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Ein wissenschaftlicher Schatz im Papyrusmüll

Aus kleinsten Papyrusschnipseln erfuhren die Studierenden viele Informationen über das Leben im antiken Ägypten.  Dr. Stefan Baumann  Universität Trier
Aus kleinsten Papyrusschnipseln erfuhren die Studierenden viele Informationen über das Leben im antiken Ägypten. Dr. Stefan Baumann Universität Trier
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Aus kleinsten Papyrusschnipseln erfuhren die Studierenden viele Informationen über das Leben im antiken Ägypten.  Dr. Stefan Baumann  Universität Trier
Aus kleinsten Papyrusschnipseln erfuhren die Studierenden viele Informationen über das Leben im antiken Ägypten. Dr. Stefan Baumann Universität Trier

In einer Lehrveranstaltung der Altertumswissenschaften machten Studierende
der Universität Trier überraschende Entdeckungen.

Eine Schachtel voller kleiner Schnipsel – ab damit in die Mülltonne?
Keinesfalls. Denn dieser Karton ist gefüllt mit Tausenden kleinen,
teilweise nur Millimeter großen antiken Papyrus-Fragmenten. Und die haben
es im wahrsten Sinn des Wortes in sich, wie Studierende der Universität
Trier herausgefunden haben. In einer Lehrveranstaltung haben sie den
Schnipseln eine Menge spannender und überraschender Informationen entlockt
und sind dabei sogar auf Gold gestoßen.

Die ursprünglich aus dem antiken Ägypten stammenden Fragmente gehören zur
Papyrussammlung der Universität Trier und waren über den Kunsthandel
dorthin gelangt. Da das Material bisher noch nicht wissenschaftlich
untersucht worden war, konnten 15 Studierende der Altertumswissenschaften
erstmalig zahlreiche Forschungsfragen an diese historischen
Hinterlassenschaften stellen und auch einige lösen. Dr. Stefan Baumann
(Ägyptologie) und JProf. Dr. Patrick Reinard (Papyrologie) leiteten diese
außergewöhnliche interdisziplinäre Übung im gerade beendeten
Sommersemester.

In wochenlanger Fleißarbeit galt es zunächst, die Papyrusfragmente zu
sortieren. Die Studierenden sichteten sie nach komplett erhaltenen Text-
und Buchstabenresten und erlebten eine erste Überraschung. Auf den
Fragmenten waren mindestens vier verschiedene Sprachen und Schriftformen
überliefert: Hieratisch, Demotisch, Griechisch und Arabisch. Auf einigen
Fragmenten ließen sich auch wahrscheinliche Hinweise auf die koptische
Sprache finden. Die Papyrusfragmente in der unscheinbaren Schachtel
stammen folglich aus ganz unterschiedlichen Zeiträumen. Besonders
bemerkenswert sind auch zahlreiche Stücke mit Schriftresten in roter
Farbe. Dabei handelt es sich oftmals um Überschriften, deren Bedeutung
farblich vom üblicherweise schwarzen Fließtext hervorgehoben wurde.

Eine unerwartete Entdeckung war zudem, dass Papyrusfragmente mit bemaltem
Gips, Leinen, Lehm und Pflanzenteilen durchmischt waren. Daraus lässt sich
schließen, dass die Papyri zur Mumifizierung verwendet wurden. Eindeutig
ist dies bei farbigen Gipsstücken, die als Reste einer Totenmaske gedeutet
werden können. Insgesamt handelt es sich bei dem Befund großenteils um
sogenannte Mumienkartonnage, die im griechisch-römischen Ägypten (ca. 3.
Jh. v. Chr. bis in die spätrömische Zeit) zur Bestattung verwendet wurde.
Zur Herstellung dieser Kartonnage wurden die zuvor als Schreibmaterial
genutzten Papyri gewissermaßen recycelt und schützend auf den Körper eines
Verstorbenen gelegt.

Auf einigen Fragmenten entdeckten die Studierenden sogar Goldreste, die
ebenfalls auf die einstige Verwendung als Mumienkartonnage hinweisen.
Außerdem fanden die Studierenden mit Unterstützung ihrer Dozenten heraus,
dass die Fragmentsammlung nicht aus einem einzigen historischen Fund
stammt, sondern wahrscheinlich aus verschiedenen Orten Ägyptens
zusammengetragen wurde.

„Einige hatten die Schachtel mit den Fragmenten schon scherzhaft als
Papyrusmüll abgetan. Nicht nur wegen der Spuren von Gold, sondern vor
allem angesichts der neuen Erkenntnisse könnte man sie nun ebenso gut als
wissenschaftlichen Papyrusschnipsel-Schatz bezeichnen", so die beiden
Dozenten, JProf. Dr. Patrick Reinard und Dr. Stefan Baumann.

Tatsächlich ließen sich aus dem Papyrusmaterial auch zahlreiche Aspekte
zur Lebenswelt der Antike erschließen. In der Lehrveranstaltung wurden sie
thematisch vertieft, etwa durch Informationen zum Material Papyrus und
seiner Herstellung, zum Papyrushandel und zu Prozessen der
Wiederverwertung. Darüber hinaus wurden die verschiedenen Schriftformen
unter Berücksichtigung der Schriftentwicklung und Paläographie betrachtet.
Nicht zuletzt lernten die Studierenden auch Neues über die
Mumifizierungstechnik sowie die religiösen Vorstellungen im alten Ägypten.

Trotz intensiver Bemühungen und Diskussionen konnte die Frage nach dem
genauen Ursprung der Papyrusfragmente noch nicht geklärt werden. Somit
wird die Schnipselsammlung in den nächsten Semestern Gegenstand weiterer
Lehrveranstaltungen sein. Dann werden sich die Studierenden auch mit der
dauerhaften Restauration und der Rekonstruktion von zusammengehörenden
Fragmenten beschäftigen.