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Schlüsseltechnologien in Deutschland und der EU: Schlüssel zu ökonomischer Stärke

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Die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) hat ihr neues
Jahresgutachten an Bundesministerin Stark-Watzinger überreicht. Es nimmt
die Stärken und Schwächen Deutschlands bei Schlüsseltechnologien in den
Blick und mahnt dringenden politischen Handlungsbedarf an. Mit Prof. Dr.
Carolin Häussler ist auch eine Wissenschaftlerin der Universität Passau in
der Kommission vertreten.

„Schlüsseltechnologien“, so Prof. Dr. Uwe Cantner von der Universität Jena
und Vorsitzender der Expertenkommission, „nehmen eine Schlüsselrolle bei
der technologischen und ökonomischen Entwicklung eines Landes ein, da sie
zur Entstehung neuer dynamischer Märkte beitragen und essenziell für die
innovative Weiterentwicklung und Anwendung vieler anderer Technologien
sind.“ Ein klassisches Beispiel sind Steuerungschips, die für moderne,
digitale Produktionsverfahren und Smart-Home-Anwendungen ebenso
unersetzlich sind wie für die Bereitstellung und Weiterentwicklung neuer
Energie- und Mobilitätskonzepte.

Neben diesen etablierten Schlüsseltechnologien existieren aber auch junge
Technologien wie die künstliche Intelligenz (KI), deren wirtschaftliches
Potenzial sich erst in Zukunft entfalten wird. „Der Markt für künstliche
Intelligenz ist aktuell noch vergleichsweise klein. Prognosen gehen aber
davon aus, dass der KI-Markt bereits im Jahr 2024 die 500-Milliarden-US-
Dollar-Marke überschreiten wird. Da steckt eine Menge Dynamik drin”, so
Uwe Cantner. „Es stellt sich darum nicht nur die drängende Frage, wie
Deutschland hinsichtlich aktueller Schlüsseltechnologien aufgestellt ist,
sondern auch, welche Technologien das Potenzial haben, die
Schlüsseltechnologien von morgen zu werden.”

Deutschland schwach bei digitalen Technologien – Rasanter Aufstieg Chinas

Die Expertenkommission hat daher 13 Einzeltechnologien untersucht, die
sich vier übergeordneten Bereichen von Schlüsseltechnologien zuordnen
lassen: Produktion, Material, Bio- und Lebenswissenschaften sowie digitale
Technologien. Anhand der Auswertung von wissenschaftlichen Publikationen,
Patentanmeldungen, Handelsstatistiken und der internationalen
Standardsetzung ergibt sich folgendes Bild: „Deutschland hat durchaus
Stärken in den Produktionstechnologien sowie den Bio- und
Lebenswissenschaften“, erklärt Prof. Dr. Carolin Häussler von der
Universität Passau und Mitglied der Expertenkommission. Als „ernsthaft
kritisch“ bewertet die EFI laut Carolin Häussler allerdings, dass
„Deutschland im Bereich der digitalen Technologien deutliche Schwächen
zeigt, wie auch die gesamte EU“. Damit riskiert Deutschland mit seinen
europäischen Partnern nicht nur den Anschluss an einen ökonomisch immer
bedeutsamer werdenden Technologiebereich zu verlieren, sondern gefährdet
auch seine bestehenden Stärken in anderen Schlüsseltechnologiebereichen
wie bspw. den Produktionstechnologien sowie den Bio- und
Lebenswissenschaften. „Die Ausstrahlwirkung der digitalen Technologien in
die anderen Schlüsseltechnologien ist enorm. Hier Schwächen zu haben
bedeutet, unsere Stärken zu riskieren“, warnt Carolin Häussler.

In starkem Kontrast zur Schwäche Deutschlands und Europas bei digitalen
Technologien steht die ausgewiesene Stärke Chinas. Besonders beeindruckend
ist die Dynamik, mit der sich China in den letzten 20 Jahren – quasi aus
dem Nichts heraus – eine Spitzenposition in der Forschung, Anwendung und
beim Handel mit fast allen Schlüsseltechnologien erarbeitet hat. Für
Deutschland ist China heute der wichtigste Lieferant von digitalen
Technologien sowie Produktions- und Materialtechnologien. Die Abhängigkeit
von chinesischen Importen macht der Expertenkommission Sorge.
„Internationale Arbeitsteilung und Außenhandel sind ja grundsätzlich
vorteilhaft und nicht jede Volkswirtschaft muss alles selbst herstellen.
Doch können Schieflagen auftreten. In Anbetracht des wachsenden
systemischen Konkurrenzverhältnisses zwischen der westlichen Welt und
China etwa wächst das Risiko, dass wir künftig auf wichtige Technologien
nicht mehr verlässlich zugreifen können”, gibt Carolin Häussler zu
bedenken. Daher sieht die EFI „dringenden Handlungsbedarf: Die Themen
Schlüsseltechnologien und technologische Souveränität gehören oben auf die
politische Agenda!“

Voraussetzungen für strategische Förderung von Schlüsseltechnologien
schaffen

Da die strategische Förderung von Schlüsseltechnologien in Deutschland –
anders als in China und den USA – erst am Anfang steht, empfiehlt die EFI
ein regelmäßiges und systematisches Erfassen von etablierten und
potenziellen Schlüsseltechnologien. Ein unabhängiges Beratungsgremium
sollte auf Grundlage dieses Monitorings ein kontinuierlich aktualisiertes
Technologie-Portfolio erstellen und die Bundesregierung zum Umgang mit
diesen Schlüsseltechnologien beraten.

Förderung europäisch denken und insbesondere auch Anwendungen fördern

Die Bundesregierung sollte bei ihrer Förderung von Schlüsseltechnologien
starke Akzente bei der Grundlagen- und angewandten Forschung sowie beim
Aufbau entsprechender Kompetenzen durch das Bildungssystem setzen. Neben
diesen Maßnahmen im vormarktlichen Bereich sind direkte staatliche
Eingriffe in den Markt kein Tabu mehr. „Das Welthandelssystem hat sich in
den letzten Jahren verändert, das Ideal gleicher Wettbewerbsbedingungen
ist unter Druck geraten und kritische Abhängigkeiten, mit allen
Konsequenzen für die technologische Souveränität, werden zur realen
Gefahr. Daher sind zur Förderung potenzieller Schlüsseltechnologien
industriepolitische Maßnahmen durchaus angebracht“, so Uwe Cantner,
„sofern sie einen anstoßenden, katalytischen Charakter haben, d.h. nach
einiger Zeit auch wieder zurückgenommen werden“. Dabei muss die Förderung
unbedingt europäisch organisiert werden, denn, so betont Uwe Cantner,
„eine starke Position an der weltweiten Spitze ist für Deutschland nur im
Verbund mit den übrigen EU-Ländern möglich.“

Engagement in Standardisierungskomitees stärken

Ein wichtiger Aspekt bei der Kommerzialisierung von Schlüsseltechnologien
ist die Normung und Standardisierung. Da das deutsche Engagement in den
dafür zuständigen internationalen Organisationen gering ist, sollten
dringend Anreize für die Unternehmen gesetzt und Kosten bezuschusst
werden. „Es ist wichtig, dass deutsche und europäische Interessen beim
Aushandeln zukünftiger Normen und Standards vertreten sind“, betont
Carolin Häussler, denn „ansonsten werden die Weichen von anderen Regionen
in der Welt gestellt.“

Quelle: Geschäftsstelle der Expertenkommission Forschung und Innovation