Das Kind hat eine Tablette verschluckt – was tun?
Die Stiftung Kindergesundheit informiert über die Vergiftungsrisiken durch
Medikamente der Eltern oder Großeltern
Medikamente gehören zum Alltag vieler Familien und leisten meist gute
Dienste bei Fieber, Schmerzen und bei vielen weiteren Erkrankungen. Doch
die bunte Herztablette in Omas Handtasche oder die Blutdruckpille auf dem
Nachttisch der Eltern kann sich für Kinder schnell in eine gefährliche
Bedrohung verwandeln, warnt die Stiftung Kindergesundheit in ihrer
aktuellen Stellungnahme: Arzneimittel bilden den Hauptanteil der rund
220.000 jährlichen Anfragen an die bundesweit acht
Giftinformationszentren. Besonders beunruhigend: Die Zahl der durch
Medikamente bedingten Vergiftungen und Vergiftungsverdachtsfällen nimmt in
den letzten Jahren immer mehr zu.
„Neugierigen Kleinkindern gelingt es trotz aller Vorsicht der Eltern immer
wieder, Dinge in die Hand und in den Mund zu bekommen, wovon sie tunlichst
die Finger lassen sollten“, sagt Kinder- und Jugendarzt Prof. Dr. Berthold
Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. „Lange Erklärungen
nützen meist wenig und auch Verbote sind schnell vergessen. Deshalb
sollten gefährliche Substanzen für Kinder unerreichbar aufbewahrt bleiben
– auch Medikamente gehören hinter Schloss und Riegel!“. Für die
Aufbewahrung von Medikamenten sollten abschließbare Medikamentenschränke
oder Kosmetikkoffer mit Zahlenschloss benutzt werden, empfiehlt die
Stiftung Kindergesundheit.
Zu den Vergiftungsunfällen kommt es, anders als vielfach vermutet, meist
nicht dann, wenn das Kind längere Zeit unbeobachtet ist, sagt die Stiftung
Kindergesundheit. Viel häufiger seien Situationen, in denen die Eltern
kurz abgelenkt sind, zum Beispiel weil es an der Tür klingelt, das Handy
läutet, die Milch überkocht oder die Mutter oder der Vater dringend auf
die Toilette müssen. Schon diese wenigen Minuten können umtriebige
Kleinkinder nutzen, um eine Tablette zu schnappen und in den Mund zu
befördern.
Tabletten sind keine „Bonbons“!
Medikamente werden von Kindern leicht mit Süßigkeiten verwechselt. „Wenn
jemand in der Familie oder das Kind selbst Arzneimittel einnehmen muss,
sollten die Tabletten auf keinen Fall als ‚Bonbons‘, ‚Guddi‘ oder
‚Zuckerl‘ bezeichnet werden“, betont Professor Berthold Koletzko und fügt
ergänzend hinzu: „Auch flüssige Medikamente sollten niemals als
‚Fruchtsaft‘ oder ‚süß‘ angepriesen werden, um sie dem Kind schmackhaft zu
machen! Solche Verharmlosungen erhöhen die Gefahr, dass herumliegende
Medikamente in einem unbeobachteten Augenblick vom Kind geschluckt oder
getrunken werden“.
Die Stiftung Kindergesundheit weist außerdem auf eine selten bedachte
Gefahrenquelle hin, nämlich auf den Haushalt von Opa und Oma. Der ist
nämlich leider nur selten kindersicher: Die von den Großeltern benötigten
Medikamente werden häufig sichtbar auf einem Tisch oder in einem leicht
zugänglichen Schrank aufbewahrt. Auch die Taschen von Oma und Opa werden
von Kindern unbemerkt durchstöbert und die bunten vermeintlichen
Süßigkeiten probiert.
Zu den für Kinder gefährlichen Arzneimitteln zählen vor allem Medikamente,
die gegen Herzrhythmusstörungen genommen werden wie z. B. Antiarrhythmika,
Betablocker oder Kalziumantagonisten. Riskant sind auch starke
Schmerzmittel wie Opiate, Diabetesmittel, sowie hohe Dosen von Paracetamol
und von Nasentropfen mit dem Wirkstoff Xylometazolin. In den meisten
Fällen unbedenklich ist dagegen das Naschen der Verhütungspille der
Mutter.
Nicht erbrechen lassen!
Wenn ein Kind in einem unbeaufsichtigten Augenblick ein Medikament
geschluckt oder getrunken hat, sollte man gleich versuchen, seinen Mund
mit Wasser auszuspülen, um die Reste aus dem Mund zu entfernen. Danach
sollte man dem Kind sofort viel zu trinken geben: ein Glas Leitungswasser,
Tee oder Saft. Damit wird die eingenommene Substanz zumindest verdünnt.
Wichtig: Keine Milch zu trinken geben! Milch beschleunigt unter Umständen
die Giftaufnahme durch den Darm.
Kinder, die Medikamente zu sich genommen haben, sollten auf keinen Fall
zum Erbrechen gebracht werden, betont die Stiftung Kindergesundheit. Es
besteht sonst die Gefahr, dass das Erbrochene in die Lungen gerät und zu
einer Lungenentzündung führt.
Gewarnt wird auch vom „Hausmittel“ Salzwasser: Zu viel Salz kann gerade
bei kleinen Kindern zu einer gefährlichen Verschiebung der Elektrolyte und
sogar zu einer lebensbedrohlichen Natriumvergiftung führen.
Nicht zögern, Giftnotruf anrufen!
Die häufigsten Symptome für die meisten Vergiftungen sind Übelkeit,
Erbrechen und Durchfall. Bei Vergiftungen mit Medikamenten können auch
Bewusstseinstrübung oder Bewusstlosigkeit bis hin zu einem komaähnlichen
Tiefschlaf auftreten, auch Störungen von Atmung und Kreislauf sind häufig.
Doch selbst beim leisesten Verdacht, das Kind könnte gefährliche Mengen
einer giftigen Substanz eingenommen haben, sollte man auf keinen Fall erst
auf eventuelle Anzeichen einer Vergiftung warten, sondern sofort handeln.
Das heißt: Sich so schnell wie möglich mit einem Arzt oder mit einem der
Giftinformationszentren in Verbindung setzen. Diese können den anrufenden
Eltern meist sofort erklären, ob eine akute Gefahr besteht und was
gegebenenfalls zu unternehmen ist. Sie vermitteln auch die Information, ob
ein Arzt- oder Krankenhausbesuch notwendig ist.
Hat man die Nummer nicht zur Hand oder treten bereits Symptome einer
Vergiftung auf, wählt man besser gleich die 112.
Die meisten Unfälle mit Medikamenten sind glücklicherweise harmloser als
befürchtet, betont die Stiftung Kindergesundheit. Dennoch sollte der
Verdacht auf eine mögliche Vergiftung nie auf die leichte Schulter
genommen werden: Es sollte in jedem Fall ärztlicher Rat eingeholt werden.
Welche Fragen stellt der Giftnotruf?
• Wer ist betroffen? Kind, Erwachsener?
• Was wurde eingenommen? Genaue Bezeichnung des Mittels (was steht
auf der Packung), Firma, Name des Produkts.
• Wie viel wurde eingenommen? Wie viel Stück waren in der Packung?
Wie viel ist noch vorhanden? Wie viel kann das Kind maximal eingenommen
haben? Wie war es verpackt?
• Wie wurde es eingenommen? Geschluckt? Eingeatmet?
• Wann wurde es eingenommen?
• Wie alt ist das Kind?
• Wie viel wiegt das Kind ungefähr?
• Wie geht es dem Kind? Husten? Erbrechen? Muskelzuckungen?
Berauscht? Benommen? Schmerzen?
• Name und Telefonnummer (für Rückfragen)?
Giftnotruf: Diese Nummern sollten Sie kennen
Die Giftinformationszentren sind unter folgenden Telefonnummern zu
erreichen: Berlin 030/19240; Bonn 0228/19240; Erfurt 0361/730730; Freiburg
0761/19240; Göttingen 0551/19240; Homburg/Saar 06841/19240; Mainz
06131/19240; München 089/19240; Wien +43-1-406 43 43; Zürich +41-44-251 51
51.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung BfR hat eine App als Informations-
und Nachschlagewerk für Vergiftungsunfälle bei Kindern und für deren
Vermeidung entwickelt. Im Notfall kann direkt aus der App ein für das
jeweilige Bundesland zuständiges Giftinformationszentrum angerufen werden.
Die BfR-App wurde für Smartphones mit den Betriebssystemen Android und iOS
entwickelt. In den jeweiligen App-Stores steht sie kostenlos zum Download
zur Verfügung.
