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Welttag der humanitären Hilfe am 19. August: Wie politisch ist humanitäre Hilfe?

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Die Vereinten Nationen würdigen mit einem jährlichen Aktionstag am 19.
August humanitäre Helfer:innen und möchten die Bedeutung humanitärer Hilfe
ins Bewusstsein rücken. Viele Millionen Menschen sind weltweit
beispielsweise infolge von Naturkatastrophen, Kriegen und zuletzt auch
durch die Corona-Pandemie auf humanitäre Hilfe angewiesen. Dr. Steffi
Marung forscht an der Universität Leipzig unter anderem zur Geschichte der
Entwicklungspolitik. Sie sagt: Die Spannung zwischen De- und Re-
Politisierung humanitärer Hilfe hat seit den 1970er Jahren zugenommen.

Frau Dr. Marung, unter „humanitärer Hilfe“ verstehen viele selbstlose
Hilfe für Menschen in Not, um unter anderem das Ausbreiten von
Krankheiten, Hunger und Wassermangel einzudämmen beziehungswiese zu
verhindern sowie Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, unabhängig von
politischen Rahmenbedingungen. Inwiefern war in der Geschichte humanitäre
Hilfe tatsächlich unpolitisch?

Dies ist eines der Dilemmata der humanitären Hilfe, auf die unter anderem
der deutsche Historiker Johannes Paulmann hingewiesen hat, und das die
Geschichte der humanitären Hilfe seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert
prägt. Für die Rote Kreuz-Bewegung – einer der wichtigsten Ursprünge des
internationalen humanitären Regimes – stand die Distanzierung von
politischen Interessen im Zentrum. Auf diesem Versprechen des
Unpolitischen beruhte auch lange der Erfolg dieser Bewegung. Doch genau in
dem Moment, in dem das Internationale Komitee vom Roten Kreuz 1863 auf
Initiative des Genfer Unternehmers Henri Dunant gegründet wurde – in
Reaktion auf seine Erlebnisse auf den Schlachtfeldern von Solferino –
schickten sich britische und französische imperiale Eliten an, ihre
kolonialen Projekte auch mit humanitären Argumenten abzusichern, als Teil
ihrer „Zivilisierungsmission“. Beispielsweise, indem sie die hygienischen
Bedingungen in den Städten der Kolonien zu verbessern suchten. Und wieder
andere Akteure – wie europäische oder amerikanische Missionare – sahen in
humanitärer Hilfe ihre religiöse Pflicht jenseits staatlicher Interessen,
aber eben auch ein Mittel zur Gewinnung von Gläubigen.

Diese Spannung zwischen der De- und Re-Politisierung von humanitärer Hilfe
ist also kein Spezifikum des Kalten Krieges oder der neuen globalen
Konkurrenz heute. Gleichwohl hat die Professionalisierung und Ausweitung
des „Empire of Humanity“, wie es der amerikanische Politikwissenschaftler
Michael Barnett kritisch apostrophierte, seit den 1970er enorm an Dynamik
gewonnen. Während des Kalten Krieges haben nicht nur die Staaten in den
beiden Blöcken versucht, sich mit humanitärer Unterstützung als die
bessere Hälfte der Welt darzustellen, auch internationale Organisationen
wie die Weltbank – von vielen als Instrument amerikanischer Außenpolitik
kritisiert – haben sich verstärkt humanitären Problemen zugewandt. Die
Weltbank unter Robert McNamara hat beispielsweise den Kampf gegen den
Hunger in den Mittelpunkt gestellt, während die UN insgesamt zur
wichtigsten Koordinatorin humanitärer Hilfe weltweit wurde. Und es sind
eine Vielzahl nichtstaatlicher Akteure auf die Bühne getreten – manchmal
im wortwörtlichen Sinne, wenn wir an die von Bob Geldof organisierten
Live-Aid-Konzerte denken. Ziel des ersten dieser Konzerte 1985 war es,
Spendengelder für die hungernden Menschen in Äthiopien zu sammeln – und es
dauerte nicht lang, bis dieses Unternehmen in die Kritik geriet: als
Medienspektakel, als „humanitarian business“, aber auch, weil Äthiopien
damals dem sozialistischen Lager zugerechnet wurde und das Regime der Derg
im Westen als autoritär und repressiv galt.

In Mitteleuropa verbinden viele humanitäre Hilfe mit mehr oder weniger
selbstloser Entwicklungshilfe der „ersten Welt“ für die „dritte Welt“,
vornehmlich in Afrika. Hält diese Sicht der Realität stand?

Die Geber können auch aus dem Globalen Süden kommen – und auch das nicht
erst in jüngster Zeit, wie es uns die berühmten chinesischen Masken in
Europa während der Corona-Pandemie vor Augen geführt haben, sondern auch
hier wieder mit langer Tradition. Kubanische Ärzte beispielsweise sind
seit den 1960er Jahren in vielen Ländern des globalen Südens ein wichtiger
Anker in kurz- und langfristigen Gesundheitskrisen, während der kubanische
„medical internationalism“ seit der kubanischen Revolution beeindruckende
Ausmaße angenommen hat und sich auch in der Corona-Krise zeigte, als 53
Ärzte und Pflegepersonal dem Hilfeersuchen Italiens im März 2020 folgten.

Jüngst ging es beim von Russland ausgerichteten Afrika-Gipfel auch um die
Frage von Getreidelieferungen nach Afrika im Angesicht des Kriegs in der
Ukraine und des ausgelaufenen russisch-ukrainischen Getreideabkommens.
Russland hat nicht nur versprochen, für die ausfallenden Lieferungen durch
die Ukraine einzuspringen, sondern sogar kostenlos Getreide zu liefern.
Das ist sicherlich nur ein Beispiel von vermeintlich selbstloser Hilfe.
Was steckt hinter solcher Art von Großzügigkeit?

Das ist ein besonders zynischer Ausdruck der Dialektik aus De- und Re-
Politisierung humanitärer Hilfe. Hier kann Geopolitik neue humanitäre
Krisen provozieren und der Kampf um eine neue Weltordnung wird auf dem
Rücken der vulnerabelsten Gruppen ausgetragen. Diese Art von Konkurrenz
haben wir auch während der Corona-Pandemie gesehen, als China, Russland
und westliche Staaten in ihrer Impf-Diplomatie epidemologische,
humanitäre, geopolitische – und nicht zuletzt wirtschaftliche – Interessen
miteinander verschränkten.

China beispielsweise war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor
allem Empfänger von humanitärer und Entwicklungshilfe – und zwar aus ganz
verschiedenen Richtungen. Insbesondere die USA und die Sowjetunion haben
hier seit den 1930er Jahren ihre Konkurrenz ausgetragen. Seit den 1960er
Jahren begann der chinesische Staat, humanitäre Hilfe im Globalen Süden zu
leisten, auch als Abgrenzung sowohl zum Westen als auch zum Ostblock, nach
dem chinesisch-sowjetischen Zerwürfnis Mitte der 1960er Jahre.

Viele Menschen teilen vermutlich die Beobachtung einer Welt in der Multi-
Krise: Wir haben es nicht nur mit einer Vielzahl paralleler Notlagen und
Herausforderungen zu tun, sondern sie sind oftmals eng verflochten. Dazu
zählen Notsituationen, die durch die Klimakrise ausgelöst werden, ebenso
wie die jüngsten und die kommenden Pandemien, Kriege in verschiedenen
Teilen der Welt aber auch Naturkatastrophen. Für diese dringend notwendige
Kooperationsfähigkeit ist zunächst ein Verständnis für die Dilemmata der
humanitären Hilfe notwendig. Historische Einordnung kann da ebenso helfen
wie der Blick auf und aus verschiedenen Weltregionen.



Dr. Steffi Marung ist Leiterin des Projekts „Freie Radikale? Politische
Mobilitäten und postkoloniale Verräumlichungsprozesse in der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts“ am Sonderforschungsbereich 1199
„Verräumlichungsprozesse unter Globalisierungsbedingungen“ der Universität
Leipzig. Sie ist zugleich am Forschungsvorhaben New Global Dynamics im
Rahmen der zweiten Wettbewerbsphase der Exzellenzstrategie von Bund und
Ländern beteiligt.