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Die Millionen-Frage: Wie lösen wir komplexe Probleme?

„Mit unserer Studie zeigen wir, dass dem Faktor der sozialen Normen bislang zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde“, so Prof. Dr. Carolin Häussler.  Studio Weichselbaumer
„Mit unserer Studie zeigen wir, dass dem Faktor der sozialen Normen bislang zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde“, so Prof. Dr. Carolin Häussler. Studio Weichselbaumer
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„Mit unserer Studie zeigen wir, dass dem Faktor der sozialen Normen bislang zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde“, so Prof. Dr. Carolin Häussler.  Studio Weichselbaumer
„Mit unserer Studie zeigen wir, dass dem Faktor der sozialen Normen bislang zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde“, so Prof. Dr. Carolin Häussler. Studio Weichselbaumer

Prof. Dr. Carolin Häussler, Innovationsforscherin an der Universität
Passau, hat gemeinsam mit ihrer ehemaligen Promovendin Dr. Sabrina Vieth
untersucht, wann Menschen im digitalen Zeitalter zu welchen
Problemlösungsstrategien greifen – und zwar anhand von Daten der Quiz-
Sendung „Wer wird Millionär?“.

Ein Joker bei der 300-Euro-Frage? So ärgerlich das für manche
Kandidatinnen und Kandidaten des beliebten RTL-Formats „Wer wird
Millionär?“ ist, doch der eine oder die andere braucht bereits zu Beginn
des Spiels Hilfe von außen. Nehmen sie diese dann auch in Anspruch? Oder
hält sie die Sorge vor der öffentlichen Schmach zurück?

Es sind solche Konstellationen, die in die Studie der
Innovationsforscherinnen Prof. Dr. Carolin Häussler (Universität Passau)
und Dr. Sabrina Vieth (Coventry University London) eingeflossen sind.
Insgesamt untersuchten die Wissenschaftlerinnen anhand der Daten der Quiz-
Sendung, wie 4.556 Probleme von 398 Personen gelöst wurden. Dazu kodierten
sie 243 Episoden der Show im Zeitraum von Oktober 2009 bis Juni 2013. „Wir
wollten wissen: Wann lösen Menschen Probleme selbst, wann greifen sie auf
das Spezialwissen individueller Expertinnen und Experten zurück, und wann
auf das aggregierte Wissen des Publikums?“, erklärt Prof. Dr. Häussler.

Lösungsstrategien im digitalen Zeitalter

Was klingt, als wäre es lediglich eine unterhaltsame Studie, hat einen
ernsthaften Hintergrund. Zwar konzentrierten sich die Forscherinnen in
ihrer Analyse auf die Quiz-Sendung, denn: „Um die Effekte auch statistisch
sauber zu analysieren, mussten wir ein Setting finden, in dem Menschen mit
Problemen konfrontiert wurden, die sie sich nicht selbst ausgesucht
haben.“ Doch die Erkenntnisse lassen nicht nur wichtige Schlüsse auf
Lösungsstrategien im digitalen Zeitalter zu, in dem Möglichkeiten wie
Suchmaschinen oder die Befragung der Crowd frei verfügbar sind. Die Studie
liefert auch für die Innovationsfähigkeit von Unternehmen und der
Gesellschaft wichtige Erkenntnisse.

Die Ergebnisse im Überblick:
•       Soziale Normen, die einen offenen Austausch befürworten, erhöhen
die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Kandidatinnen und Kandidaten Hilfe
von außen holen.
•       Eine hohe Komplexität der Probleme motiviert die Spielerinnen und
Spieler, Probleme extern zu lösen. In einer Kultur des offenen Austauschs
nehmen sie auch bei weniger komplexen Problemen externe Hilfe in Anspruch.
•       Bei sehr komplexen Problemen bevorzugen die Teilnehmenden das
Spezialwissen einzelner Expertinnen und Experten; bei weniger komplexen
Problemen befragen sie das Publikum.
•       Ältere Teilnehmende nehmen seltener Hilfe in Anspruch als jüngere.
Teilnehmende aus Großstädten waren offener für Hilfe von außen. Letzteres
gilt auch für Teilnehmerinnen im Vergleich zu männlichen Spielern.

„Mit unserer Studie zeigen wir, dass dem Faktor der sozialen Normen
bislang zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde“, sagt Prof. Dr. Häussler.
In der Quiz-Sendung verkörpere Moderator Günther Jauch diese soziale
Komponente. „Wenn er erinnert und signalisiert, dass es völlig legitim
ist, sich Hilfe von außen zu holen, dann tun das die Kandidatinnen und
Kandidaten auch.“

Soziale Normen als Schlüssel zur Problemlösung

Starke Normen des offenen Austauschs könnten den Forscherinnen zufolge
eine andere Herangehensweise an Probleme fördern – „hin zu einer
chancenorientierten Wahl der Problemlösung, die den Wert interner und
externer Lösungen unabhängig von der Problemkomplexität anerkennt“. Gerade
in einer Zeit mit immer größer werdenden Herausforderungen werde die
Kompetenz, externe Lösungen einzuholen und zu koordinieren, immer
wichtiger. Wenn also Unternehmen offene Innovationsstrategien auf
institutioneller Ebene umsetzen wollen, dann liege es an den
Führungskräften, Umgebungen zu schaffen, „in denen positive Einstellungen
zu Offenheit und offenem Wissensaustausch verstärkt werden können“,
schreiben die Forscherinnen.

Die Studie „A question worth a million: The expert, the crowd, or myself?
An investigation of problem solving“ erscheint im April 2022 in dem
renommierten Journal „Research Policy“. Es handelt sich dabei um eine der
prominentesten Fachzeitschriften im Bereich der Innovationsforschung.
Online ist die Studie bereits abrufbar unter:
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0048733321002456?dgcid=author

Über die Autorinnen

Prof. Dr. Carolin Häussler ist seit 2011 Inhaberin des Lehrstuhls für
Organisation, Technologiemanagement und Entrepreneurship und DFG-
Vertrauensdozentin an der Universität Passau. Sie ist außerdem
Projektleiterin im DFG-Graduiertenkolleg 2720: „Digital Platform
Ecosystems (DPE)“ an der Universität Passau. Als Mitglied der
Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) berät sie die
Bundesregierung. Am 23. Februar 2022 übergibt sie Bundeskanzler Olaf
Scholz das diesjährige EFI-Jahresgutachten. Mit dem International Center
for Economics and Business Studies lockt Prof. Dr. Häussler Forscherinnen
und Forscher aus aller Welt nach Passau.

Dr. Sabrina Vieth lehrt und forscht zu Entrepreneurship und Innovation an
der Coventry University London. Sie promovierte an der Universität Passau
mit dem Schwerpunkt Open Innovation und Crowdsourcing. Ihre
Forschungsinteressen drehen sich um die Analyse von Problemlösungen und
Wissensaustausch, sowohl im beruflichen als auch im Bildungskontext.