schließen
und die Deichverteidigung vorzubereiten und zu koordinieren. Je präziser
und früher die Vorhersagen eintreffen, desto einfacher und leichter wird
die Vorbereitung auf eine Sturmflut. In Hamburg ist dafür der
Sturmflutwarndienst zuständig.
Welche Maßnahmen außer höheren Deichen hat der Hochwasserschutz in der
Vergangenheit entwickelt und woran forschen Sie ganz konkret?
Neben Deichen und Hochwasserschutzmauern gibt es eine Vielzahl von
Konzepten zum Schutz gegen Hochwasser. Diese reichen von einer angepassten
Bauweise über die Schaffung von Raum für das Wasser bis hin zu Dämmen oder
Sperrwerken, mit denen das Einlaufen einer Hochwasserwelle verhindert
werden soll. An der TU Hamburg befassen wir uns mit der Zukunft des
Hochwasserschutzes an der Tideelbe vor dem Hintergrund des Klimawandels.
Dafür identifizieren und analysieren wir denkbare Optionen für einen
künftigen Hochwasserschutz und bewerten diesen aus wasserbaulicher,
wasserwirtschaftlicher, ökologischer und ökonomischer Sicht. Neben
Veränderungen von Tidebedingungen, Strömungen und Wasserständen, müssen
wir auch Konsequenzen für Flora und Fauna sowie die für die Schifffahrt
und andere Nutzungen berücksichtigen. Mit Hilfe unserer Ergebnisse sollen
dann Handlungsoptionen für die Zukunft abgeleitet werden.
