Zum Hauptinhalt springen

Statement - Mindestlohn von 12 Euro: Risiken für Beschäftigung steigen, Armut sinkt kaum

Pin It

Dr. Dominik Groll (https://www.ifw-kiel.de/de/experten/ifw/dominik-
groll/
), Arbeitsmarktexperte am Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW
Kiel), kommentiert die geplante Erhöhung des Mindestlohns in Deutschland
auf 12 Euro je Stunde, die voraussichtlich heute im Bundeskabinett
beschlossen werden soll:

„Die kräftige Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro wird voraussichtlich
größere Folgen haben als seine Einführung 2015. Bei einem so hohen
Mindestlohn steigt die Gefahr, dass es zum Abbau von Beschäftigung in den
betroffenen Lohnbereichen kommt. Das gilt selbst dort, wo Arbeitgeber
relativ großen Lohnsetzungsspielraum haben, also Arbeitnehmern gegenüber
Marktmacht besitzen. Gleichzeitig wird der höhere Mindestlohn kaum zum
Abbau von Armut oder sozialer Ungleichheit führen. Ein Mindestlohn kann
den weitaus größten Teil der von Armut gefährdeten Personen nicht
erreichen, das sind vor allem Rentner, Selbstständige, Arbeitslose oder
Teilzeitbeschäftigte. Und nur ein relativ kleiner Teil der
Niedriglohnbezieher lebt in Haushalten nahe der Armutsgrenze, deutlich
mehr dagegen in Haushalten mit mittleren oder hohen Einkommen.

Die Einführung des Mindestlohns 2015 hat wissenschaftlichen Studien
zufolge die Stundenlöhne zwar erhöht, die Zahl der Arbeitsstunden aber
sinken lassen. Die Monatslöhne blieben unverändert. Auch deswegen blieb
die Wirkung gegen Armut bzw. Einkommensungleichheit aus. Zu beobachten war
zudem eine Verschiebung von Arbeitskräften zwischen Firmen. Die Hinweise
auf Beschäftigungsverluste sind indes bedeutender, als sie zunächst
aussehen. Denn erstens berücksichtigen die Studien bisher nur kurzfristige
Effekte ein bis zwei Jahre nach Mindestlohneinführung; die langfristigen
Effekte dürften größer ausfallen. Zweitens muss die Reduzierung der
Arbeitszeit zu den Jobverlusten hinzugerechnet werden, um den gesamten
Beschäftigungsverlust zu ermitteln. Und drittens wurde der Mindestlohn
gerade in den ersten Jahren nach seiner Einführung Schätzungen zufolge
offenbar vielfach nicht gezahlt. Werden all diese Faktoren berücksichtigt,
liegen die geschätzten Beschäftigungsverluste im Bereich der zuvor
abgegebenen Prognosen.

Das Versprechen eines deutlich höheren Mindestlohns klingt verlockend,
arbeits- und sozialpolitisch dürfte die Steigerung aber ihre versprochene
Wirkung verfehlen.“

Präsentation mit mehr Details zu den wissenschaftlichen Auswertungen (auf
Englisch):
The causal effects of the minimum wage in Germany—What have we learned so
far? (https://www.ifw-kiel.de/index.php?id=17028&L=1)