Lässt sich der Startup-Erfolg an der Twitter-Stimmungslage ablesen?
Digitale soziale Medien, wie beispielsweise Twitter, sind aus der heutigen
Medienlandschaft nicht mehr wegzudenken und beeinflussen bzw. spiegeln
politische, gesellschaftliche und ökonomische Diskurse. VHB expert
Andranik Tumasjan, Professor für Management und Digitale Transformation
der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, über die Vorhersagekraft von
Stimmungslagen in sozialen Medien am Beispiel von Startups.
Lassen sich aus der Aggregation einer großen Anzahl von Nachrichten zu
bestimmten Themen oder Inhalten (z.B. über bestimmte Unternehmen,
Technologien, Produkte usw.) gehaltvolle Informationen zur Beschreibung
politischer, gesellschaftlicher und ökonomischer Phänomene gewinnen? Sind
Social Media gar Informationsmärkte, deren aggregierte Signale für
Vorhersagen von ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen
Phänomenen genutzt werden können? VHB expert Andranik Tumasjan, Professor
für Management und Digitale Transformation der Johannes Gutenberg-
Universität Mainz, über die Vorhersagekraft von Stimmungslagen in sozialen
Medien am Beispiel von Startups.
Boom der Social Media-Forschung
In den letzten 10-15 Jahren haben weltweit tausende Publikationen den
Informationsgehalt von sozialen Medien für die Vorhersage bzw.
Beschreibung von unterschiedlichen Phänomenen untersucht, wie
beispielsweise: politische Wahlen und Meinungsbilder, Aktienmärkte,
Marketingerfolg, Kinokarten-Verkaufszahlen, epidemiologische Daten,
Cybersicherheitsrisiken oder Naturkatastrophen. Für die Untersuchung
wurden hierbei verschiedene Textmining-Methoden zur automatisierten
Analyse einer Vielzahl von Texten verwendet.
Twitter-Stimmungslage zu innovativen Technologien aussagekräftig
Eine aktuelle Studie (Tumasjan et al., 2021) untersucht, ob das
Informationssignal „Stimmungslage auf Twitter zu einer innovativen
Technologie“ (z.B. Blockchain) die Risikokapital-Bewertung und den Erfolg
von Startups, deren Geschäftsmodell auf dieser Technologie beruht,
vorhersagen kann. Die Ergebnisse zeigen, dass in der Tat die
Risikokapitalbewertung der Startups durch Risikokapitalunternehmen, nicht
aber der langfristige Erfolg der Startups (d.h. Börsengang oder
Akquisition) vorhergesagt werden kann.
Patente haben langfristig stärkste Vorhersagekraft
Risikokapitalunternehmen beziehen Twitter-Signale in ihre Bewertungen ein
– auch sachkundige und erfahrene Akteure sind also nicht immun gegen einen
„Twitter-Hype“. Hingegen sagen die von den Startups gehaltenen Patente
bzw. Patentanträge sowohl die Bewertung als auch den langfristigen Erfolg
vorher. Insgesamt können aggregierte Informationen auf Twitter somit als
„schwaches Signal“ im Vergleich zu etablierten „starken Signalen“, wie
Patenten, interpretiert werden.
