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Kiel Trade Indicator 02/22: Ukraine-Krieg belastet internationalen Handel deutlich

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Der internationale Handel stand im Februar bereits im Bann des Ukraine-
Krieges, obwohl dieser erst wenige Tage vor Monatsende ausgebrochen ist.
Laut jüngstem Datenupdate des Kiel Trade Indicator geht der Welthandel im
Vergleich zum Vormonat deutlich zurück (preis- und saisonbereinigt), für
fast alle Volkswirtschaften sind die Vorzeichen negativ. Vor allem
russische Exporte dürften sehr stark einbrechen. Die Ukraine ist
weitestgehend vom internationalen Seehandel abgeschnitten, der
Schwarzmeerhafen Odessa wird praktisch nicht mehr angelaufen.

Laut jüngstem Datenupdate des Kiel Trade Indicator für Februar dürfte der
Welthandel im Vergleich zum Vormonat deutlich um 5,6 Prozent zurückgehen
(preis- und saisonbereinigt). Dies ist der größte Einbruch seit Ausbruch
der Corona-Krise im Frühjahr 2020. Der Erholungstrend der letzten Monate
ist damit jäh unterbrochen.

„Obwohl der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine erst in der letzten
Februarwoche eskalierte, scheinen Unsicherheit, Sanktionen und vermehrte
Warenkontrollen zur Einhaltung der Sanktionen den Handel jetzt schon
nachhaltig zu beeinträchtigen. Bereits Mitte Februar zeichnete sich ein
schwächerer Monat ab, die Sanktionen gegen Russland verstärken diesen
Trend“, sagte Vincent Stamer, Leiter des Kiel Trade Indicator.

Für fast alle Volkswirtschaften sind die Vorzeichen des Kiel Trade
Indicator für den Februarhandel negativ. In Deutschland dürften die
Importe im Vergleich zum Januar ungewöhnlich stark zurückgehen (-3,9
Prozent), auch die Exporte dürften sinken (-3,8 Prozent). Auch für die EU
zeichnen sich Rückgänge bei Importen (-1,6 Prozent) und Exporten (-2,8
Prozent) ab.

In den USA steht einem Minus bei den Exporten (-3,9 Prozent) ein leichtes
Plus bei den Importen (+1,2 Prozent) gegenüber. Umgekehrt in China, wo die
Exporte minimal im positiven Bereich liegen (+0,3 Prozent), die Importe im
negativen Bereich (-3,4 Prozent). Nach wie vor könnte die Omikron-Variante
Chinas Handel belasten.

Für Russland selbst weist der Kiel Trade Indicator einen starken Einbruch
der Exporte gegenüber Januar um 11,8 Prozent aus, alleine im Hafen von St.
Petersburg wurden im Februar 17 Prozent weniger Güter verschifft. Die
Ausfuhren aus Russlands größtem Containerhafen waren schon den gesamten
Monat über niedrig, die Sanktionen am Ende des Monats haben sie noch
weiter gebremst. Bei den russischen Importen ist dagegen nur mit einem
verhaltenen Rückgang um 1,6 Prozent zu rechnen.

„Die Gemengelage im russischen Handel ist unübersichtlich, aber ganz
offenbar zeigen die vom Westen verhängten Sanktionen Wirkung. Alleine aus
Unsicherheit über die Bezahlung dürften russische Exporteure vermehrt
Güter zurückhalten. Große Reedereien haben zwar den Stopp ihrer
Lieferungen nach Russland verkündet, dies betrifft allerdings nur neue
Buchungen. Alte Buchungen werden, sofern diese nicht gegen Sanktionen
verstoßen, derzeit noch planmäßig nach Russland verschifft“, so Stamer.

Die Ukraine wird im Kiel Trade Indicator nur im Verbund der übrigen
Mitglieder der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) ohne Russland
erfasst. Für diese zeichnet sich ein negativer Wert bei den Exporten (-4
Prozent) und ein positiver Wert bei den Importen (+2,3 Prozent) ab.

Positionsdaten von Containerschiffen zeigen aber, dass die Ukraine
weitestgehend vom internationalen Seehandel abgeschnitten ist. Den
wichtigsten Hafen des Landes, Odessa am Schwarzen Meer, hat seit
Kriegsausbruch kein großes Containerschiff mehr angelaufen.

„Die Februarzahlen geben einen Vorgeschmack auf die wirtschaftlichen
Folgen des Ukraine-Krieges. In den kommenden Monaten dürfte sich der
Güterhandel zwischen der EU und Russland aufgrund der Sanktionen,
Unsicherheit, aber auch freiwilligen Einschränkungen durch Unternehmen und
Bevölkerung deutlich reduzieren“, sagte Stamer. „Vermehrte Zollkontrollen,
um die Einhaltung der Sanktionen gegen Russland zu überprüfen, können
zusätzlich zu Verzögerungen im Seehandel führen.“

Die nächsten Aktualisierungen des Kiel Trade Indicator erfolgen am 22.
März (ohne Medieninformation) und am 6. April (mit Medieninformation und
den Handelsdaten im März 2022).

Weitere Informationen zum Kiel Trade Indicator und die Prognosen für alle
75 Länder finden Sie auf www.ifw-kiel.de/tradeindicator.

Über den Kiel Trade Indicator

Der Kiel Trade Indicator schätzt die Handelsflüsse (Im- und Exporte) von
75 Ländern und Regionen weltweit, sowie des Welthandels insgesamt. Im
Einzelnen umfassen die Schätzungen über 50 Länder sowie Regionen wie die
EU, Subsahara-Afrika, Nordafrika, den Mittleren Osten oder Schwellenländer
Asiens. Grundlage ist die Auswertung von Schiffsbewegungsdaten in
Echtzeit. Ein am IfW Kiel programmierter Algorithmus wertet diese unter
Zuhilfenahme von künstlicher Intelligenz aus und übersetzt die
Schiffsbewegungen in reale, saisonbereinigte Wachstumswerte gegenüber dem
Vormonat.

Die Auswertung erfolgt zweimal im Monat. Um den 20. (mit Pressemeldung)
für den laufenden und den folgenden Monat und um den 3. (ohne
Pressemeldung) für den vergangenen und den laufenden Monat.

An- und ablegende Schiffe werden dabei für 500 Häfen weltweit erfasst.
Zusätzlich werden Schiffsbewegungen in 100 Seeregionen analysiert und die
effektive Auslastung der Containerschiffe anhand des Tiefgangs gemessen.
Mittels Länder-Hafen-Korrelationen können Prognosen erstellt werden, auch
für Länder ohne eigenen Tiefseehafen.

Der Kiel Trade Indicator ist im Vergleich zu den bisherigen
Frühindikatoren für den Handel deutlich früher verfügbar, deutlich
umfassender, stützt sich mit Hilfe von Big Data auf eine bislang
einzigartig große Datenbasis und weist einen im Vergleich geringen
statistischen Fehler aus. Der Algorithmus des Kiel Trade Indikators lernt
mit zunehmender Datenverfügbarkeit dazu (machine learning), so dass sich
die Prognosegüte im Lauf der Zeit weiter erhöht.